Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva (PT) wurde am Sonntag, 25. Oktober tatsächlich für eine vierte Amtszeit wiedergewählt, nachdem er nach dem ersten Wahlgang noch knapp zwei Prozentpunkte hinter dem rechtsextremen Herausforderer Flávio Bolsonaro gelegen hatte. Eine solche Aufholjagd hat in der jüngeren Geschichte Brasiliens noch kein Präsidentschaftskandidat in der Stichwahl hingelegt. Das hat es bislang noch gar nicht gegeben, dass der Zweitplatzierte des ersten Wahlgangs am Ende als Sieger aus der Stichwahl hervorging. Ebenfalls historisch: Lula ist der erste Präsident in der Geschichte des grössten Landes Südamerikas, der eine vierte Amtszeit anstrebt. Ausserdem noch nicht dagewesen ist, dass sich ein Kandidat zweimal in Folge gegen unterschiedliche Kandidaten aus derselben Familie durchsetzte. Am kommenden Mittwoch vollendet Lula übrigens das 81. Lebensjahr. Nicht von ungefähr schreibt die Folha deshalb von seinem wohl «letzten Tanz».
Nach Auszählung von 99,99 Prozent der Urnen kam er auf 51,78 Prozent der gültigen Stimmen, Flávio Bolsonaro (PL) auf 48,22 Prozent. Der Vorsprung betrug in absoluten Zahlen knapp 4,4 Millionen Stimmen. Damit war das Ergebnis dieses Mal eindeutiger als 2022, als Lula mit nur 50,9 Prozent knapper gegen Jair Bolsonaro gewann.
Dennoch nennt Flávio Bolsonaro das Ergebnis einen «Schwindel» und fordert eine Annullierung. Experten halten die Erfolgsaussichten laut BBC Brasil für gering. Was sind die Gründe für Flávios Kritik? Der Oberste Gerichtshof (STF) hatte nach Anrufung durch das Wahlkampfteam der Arbeiterpartei PT die Öffnung der Wahllokale landesweit um zwei Stunden bis 19 Uhr angeordnet. Die PT hatte dies getan, da es in einigen Teilen des Landes – unter anderem im Bundesstaat Bahia, den Lula mit 71 Prozent gewann, und im Stadtgebiet von São Paulo – zu erheblichen Problemen mit dem öffentlichen Bustransport zu den Wahllokalen gekommen war.
Auch Bolsonaro Jr. hatte um eine Verlängerung gebeten, aber nur im Süden, seiner Hochburg, wo es heftige Regenfälle gegeben hatte. Für Verwirrung sorgte die Entscheidung des STF, da sie praktisch den zuständigen Wahlgerichtshof TSE überstimmte. Dessen Vorsitzender, ein Richter, der von Bolsonaro Senior ernannt worden war, hatte nicht auf das Gesuch der PT reagiert. Deshalb hatte sie sich an den STF gewandt, wo Vorsitzender Edson Fachin – er hatte damals Lulas Haftstrafe aufgehoben – die Entscheidung an die anderen Richter weitergegeben hatte.
Pikant an dieser Situation ist einerseits, dass der STF relativ kurzfristig und spät in den Wahlprozess eingriff und so Verunsicherung provozierte. Teilweise waren wegen der unterschiedlichen Zeitzonen bereits zahlreiche Wahllokale geschlossen und die elektronischen Wahlurnen abgebaut worden. Andererseits steht der Oberste Gerichtshof im rechten Lager allerspätestens seit der Verurteilung Jair Bolsonaros im September 2025 unter dem Verdacht, politisch motivierte Urteile zu fällen.
Flávio ging als Favorit in die Stichwahl
Kurzer Rückblick: Nach dem ersten Wahlgang am 4. Oktober hatte Flávio mit 47,03 zu 45,16 Prozentpunkten vorne gelegen und war als klarer Favorit in die Stichwahl gegangen. Die Umfragen hatten Lula damals noch leicht vorn gesehen, das Ergebnis war ein Schock für sein Lager. Drei Wochen später hat Lula das Blatt gedreht. Wie kam es dazu?
Insgesamt gaben rund fünf Millionen Menschen mehr ihre Stimme ab als in der ersten Runde. Lula gewann etwa zehn Millionen Stimmen hinzu. Die Zahl der Nichtwähler sank so stark wie bei keiner Stichwahl seit der Redemokratisierung. Offenbar ist es Lula in nicht einmal drei Wochen gelungen, genau dieses Wählerpotenzial zu mobilisieren.
