Die Nestbeschmutzerinnen

Die Schweiz wird vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verurteilt, weil sie angeblich zuwenig für den «Klimaschutz» tut. Verklagt wurde sie von den «Klimaseniorinnen». Auf ihren Sieg sind die netten älteren Damen sogar noch stolz. Die Kolumne aus dem Podcast «Fünf Minuten».

Klimaseniorinnen
Zwei «Klimaseniorinnen» protestieren 2020 gegen die Ablehnung ihrer Klage durch das höchste Schweizer Gericht (Bildcollage N. Lindt)

Wenn ich mir diese Schweizerinnen, die ihr eigenes Land beim Europäischen Gerichtshof verklagten, auf den Bildern so anschaue, sehe ich ganz normale ältere Frauen. Sie könnten unsere Mütter und Grossmütter sein. Und ich kann sie dazu nur beglückwünschen, dass sie sich auch im Seniorenalter nicht darauf beschränken, für ihre Männer zu kochen, Enkelkinder zu hüten und eine Donau-Flussfahrt zu buchen, sondern dass sie politisch in irgendeiner Weise aktiv sein wollen. Das ist sinnvoll, hält geistig rege und zeugt von Anteilnahme am Weltgeschehen. 

Auch wenn sie sich für den «Klimaschutz» engagieren, haben die Frauen meinen vollen Respekt, selbst wenn ich nicht ganz verstehe, warum man für etwas, das der Mensch nicht beeinflussen kann, auf die Barrikaden geht. Aber ich finde jedes Engagement, das der Umwelt dient, positiv, weil es zeigt, dass der Mensch sich Gedanken über sein Handeln macht und auch bereit ist, sein Verhalten zu ändern, wenn es seiner Umgebung schadet.

Aber die Klimaseniorinnen hatten von Anfang an grössere Ambitionen. Es genügte ihnen nicht, Forderungen zu stellen, ein Volksbegehren zu starten und auf die Strasse zu gehen – sie wollten den Staat dazu zwingen, mehr «fürs Klima» zu tun. Sie wollten ihn gerichtlich dazu veranlassen. Der Weg der politischen Auseinandersetzung war ihnen zu anstrengend. So beschlossen sie eine Anzeige gegen den Schweizer Staat. In ihrer Klage – wie man inzwischen überall lesen konnte – argumentierten sie, dass das angeblich immer heisser werdende Klima immer mehr Hitzewellen verursacht und dass diese Hitzewellen insbesondere ältere Frauen belasten. Weil der Bundesrat gegen die Klimaerhitzung nicht genug unternehme, verletze er die Menschenrechte der älteren Frauen und der Bevölkerung insgesamt. Sein ungenügendes Handeln verstosse nicht nur gegen die Bundesverfassung, in der das «Recht auf Leben» verankert sei, sondern auch gegen die von der Schweiz unterzeichnete Europäische Menschenrechtskonvention, die das Recht auf «Achtung des Privat- und Familienlebens» enthalte. 

2016 reichten die Klimaseniorinnen ihre Klage beim Bund ein. Zwei Jahre später wurde sie vom Bundesverwaltungsgericht abgelehnt. Wieder zwei Jahre später wurde sie auch vom Bundesgericht, dem höchsten Gericht im Land, abgewiesen. Die nächste Instanz jedoch hatten die klugen Seniorinnen gleich von Anfang an eingeplant: Wenn uns die Schweiz abweist, gehen wir nach Strasbourg. An den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.

Woran erinnert mich diese Vorgehensweise? Sie erinnert mich an das Verhalten von Kindern. Wenn Kinder nicht bekommen, was sie wollen, können sie das Nein ihrer Eltern entweder schlucken, oder sie machen Terror, bis die Eltern nachgeben. Wenn erwachsene Kinder von ihren Eltern nicht den Unterhaltsbeitrag erhalten, den sie verlangen, können sie den Entscheid der Eltern entweder akzeptieren - und ihn vielleicht sogar zu verstehen versuchen – oder sie können gegen die Eltern gerichtlich vorgehen.

