Der Generationenvertrag bricht

Er hat alle Umwälzungen überlebt. Aber schon bald wird der Generationenvertrag ­Geschichte sein – und vielleicht selber eine Revolution auslösen.

Der Grundsatz blieb immer derselbe, auch wenn sich die Details im Lauf der Zeit ständig änderten: Die Erwachsenen sorgen für die Kinder, wenn sie klein und hilflos sind. Dafür schauen diese als Erwachsene zu den Alten, wenn Hilfe nötig ist.
Dieser Vertrag wird nicht gebrochen, er bricht. Er zerfällt unter der Last von mindestens drei historischen, schwer zu bändigenden Kräften: der demografischen Entwicklung, der Verschuldung und der Beschleunigung.

Es ist nicht leicht, angesichts der aktuellen demografischen Zahlen zuversichtlich zu bleiben. Die Kombination von Geburtenrückgang und Lebensverlängerung produziert ein historisch einmaliges Verhältnis zwischen Leistungserbringern im Erwerbsalter und Leistungsempfängern nach der Pensionierung.
Zudem haben wir nicht mehr drei, sondern vier Generationen mit wechselseitigen Abhängigkeiten: Kinder und Jugendliche, Erwerbstätige, Jungrentner und Hochbetagte.
Bei der Einführung der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) 1948 kamen auf einen Rentner 6,3 Personen im Erwerbsalter, heute sind es ungefähr drei, 2030 werden es noch zwei sein (1). Die Verschiebung ist in erster Linie der grösseren Lebenserwartung geschuldet. 1950 konnte ein 65-jähriger Mensch in der Schweiz mit weiteren 13,5 Jahren rechnen, heute sind es 23(2). Doch selbst wenn wir nicht mehr älter werden sollten, wird sich der Trend noch verschärfen, weil jetzt die Babyboomer in Rente gehen.
Um am bisherigen Rentenalter festhalten und die versprochenen Leistungen bezahlen zu können, bräuchten wir nach Berechnungen von Avenir Suisse in den nächsten zwanzig Jahren eine Netto-Immigration von 135 000 Personen jährlich3. 2,7 Millionen Ausländer, das dürfte nicht nur der SVP zu viel sein, sondern auch den räumlichen Ressourcen.

Soll doch die nächste Generation bezahlen – auch eine Form von Generationenvertrag

Das Problem besteht nicht nur aus weniger Beitragszahlern, sondern auch aus höheren Pflegekosten. 1995 waren 38 000 Menschen 90 oder mehr Jahre alt, heute sind es fast doppelt so viele. Entsprechend haben sich die Kosten für die Langzeitpflege gemäss offizieller Statistik von 4,9 Mrd. (1995) auf 10,9 Mrd. Franken (2012) verdoppelt. 60 Prozent dieser Kosten trägt die Allgemeinheit. Sparen fürs Alter wird nämlich bestraft. Wer beim Eintritt ins Pflegeheim noch Vermögen hat, muss die Kosten selber bezahlen; wer es verbraucht hat, wird über die Ergänzungsleistungen der AHV finanziert.
Um das Verhältnis von Beitragszahlern und Empfängern bei der AHV wieder ins Lot zu bringen, müsste das Rentenalter um drei Jahre erhöht werden, wie Martin Eling, Professor für Versicherungswirtschaft der Hochschule St. Gallen ausgerechnet hat. Weil das politisch nicht durchsetzbar ist, häuft die AHV Defizite an. 2030 werden die Schulden der AHV gemäss Eling bei 110 Mrd. Franken liegen, so viel wie die gesamten Schulden der Eidgenossenschaft heute. Soll doch die nächste Generation bezahlen – auch eine Form von Generationenvertrag.

