Willkommen in der Stadtnatur!

Die Artenvielfalt in Städten ist oft grösser als auf dem Land.

(Foto: Pierre Aden / iStock)

Wildschweine, Gämse, Goldschakale, Graureiher, Waschbären, Biber, Luchse, Ringelnattern – und natürlich unzählige Vogel- und Fischarten, Amphibien, Insekten, Marder und Tauben. Die Rede ist nicht etwa vom letzten Stück Wildnis in unserem Land, das von diesen Tieren besiedelt wird, und auch nicht von einem Naturpark, sondern: von Schweizer Städten. Über sechshundert Tierarten sollen allein in der Stadt Bern leben. Und daran ist offenbar nichts Besonderes. Seit Jahren beschäftigen sich Biologen mit Tier- und Pflanzenarten in Städten und Grossagglomerationen und kommen zum Schluss: Relativ zur Fläche ist die städtische Fauna und Flora vielfältiger und weniger bedroht als auf dem Lande. Was erstaunen mag, fahren wir doch an Wochenenden gerne aus der Stadt aufs Land, um uns an der Natur zu erfreuen, an Pflanzen und Wildtieren.

Wärmer, sicherer, vielfältiger
Dabei gibt es gute Gründe, weswegen immer mehr Tierarten in die Städte ziehen. So werden Städte beheizt und heizen sich selbst auf, sie sind also regelrechte «Wärmeinseln». Auch sind sie in der Regel trockener als das Umland, da der Niederschlag schneller abfliesst. Beide Effekte machen Städte gerade in den Wintermonaten sehr attraktiv für aktiv bleibende Säugetiere und überwinternde Vögel, aber auch für Spezies aus anderen Habitaten. In Zürcher Stadtgärten entdeckten Forscher Wildbienen und Spinnen, die gewöhnlich im Mittelmeerraum leben.

In Zürcher Stadtgärten entdeckten Forscher Wildbienen und Spinnen, die gewöhnlich im Mittelmeerraum leben.

Ein weiterer Grund, wieso immer mehr Tiere in Städten leben, besteht schlicht darin, dass der Mensch ihnen dort nicht nachstellt. Das gilt zumindest bis zu dem Punkt, an dem sich echte Konflikte zwischen tierlichen und menschlichen Stadtbewohnern ergeben. Dass sich Tiere im städtischen Umfeld sicherer fühlen können, zeigt etwa das Beispiel der «futterzahmen» Höckerschwäne oder von Füchsen, die sich zunehmend auch tagsüber blicken lassen. Werden für Tiere die Risiken geringer und nimmt deren Todesrate ab – darin sind sich die Biologen einig –, wird auch die Nachkommensrate sinken.

Schliesslich sind Städte oft viel strukturierter und vom architektonischen wie auch quasi-natürlichen Angebot her ungleich vielfältiger als das offene Umland. Es gibt dort Gebäude unterschiedlicher Grösse und Bauweise, Parkanlagen mit Bäumen und Teichen, Flüsse, Rinnsale, Rasen, Gärten, Hecken, verwilderte Flächen entlang von Bahngleisen, grüne Dächer und Balkonbepflanzungen. Häufig entsprechen diesen «Strukturelementen» Ausschnitte des ursprünglichen, natürlichen Habitats der Tiere wie etwa Stadtmauern oder Wolkenkratzer, die Felsen simulieren und dementsprechend Mauersegler oder Dohlen anziehen.

Weder Eindringlinge noch Schädlinge
Dieses letzte Beispiel zeigt aber auch, wie fragil die Stadtnatur sein kann. Werden zunehmend Häuser mit grossen Glasfronten gebaut, funktionieren sie freilich nicht mehr als «Felsen». Genauso können grossflächige Sanierungen, Überbauungen oder Umstrukturierungen ganzer Wohnquartiere die tierlichen Stadtbewohner erheblich bedrohen, denn es wird ihnen damit ein Teil «ihrer» Stadtnatur weggenommen. Was wiederum zu einer grundlegenden Frage führt: Wie soll unser Zusammenleben mit diesen Tieren eigentlich geregelt sein, was schulden wir ihnen – wenn überhaupt?

Es ist bemerkenswert, wie wenig bisher über diese Frage nachgedacht wurde. Zwar gelten viele Tiere, die unter uns in Städten leben, biologisch gesehen als «Sieger», da sie sich immer wieder neu anzupassen wissen. Juristisch wie auch ethisch betrachtet, gehören sie aber oft zu den «Verlierern». So gibt es zwar Gesetze und Verordnungen, was unseren Umgang mit Nutz- und Wildtieren angeht, jedoch keine, die unser Verhältnis zu diesen «Kulturfolgern» regeln. Entsprechend unklar ist, ob wir sie moralisch gesehen überhaupt berücksichtigen sollten und falls ja, was das konkret bedeuten könnte.