Wenn aber Kinder, die sich geliebt fühlen durften, ihre eigenen Eltern gerichtlich verklagen, dann geht im Herzen dieser Kinder etwas kaputt. Dann zerstören sie damit das Band der Liebe, das sie mit ihren Eltern verbunden hat. Denn gegen die Eltern zu klagen bedeutet, ein Prinzip bewusst zu verletzen, das zum Wesen der Familie gehört: Innerfamiliäre Konflikte innerhalb der Familie zu lösen. Ist dieses Prinzip einmal verletzt und kommunizieren die beiden Parteien nur noch per Anwalt, lässt sich der Bruch kaum wiedergutmachen. 

Auch wir Schweizerinnen und Schweizer sind wie die Kinder. Wir sind die Kinder unseres Landes. Unser Land sind unsere Eltern. Und so wie Kinder ihre Eltern mehr oder weniger innig lieben, so lieben wir unser Land. Die einen mehr, andere etwas weniger. Doch die meisten von uns stehen zur Schweiz. Und wenn wir unverhofft, fern von zu Hause, das weisse Kreuz im roten Feld sehen, dann freuen wir uns. Ist es nicht so? 

Wir und die Schweiz sind wie die Familie, wie die Kinder und ihre Eltern. Deshalb versuchen auch wir die Probleme, die wir untereinander haben, untereinander zu lösen. Im eigenen Land. Und in letzter Instanz vor einem Schweizer Gericht. So haben wir es immer gehalten. Wir sind gut gefahren damit. Es ist fast ein Naturgesetz. Doch die Klimaseniorinnen haben dieses Gesetz mit Vorsatz verletzt. 

Warum haben sie das getan? Weil sie die Schweiz nicht als Familie sehen. Sondern als ein Konglomerat von Interessen, wo alles erlaubt ist. Auch der Beizug von fremden Richtern. Auch die Selbstaufgabe der Schweiz als neutrales Land. Die Klimaseniorinnen betrachten unser Land nur intellektuell. Entweder sind sie selber Akademikerinnen, oder sie glauben, was die Intellektuellen sagen. Was die Wissenschaft sagt. Was die Experten sagen. Sie versuchen schon gar nicht eigenständig zu denken, weil sie sich nicht mehr spüren. Sie spüren sich nicht mehr, weil sie keine Verbindung mehr haben zu ihren Wurzeln. Und zu ihren Wurzeln gehört auch die Schweiz. Das Land ihrer Väter und Mütter. Oder das Land, das zu ihrer Wahlheimat wurde. Die Klimaseniorinnen sind wie die Kinder, die mit ihren Eltern gebrochen haben. 

Deshalb fühlen sie sich unserem Land nicht verpflichtet. Sonst hätten sie es nicht angezeigt. Die eigenen Eltern verklagt man nicht. Verklagen kann man nur eine Schweiz, die man nicht mehr als Heimat sieht, sondern als blossen Wohnort. Als zweifellos privilegierten Wohnort. Den man gerne beansprucht. Der aber keine Seele mehr hat.

So wie der globalistische Zeitgeist die Kinder gegen die Eltern zu beeinflussen sucht, so will er die Menschen von ihrem Land, in welchem sie leben, entfremden. Sie sollen keine Gemeinschaft mehr bilden, sondern bloss noch Menschenmaterial sein, das kein Zuhause mehr hat. Die Klimaseniorinnen, so nette ältere Damen sie sein mögen, haben verstanden, was der Zeitgeist von ihnen will. Sie verklagten ihr eigenes Land ohne Skrupel und ohne Sentimentalität. Und jetzt, wo sie gewonnen haben, sind sie sogar noch stolz darauf, wie die Bilder in den Zeitungen zeigen. Sie sind stolz auf ihren Verrat.

Als ich in jungen Jahren ein Linker war und alles in Frage stellte, alles herunterriss, gehörte ich zu den «Nestbeschmutzern». So wurden wir damals genannt, weil wir die Schweiz an den Pranger stellten und kein gutes Haar an ihr liessen. Doch verklagt vor Gericht haben wir unser Land nie. Deshalb gebe ich nun, 50 Jahre danach, die Verunglimpfung gerne weiter. Ich überreiche den Titel den Klimaseniorinnen. Sie sind die «Nestbeschmutzer» von heute. 