Ähnlich schief steht die zweite Säule, die berufliche Vorsorge auf der Basis der Kapitalbildung. Sie ist zwar nicht von der Demografie abhängig, sondern vom ebenso tückischen Kapitalmarkt. 1985 in einer Hochzinsperiode mit grossen Versprechungen eingeführt, steht die grosse Ernüchterung noch bevor. In den letzten zehn Jahren betrug die real erzielte Verzinsung im Durchschnitt 2,35 Prozent. Der «technische Zinssatz», der den Versicherten gutgeschrieben werden muss, lag fast doppelt so hoch, bei vier Prozent. Es wurde also mehr versprochen, als gehalten werden kann. Auch der Umwandlungssatz – er bestimmt, wie viel Geld tatsächlich ausbezahlt wird – lag über den tatsächlichen Erträgen. Per saldo ergibt sich daraus ein jährlicher Transfer von 3,15 Mrd. Franken von Jung zu Alt.

Wir haben nicht mehr drei, sondern vier Generationen mit wechselseitigen Abhängigkeiten: Kinder und Jugendliche, Erwerbstätige, Jungrentner und Hochbetagte.

Noch einiges höher, nämlich bei 13,7 Mrd. Franken (2016) liegt der Transfer durch den Kapitalertrag der BVG-Einrichtungen. Dieser muss nämlich von den Erwerbstätigen erwirtschaftet werden, z.B. von den Wohnungsmietern in Liegenschaften der Pensionskassen. Geld arbeitet eben nicht, wie die Banken immer behaupten, nur Menschen.

Damit sind wir mitten in der zweiten historischen Kraft, die den Generationenvertrag zerreissen wird: der Verschuldung. Schulden sollten im Prinzip von denen bezahlt werden, die sie gemacht haben, je nach Art der Verpflichtung innerhalb einer Generation, also 25 Jahren. Wird die Rückzahlung weiter hinausgeschoben, muss die nächste Generation amortisieren. Das ist nicht nur ungerecht, sondern mittlerweile auch unmöglich. Weltweit liegen die Schulden bei 230 Bio. Dollar. Das ist fast viermal so viel wie das weltweite Bruttoinlandsprodukt, das sind vier Jahre Gratisarbeit. Die zur Bezahlung dieser Schulden vorhandene Geldmenge M1 (Bargeld und Bankguthaben) beträgt global 30 Bio. – Rückzahlung unmöglich.
Auch in der reichen Schweiz gibt es keine andere Lösung, als die Schulden auf die nächsten Generationen zu übertragen und sie Zinsen für Auslagen bezahlen zu lassen, von denen andere profitierten. Den Privat-, Firmen und öffentlichen Schulden von rund 1,7 Bio. steht eine Geldmenge von 636 Mrd. Franken gegenüber.

Die unbezahlbaren expliziten Schulden sind als Problem an sich schon gross genug. Noch schwerer wiegen aber die impliziten Schulden, die noch gar nicht in den Büchern stehen. Sie bestehen vor allem aus Verpflichtungen aus den Sozialversicherungen, die bereits eingegangen wurden, aber noch nicht fällig sind. Die Stiftung Marktwirtschaft in Berlin erstellt regelmässig Rankings für die EU-Länder, in denen auch die impliziten Schulden berücksichtigt werden. Die Resultate sind erschreckend. In den EU-Ländern liegen die impliziten Schulden durchschnittlich doppelt so hoch wie die Staatsverschuldung, d.h. bei 177 Prozent des Bruttoinlandprodukts. An der Spitze der Rangliste steht Irland mit einer Staatsverschuldung von 107 Prozent und impliziten Schulden von unglaublichen 1064 Prozent des BIP. Das ergibt eine «Nachhaltigkeitslücke» von 1171 Prozent oder fast zwölf Jahren Gratisarbeit, um den Generationenvertrag wieder ins Lot zu bringen. Am anderen Ende der Skala findet sich ausgerechnet Italien mit relativ hohen Staatsschulden (132 Prozent), aber impliziten Schulden von minus 75 Prozent des BIP. Mit anderen Worten: Die Italiener haben sich ein implizites Guthaben im Umfang von drei Vierteln einer Jahresleistung angespart. Insgesamt liegt die «Nachhaltigkeitslücke» im EU-Durchschnitt bei 266 Prozent des BIP, in der Schweiz nach einer älteren Studie bei 166 Prozent4.