Zu den wenigen Ausnahmen, die sich damit befasst haben, gehört das kanadische Wissenschaftspaar Will Kymlicka und Sue Donaldson. In ihrem 2011 erschienenen Buch «Zoopolis» gehen sie der Frage nach, wie eine faire Mensch-Tier-Beziehung aussehen müsste. Dabei geht es ihnen nicht bloss um domestizierte sowie wildlebende Tiere, sondern gerade auch um jene Lebewesen, die sozusagen dazwischen sind, die «Schwellenbereichstiere», wie sie ein wenig umständlich genannt werden. Kymlicka und Donaldson sind überzeugt, es sei moralisch falsch, in diesen Tieren bloss «Eindringlinge» oder «Schädlinge» zu sehen, die man nach Gutdünken verjagen, umsiedeln, dezimieren oder gar liquidieren darf. Stattdessen schlagen sie vor, Schwellenbereichstiere als «Einwohner» zu behandeln, die zwar nicht Bürger eines Landes sind, denen man aber – ähnlich wie Migranten – eine Art Aufenthaltsrecht einräumen sollte.

Willkommenskultur für Tauben, Füchse & Co.?
Das klingt radikal und irgendwie auch utopisch. Was die konkreten Massnahmen angeht, schweben Kymlicka und Donaldson jedoch ähnliche Ideen vor, wie sie auch von anderen verfolgt werden. So etwa von Forschern der Technischen Universität München, die mit «Animal Aided Design» ein Konzept entwickelt haben, wie bei der Städteplanung die Artenvielfalt und damit auch die Bedürfnisse der Schwellenbereichstiere berücksichtigt werden können. Dazu gehören Modifikationen der Bauvorschriften bezüglich Höhe, Bausubstanz oder Standort, die Schaffung von Korridoren wie Brücken oder Tunnels, sodass Schwellenbereichstiere keine Strassen überqueren müssen, aber auch der Einsatz von Warngeräten oder Sperranlagen.

Es gibt zwar Gesetze für unseren Umgang mit Nutz- und Wildtieren, jedoch keine, die unser Verhältnis zu den Stadttieren regeln.

Letzteres zeigt, dass es hier keineswegs um eine bedingungslose «Willkommenskultur» für Tauben, Füchse & Co. geht. Gerade im Fall von Tieren, die sich nicht in Städten aufhalten müssen, um zu überleben, vertreten auch Kymlicka und Donaldson die Ansicht, es sei legitim, wenn wir Menschen Abschreckungsmassnahmen ergreifen, um «die Population der hereinströmenden Schwellenbereichstiere zu begrenzen». Das gilt ihrer Ansicht nach ganz allgemein bei Konflikten zwischen diesen Tieren und uns Menschen. Sie nennen die viel zitierte Mäuseplage und räumen ein, dass Einfangen und Umsiedeln manchmal die einzige Option sei.

Auch ungebetene Gäste sollen nicht getötet werden
In vielen Fällen gibt es aber Alternativen. So lassen sich unliebsame Schwellentiere mit störenden akustischen Signalen oder mit unangenehmen (aber unschädlichen) Substanzen fernhalten. Auch könnte man andere Tiere einsetzen, um das Vordringen gewisser Schwellentiere zu verhindern. Kymlicka und Donaldson erwähnen das Beispiel von Hunden, die Hirsche von Schrebergärten fernhalten oder Gänse von Golfplätzen vertreiben. Allerdings müssten jederzeit die Grundrechte dieser Lebewesen respektiert werden, was bedeutet, dass sie nicht unnötigerweise verletzt oder gar getötet werden dürfen.
Letztlich plädieren Kymlicka und Donaldson also dafür, wo immer möglich Initiativen zu ergreifen, die eine friedliche Koexistenz unter allen Stadtbewohnern ermöglichen. Im Falle der Tauben – das Beispiel eines Konfliktes schlechthin – hiesse dies, dass man sie nicht einfach dezimiert, sondern dass man Taubenschläge errichtet, die Tiere einzig dort füttert und, wo nötig, deren Fortpflanzung kontrolliert, indem man einen bestimmten Anteil der Taubeneier durch Attrappen ersetzt. Mit diesem Verfahren, das in manchen Schweizer Städten angewendet wird, lassen sich die Anzahl und Aufenthaltsorte der Tauben wirksam beschränken.
Gewiss ist das Verhältnis zwischen uns Menschen und den Schwellenbereichstieren viel komplizierter als hier angedeutet. Und vermutlich gibt es auch nicht immer zufriedenstellende Lösungen der Konflikte, die sich da auftun. Die Idee einer «Zoopolis», wie sie Kymlicka und Donaldson vorschwebt, ist am Ende der Versuch, an einer für alle fühlenden Lebewesen gerechteren Welt zu bauen. Dahinter steht die Einsicht, dass wir zusammen mit anderen Tieren leben – und sie mit uns. Wir bilden eine gemischte Gesellschaft. Und die Stadtnatur ist genau der Ort für eine solche Gesellschaft.     

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Im Projekt «StadtWildTiere» werden gemeinsam mit der Schweizer Bevölkerung Beobachtungen von Wildtieren in der Stadt gesammelt und auf Karten dargestellt. www.stadtwildtiere.ch

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