Lesen Sie im Zeitpunkt auch:

Die Klimaseniorinnen siegen in Strassburg

Klima: null Debatte, keine Lösung

«Das äussere Klima ist ein Abbild des inneren»

 

12. April 2024
von:

Über

Nicolas Lindt

Submitted by admin on Di, 11/17/2020 - 00:36

 

Nicolas Lindt (*1954) war Musikjournalist, Tagesschau-Reporter und Gerichtskolumnist, bevor er in seinen Büchern wahre Geschichten zu erzählen begann. In seinem zweiten Beruf gestaltet er freie Trauungen, Taufen und Abdankungen. Der Autor lebt mit seiner Familie in Wald und in Segnas.

Soeben erschienen: «Heiraten im Namen der Liebe» - Hochzeit, freie Trauung und Taufe: 121 Fragen und Antworten - Ein Ratgeber und ein Buch über die Liebe - 412 Seiten, gebunden - Erhältlich in jeder Buchhandlung auf Bestellung oder online bei Ex LibrisOrell Füssli oder auch Amazon - Informationen zum Buch

Weitere Bücher von Nicolas Lindt

...

Der Podcast «Fünf Minuten» von Nicolas Lindt ist als App für Neueinsteiger kostenlos. Sie enthält alle 370 Beiträge – und von Montag bis Freitag kommt täglich eine neue Folge hinzu.

> App für iPhone herunterladen

> App für Android herunterladen

- - - - - - - - -

Kommentare

Persönliche Worte

von juerg.wyss
Lieber Nicolas Ich muss Dir diese Zeilen schreiben, da Dein Beispiel der Familie verkehrt rum dargestellt wird. Wenn  wir eine Familie wären, wären wir Schweizer die Eltern und die Schweiz ist unser Kind. Du stellst das ganze aber anders dar. Wir werden von unserem Kind erzogen. Kein Wunder läuft alles verkehrt, vor allem in unserem Denken und in unserer Wahrnehmung. Und nebenbei, es stimmt nicht dass wir nichts gegen die Klimaerwärmung tun können, weniger Hitze produzieren beeinflusst das Klima. Wir beeinflussen das Klima mit unserem Umgang mit unserer Umwelt. Zusammenhänge zu bauen zwischen Klima und CO2 ist nur ein Ablenkungsmannöver, damit wir nicht mehr auf die Umwelt schauen,  sondern auf das Klima (das Fieber der Umwelt). Freundliche Grüsse Juerg Wyss

Genau gleich empfunden

von Boehringer
Beim Lesen ist es mir genau gleich ergangen. Musste zweitemal drüberschauen. Die Analogie stimmt so nicht. Ohne CO2 läuft nix, auf dieser mittlerweile ziemlich verrückt gewordenen Kugel. 

Ein Beispiel aus dem Links-Grünen Denken und Fühlen.

von al dorper
Ich bin deprimiert. Heute habe ich erfolglos versucht nicht zu atmen. Nun bin ich voller Schuldgefühle. All den Sauerstoff den ich verbraucht habe. All das CO2 das ich produziert habe. Der Sex, beziehungsweise meine Eltern sind Schud. Hätten die keinen Sex gehabt, gäbe es mich nicht, und alles wäre gut.

Wir sind die Kinder

von nicolaslindt
Die Generationen kommen und gehen, aber die Schweiz bleibt, also sind wir die «Kinder» unseres Landes. Es gibt ja auch den altmodischen Ausdruck «Landeskinder» - gemäss Duden «jemand, der zur Bevölkerung eines bestimmten Staates oder Bundeslandes gehört».  Deshalb trifft der Vergleich aus meiner Sicht zu: So wie Kinder nicht ihre Eltern verklagen sollten - ausser es liegt ein Fall von Missbrauch vor –, sollten wir nicht das Land verklagen, in dem wir aufwachsen durften. 