Laut O Globo legte Lula in jedem der 26 Bundesstaaten gegenüber dem ersten Wahlgang zu. Gerade im bevölkerungsreichsten und strategisch deshalb wichtigsten Bundesstaat São Paulo gewann Lula zwar nicht, konnte aber den Stimmabstand verkleinern. Er siegte in 13 Staaten, Flávio ebenfalls und zusätzlich im Distrito Federal. Minas Gerais war der einzige Staat, in dem die Führung wechselte. Dazu kommen Rio und Macapá als einzige Hauptstädte mit Wechsel sowie 211 gedrehte Städte.
Die Wahlkarte zeigt das gewohnte Bild: Nordosten und Teile des Amazonasgebiets gingen an Lula, Mittelwesten, Süden und der Grossteil des Südostens an Flávio. Gerade in Santa Catarina, Paraná und Rio Grande do Sul holte Flávio hohe Werte, ebenfalls in den Bundesstaaten Rio de Janeiro und São Paulo – dort allerdings vornehmlich im Umland. In São Paulo gewann Lula die Hauptstadt, verlor aber 573 von 645 Gemeinden.
Lula siegte in 61 Ländern, Flávio in 36. Allerdings fallen die Stimmen der Auslandsbrasilianer vergleichsweise wenig ins Gewicht. Rund 960´000 Brasilianer waren dort wahlberechtigt. Eines der besten Ergebnisse holte er übrigens in Deutschland.
Entscheidend waren also Nordosten, Minas Gerais und die Mobilisierung der Nichtwähler, nicht etwa, wie man vielleicht zunächst vermuten könnte, ein Einbruch im konservativen Kernland.
PT lernt auf den letzten Metern doch noch Social Media
Lula, der Social Media bis zum ersten Wahlgang fast schon sträflich vernachlässigt hatte (auch schon 2022), ging während der vergangenen drei Wochen plötzlich einen ganz anderen Weg, war mit einem Mal in Livestreams und überliess André Janones (Rede-MG) die Online-Kampagne. Dessen WhatsApp-Kanal «Exército do Lula» («Lulas Armee») wuchs innerhalb kürzester Zeit auf rund 10,8 Millionen Follower.
Die Folha de São Paulo sieht die Wende als eine Kombination aus Online- und Strassenmobilisierung, besonders eindrucksvoll symbolisiert durch den Massenakt auf der Avenida Paulista, der wichtigsten Strasse São Paulos am Vorabend der Wahl, als die drei Kilometer lange Strasse in ein rotes Fahnenmeer verwandelt worden war. Damit gelang es dem Wahlkampfteam der PT, die Social-Media-Wellen aus dem virtuellen Raum in die Realität und auf die Strassen zu holen.
Doch auch inhaltlich trumpfte Lula nochmals auf, allerdings ist völlig unklar, wie er diese Wahlversprechen mit einem stark nach rechts gerückten Kongress umsetzen will und wer das alles bezahlen soll. Nach dem ersten Wahlgang wurden in den Duellen zahlreiche recht teure Versprechen an die Wähler gemacht. So kündigte Lula an, das Sozialprogramm Bolsa Família finanziell aufzustocken, ausserdem einen Schuldenerlass für Kleinunternehmer, Nulltarife im öffentlichen Nahverkehr am Wochenende oder das Ende der 6-Tage-Arbeitswoche. Populäre Positionen zwar, die allerdings auch finanziert sein wollen. Die Folha beziffert das Wahlkampf-Gesamtpaket auf fast 300 Milliarden Real und erwartet, dass im kommenden Jahr die Rechnung kommen wird.
Lula und seine Partei haben offensichtlich schnell gelernt und vieles richtiger gemacht – Flávio stolperte über den einen oder anderen Skandal. Die Kampagne fokussierte erst im zweiten Wahlgang auf seine Verbindungen, etwa zum Banco Master-Chef Daniel Vorcaro oder dem Anwalt Willer Tomaz, einen weiteren Freund Bolsonaros, der im Jahr 2025 Wetten im Wert von 5 Milliarden R$ platzierte und mit einem Einsatz von 258 Millionen R$ der Brasilianer war, der in diesem Jahr die höchsten Einzahlungen bei Online-Wetten tätigte. Die Daten wurden vom Sekretariat für Preisgelder und Wetten des Ministeriums im Rahmen einer Untersuchung mutmasslicher Unregelmässigkeiten im Zusammenhang mit Foggo Entertainment, dem Betreiber der Plattform Blaze, zusammengestellt.