Mit den unbezahlbaren Schulden hinterlassen wir der nächsten Generation ein Problem, das innerhalb der geltenden Rechtsordnung nicht zu lösen ist. Entweder unsere Nachfahren akzeptieren den Druck ewiger Zinszahlungen für längst verstaubte, verrostete und zerfallene Projekte oder sie revoltieren. Aber mit simpler Fortschreibung löst sich der Generationenvertrag automatisch auf. Die einzig mögliche Lösung findet sich übrigens in der Bibel: Schuldenerlass.

Die dritte Kraft, die den Generationenvertrag zu Fall bringt, hat glücklicherweise weniger mit Zahlen zu tun, ist aber noch schwieriger zu bändigen: die Beschleunigung. Sie ist Naturgesetz. Das Leben differenziert sich seit Beginn des Universums, die Interaktionen multiplizieren sich und beschleunigen damit die Veränderung.
Noch im Mittelalter wurden die Kinder in die Welt ihrer Grosseltern geboren. Man ass mit dem Löffel, den schon die Grossmutter brauchte und arbeitete im Beruf des Grossvaters. Identität war kaum veränderlich – man war seine Vorfahren. Dann kam der Buchdruck und neue Welten öffneten sich allen, die sich des Lesens kundig machten. Das war so revolutionär, dass man sogar die Religion der Eltern über den Haufen warf. Weitere Stufen der Beschleunigung zündeten mit der Industrialisierung und der Entwicklung der Geldwirtschaft. Wer immer wollte, konnte ein neues Leben beginnen, in der Fabrik, in der Bürokratie oder, wenn das nicht gelang, in Übersee.

Wer morgens als neuer Mensch erwacht, verliert die Beziehung zu den Freunden von gestern.

Die beste Zeit für die Jungen wie für die Älteren waren wohl die 50er- und die 60er-Jahre. Alle wurden gebraucht, alle hatten etwas Konkretes von ihrer Arbeit, ein Auto, Urlaub am Meer und vielleicht ein Häuschen. Alle lebten in ein- und derselben Welt und waren frei genug, nach ihrer Façon selig zu werden.
Mittlerweile hat sich das Leben derart beschleunigt, dass die Managementberater empfehlen, sich täglich neu zu erfinden. Doch wer jeden Morgen als neuer Mensch erwachen muss, verliert die Beziehung zu den Freunden von gestern.

Das Leben verändert sich heute während eines einzigen Lebens praktisch zur Unkenntlichkeit. Der alte Mensch steht ratlos vor dem Ticketautomat, die Welt fährt ihm buchstäblich davon. Der Junge erreicht zwar den Zug, kommt aber nie ans Ziel, weil er, versunken ins Handy, gleichzeitig nirgendwo und überall ist. Beziehung ist nicht mehr möglich, schon gar nicht zwischen den Generationen.
Die Alten, die früher in der Sippe weise werden, sich noch ein bisschen nützlich machen und den Enkeln die Welt erklären konnten, diese Alten müssen jetzt fit sein, konsumieren und Pauschalangebote buchen, bis sie schliesslich«Klienten» werden in einer Institution mit Qualitäts- und vor allem mit Kostenkontrollen. Zuerst nimmt man ihnen jegliche Arbeit ab, dann garnieren Aktivierungsfachleute die freie Zeit mit Beschäftigung. Schliesslich werden sie mit Medikamenten ruhig gestellt und nach Taxpunkten bewertet. Wer seine Strümpfe nicht mehr selber ausziehen kann, kostet mehr. Worüber soll man sich mit den Angehörigen unterhalten, wenn sie zum Pflichtbesuch kommen? Über das Menu, das Wetter oder die neusten Todesfälle? Das kann doch nicht die Ernte des Lebens sein!

Tagsüber sind die Sprösslinge in der zertifizierten Kita und werden in ihren kognitiven und sozialen Kompetenzen frühgefördert.

Der Anfang sieht ganz ähnlich aus. Die Kinder erleben die elterliche Liebe noch abends, wenn der Fernseher läuft; wenn Vater und Mutter, falls sie noch ein Paar sind, erschöpft und genervt vom Tag in der Bonus- oder in der Billiglohn-Wirtschaft, darüber diskutieren, wer denn heute dran sei, die Kinder zu Bett zu bringen. Tagsüber sind die Sprösslinge in der zertifizierten Kita und werden von professionellen Betreuerinnen in ihren kognitiven und sozialen Kompetenzen frühgefördert. Denn sie sollen es einmal noch weiter bringen als ihre Eltern, Karriere machen und schizophren werden: nämlich gleichzeitig die Norm erfüllen und einzigartig sein.

