Ein Angebot auf Erdoğans innovative Bildungsidee

Sehr geehrter Herr Erdoğan

Mit Ihrer Bildungsoffensive planen Sie für junge Bewohnerinnen und Bewohner und Schweizerinnen und Schweizer mit türkischen Wurzeln Unterrichtsstunden hier in der Schweiz, in denen über die Religion, die Geschichte und die Kultur Ihres Landes gelehrt werden soll. Ob damit das Heimweh genommen oder gefördert würde, ist noch nicht einschätzbar.

Sicher würde durch diese Innovation der revidierte Inhalt zur Staatsgeschichte und theologischen Interpretationen der Naturwissenschaft in den türkischen Schulbüchern den Weg zu noch mehr jungen Herzen finden.

Im Sinne des Wissens- und Kulturaustausches läge es doch nun an unserer Regierung, Ihnen und Ihrem Volk ein ebenbürtiges Angebot als Geste der gemeinsamen Wappenfarben Rot anzubieten. So hätten in der Türkei lebende Eidgenossen mit oder ohne roten Pass, aber mit helvetischem Migrationshintergrund ebenso die Freude, in den durch das Eidgenössische Departement für Bildung betreuten Schulstunden zu erfahren, dass Wilhelm Tell eine Romanfigur eines Deutschen Schriftstellers ist, dass die Schweiz sich durch kluge Geschäfte im Zweiten Weltkrieg über Wasser halten konnte und dass die Trikotfarben der Schweizer Fußballnationalmannschaft (Platz 6 auf der Weltrangliste) nur fast identisch sind mit jenen der Teams aus Spanien, Ägypten oder eben der Türkei. Selbstredend könnten Themen wie direkte Demokratie, die vierte Macht der Medien oder Ökologie als freiwillige Zusatzfächer angeboten werden. Aber das wären abzuklärende Details.

Nach erfolgreichem bilateralem Austausch im Bereich Tourismus, Fussball und den 5,3 Milliarden Handelsvolumen in Franken (2016) dürfte ein zusätzlicher Transfer in Sachen Weltbild und Bildung befruchtend für beide Seiten sein. Das von Ihren Vorgängern 1926 übernommene Schweizer Zivilgesetzbuch und Obligationenrecht soll weiterhin als völkerverbindendes Geschenk gelten, egal was damit ging oder noch gehen wird.

Zuversichtlich für eine gemeinsame Zukunft der Aufklärung, Weitsicht und Gelassenheit danke ich und verbleibe mit einem herzlichen Grüss Gott!* 

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*Eher eine Redewendung in Bayern und Österreich, aber das kann dann in der Schweizer Schule in Ankara erläutert werden.

Der passende Buchtipp:

Revolution islamischen Rechts – Das Schweizerische ZGB in der Türkei, Band 2, Hans-Lukas Kieser, Astrid Meier, Walter Stoffel (Hrsg.), Chronos Verlag, CHF 38.–

Über

Urs Heinz Aerni

Submitted by reto on Do, 09/07/2017 - 11:10

Urs Heinz Aerni (*1962) besuchte in Bern die Kunstgewerbeschule, in Olten die Buchhandelsschule, machte u. a. in Zürich die Journalismusausbildung und absolvierte die Ausbildung bei BirdLife zum Feldornithologen. Er beschäftigt sich mit Tendenzen in der Gesellschaft und mit der Natur. Er pendelt zwischen Zürich, Berlin, Innsbruck und ist oft in den Bergen. Nebst Schreiben vertritt er den Zeitpunkt als Botschafter.  www.ursheinzaerni.com