Dazu kam die «Neun-Finger»-Entgleisung in der letzten TV-Debatte, für die er sich entschuldigte. Flávio hatte unappetitlicherweise auf den kleinen Finger angespielt, den Lula als junger Mann bei einem Arbeitsunfall verloren hatte – ein persönlicher Angriff, der bei den BrasilianerInnen offenbar nicht gut ankam. Auch Trumps Unterstützung half nicht. Sie nahm Flávio eher die Souveränitätsrhetorik. Im Gegenteil: Trumps Nähe zu den Tech-Bros und Mark Zuckerbergs von Meta könnte Flávio überdies geschadet haben. Denn zwischenzeitlich stand der Verdacht im Raum, dass Meta Präsident Lula im Wahlkampf benachteiligt und seinen Herausforderer Bolsonaro begünstigt haben könnte. Interne Nachrichten hätten gezeigt, dass Mitarbeiter des Konzerns über die Ungleichbehandlung informiert gewesen sein sollen, berichtete etwa das Handelsblatt. Inzwischen hat sich die brasilianische Justiz eingeschaltet. Auch US-Kongressabgeordnete verlangen Aufklärung.
Lula muss allerdings in den kommenden vier Jahren mit einem Kongress zusammenarbeiten, dessen Zusammensetzung nun so konservativ wie wohl noch nie ist. Bei den Wahlen in der ersten Runde wurden überwiegend Senatoren von Bolsonaros Partei PL gewählt. Zudem stellt diese im Unterhaus die stärkste Fraktion.
Misereor und die Konrad-Adenauer-Stiftung sehen deshalb zwar Kontinuität an der Spitze, aber keinen Linksruck. Doch auch der rechte Block steht unter Druck. Eine reine Blockade wird der sich über vier Jahre nicht erlauben können. Vielmehr hat nun auch eine Mehrheit der Wähler ihnen signalisiert, dass sie weiterhin lieber Lula an der Spitze des Staates wünschen und niemanden aus dem Bolsonaro-Clan. Es wäre daher wahrscheinlich weiser, wenn sich in den kommenden Jahren das demokratische Mitte-rechts-Lager von diesem löste, schliesslich ist die Familie immer wieder in Skandale verwickelt. Das Underdog-Image, das Jair Bolsonaro aufbauen konnte und das ihn bis ins Präsidentenamt trug, ist angesichts zahlreicher Verwicklungen ohnehin passé. Die Bolsonaros sind inzwischen im Polit-Establishment angekommen und stehen anderen Politikern in nichts nach. Ausserdem sind mit Jairs Ehefrau Michele, Sohn Carlos (beide Senatoren) und Sohn Renan (Unterhaus) drei weitere Bolsonaros im Kongress vertreten.
Hätte Flávio die Wahl gewonnen, hätte er seine Machtfülle noch durch die Benennung von vier STF-Richtern zementieren können, die in der kommenden Legislaturperiode fällig werden. Dieses Recht steht nun Lula zu. Eine Justizreform, wie er sie im Wahlkampfendspurt angekündigt hatte, dürfte so leichter zu bewerkstelligen sein. Aussenpolitisch deutet die Zeitung Welt einen «Deal» mit Trump im Zollstreit an, während der Einfluss der Bolsonaros im Weissen Haus sinkt – Trump umgibt sich nicht gerne mit Wahlverlierern.
Ein weiterer heimlicher, Gewinner des Abends könnte São Paulos Gouverneur Tarcísio de Freitas sein. Ihn hätten konservative Wähler gerne als Kandidaten anstelle von Flávio gewünscht, doch Tarcísio setzte lieber auf die sichere Wahl als Gouverneur und vermied so das Duell mit Lula. Damit dürften seine Chancen bei der nächsten Wahl 2030 nicht schlechter geworden sein.
Quellen:
De pacote eleitoral a exército digital: Como Lula conseguiu virada inédita
Análise: Lula supera erros, mas terá última dança difícil – 25/10/2026 – Política – Folha