Was wir erleben, ist nicht nur das Auseinanderdriften von Alt und Jung, sondern auch den Zerfall der Kleinfamilie, der letzten Bastion des alten Generationenvertrags. Eltern-Kind-Beziehungen seien zufällig, lautet die Antwort auf die Titelfrage «Warum wir unseren Eltern nichts schulden» im kürzlich erschienenen Buch von Barbara Bleisch, der Moderatorin der TV-Sendung «Sternstunde Philosophie». Wenn selbst Familienbindungen zur Disposition stehen, hat der Individualismus seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Dann folgen Beziehungen der Lust, dem Zweck oder allenfalls Neurosen, aber nicht mehr einer Pflicht, wie sie sich konsequenterweise aus einem Generationenvertrag ergibt.

Ich denke nicht, dass sich diese Entwicklung aufhalten, sondern nur in konstruktive Bahnen lenken lässt. Die Kleinfamilie, eine Erfindung der Industrialisierung, ist fraglos ein Auslaufmodell. Aber ihre nächste Form ist nicht der allgegenwärtige Versorgerstaat, der von der Krippe bis zur Bahre alles organisiert, finanziert und kontrolliert, sondern die Hausgemeinschaft, die lebendige Nachbarschaft, das organische Quartier, wo alle Altersgruppen in Pantoffeldistanz 80 Prozent von dem finden, was man zum Leben braucht: Freundschaft, Unterhaltung, Rückzug, Alltagsbedarf, Dienste und Beschäftigung. Wo alles Platz hat, können sich Menschen als Menschen begegnen, in einer überschaubaren Welt, die für alle die gleiche ist: das Zuhause.
Solche Orte sind selten, sie müssen heute gewollt, wenn nicht sogar gebaut werden. Die architektonischen Modelle sind da, ein Grundstock an sozialem Wissen auch. Was es braucht, sind Pioniere, die solchen Visionen Leben einhauchen und eine breite, aber kleinzellige Revolution auslösen.

Ich habe grosse Hoffnung in die Generation, die Freiheit von der Norm noch gelebt hat und jetzt in ein Alter mit Zeit und Geld kommt. An der Schwelle zwischen Tatkraft und Weisheit sind sie am ehesten in der Lage, die Generationen wieder mit dem Leben zu verbinden. Sie können den Jüngeren zeigen, wie’s geht. Und etwas von dem zurückgeben, was sie den kommenden Generationen genommen haben.
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1 Martin Eling: Der Generationenvertrag in Gefahr, Institut für Versicherungswirtschaft der Universität St. Gallen, 2012, https://www.alexandria.unisg.ch/228157/1/Eling%202012.pdf
https://www.avenir-suisse.ch/1995-2035/alterung/
3 in Jérôme Cosandey: Generationenungerechtigkeit überwinden – Revisionsvorschläge für einen veralteten Vertrag. avenir suisse, 2013.
4 Michael Ferber: Das versteckte Schuldendilemma, 25.4.2016. https://www.nzz.ch/finanzen/anleihen/implizite-staatsverschuldung-das-v…. Die Studie ist online nicht mehr verfügbar.

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Mehr zum Thema «jung | alt» in  Zeitpunkt 156.

 

ZP-156

Über

Christoph Pfluger

Submitted by reto on Do, 07/13/2017 - 08:33

Christoph Pfluger ist seit 1992 der Herausgeber des Zeitpunkt. "Als Herausgeber einer Zeitschrift, deren Abobeitrag von den Leserinnen und Lesern frei bestimmt wird, erfahre ich täglich die Kraft der Selbstbestimmung. Und als Journalist, der visionären Projekten und mutigen Menschen nachspürt weiss ich: Es gibt viel mehr positive Kräfte im Land als uns die Massenmedien glauben lassen".

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