Landeskinder

von Plinia
Lieber Nicolas Lindt Danke für diesen Beitrag. Sehr schön formuliert, dass wir Landeskinder sind, unser Land war vor uns und für uns da und wir sollten uns nicht aufschwingen und in pubertärer Allüre alles besser wissen wollen, wofür wir nichts getan haben und nichts auf uns genommen haben, wie es unsere Vorfahren taten. Verwöhnt und innerlich leer sind wir süchtig nach Aufmerksamkeit und Aufregung: Da ist es doch ein Höhepunkt, wenn man gegen sein Land und gegen seine Eltern grosspurig und medienwirksam auftreten kann. Die Klimaseniorinnen sind auch nicht von sich aus nach Brüssel gereist, sondern haben sich als PR- Kompagnie benutzen lassen. Ich jedenfalls bin unabhängig genug, nicht bei jeder Hitzewallung das Weltklima schuldig zu sprechen, sondern eher darauf zu achten, was mich innerlich in Wallung bringt. Diese Innenwelt in Ordnung zu bringen ist aber viel anstrengender als mit dem Finger nach aussen zu zeigen. Mich nervt dieses überempfindliche Opferhaltung um jeden Preis immer mehr, auch um den Preis des eigenständigen Denkens, was nur darauf hinweist, wie wichtig man sich selbst nimmt: Das eigene EGO im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Ich würde mich schämen, eine solch undankbare und hinterhältige Aktion mitzumachen!  

Hitzewallung

von nicolaslindt
Eine schöne Formulierung, dass wir «unabhängig genug sind, nicht bei jeder Hitzewallung das Weltklima schuldig zu sprechen, sondern eher darauf zu achten, was uns innerlich in Wallung bringt.» Danke für diesen Satz!

Ich verstehe den Gedanken…

von MS
Ich verstehe den Gedanken des Eltern verklagens, finde aber, man kann es auch anders anschauen, nämlich so, dass die Klimaseniorinnen gerade deshalb die Schweiz verklagen, weil sie sich ihres privilegierten Wohnsitzes bewusst sind und diesen möglichst erhalten wollen. Da wie so oft Eltern aber ressistent gegen die Kritik ihrer Kinder sind, bleibt ihnen nicht viel anderes übrig. Natürlich sie könnten sich auch für regionale Projekte einsetzen, eine Solawi unterstützen, sich in einem Seniorenkafi für Nachhaltige Produkte und eine Flickstatt einsetzen, den Enkeln Lismen beibringen usw. usf. :) Mag sein, dass CO2 nicht das böse Gas ist, aber wenn die Folge ist, dass wir bspw. weniger Kriege um Erdöl/Gas führen, ist das also ein guter Nebeneffekt. Ausserdem haben bspw. Elektromotoren wesenltich weniger Verschleiss, sind leiser, stinken nicht usw. es gibt also auch jenseits des Co2 durchaus Vorteile, wenn wir umstellen. Zudem können wir Strom hier produzieren, was mit Öl schwierig wird.

Klimadebatte - "Nestbeschmutzerinnen" von N. Lindt

von Ute Plass
Auch wenn der Weg zum EGM bezüglich "Klimaschutz"kritisch hinterfragt werden kann, so stimme ich Ihrer Aussage, dass sich die  "Klima-SeniorInnen wie unmündige Kinder verhalten" nicht zu. Die Frauen haben sich selbst ermächtigt mit ihrem Gang nach Straßbourg und sich nicht einem paternalistischen, autoritären Staatsverständnis unterworfen. Mit der Bezeichnung "Nestbeschmutzer" sollten Sie mehr als vorsichtig sein.            

Nestbeschmutzerinnen

von Hans Thomas Weber
Da sind dir die Pferdchen aber ganz gehörig durchgebrannt, lieber Nicolas. Zugegeben, die Begründung der Seniorinnen ist schwer nachvollziehbar, zumal auch in der Schweiz die Frauen markant die Männer überleben. Ihr Tod ist zumeist die Folge hohen Alters. In dieser Hinsicht schenke ich der Statistik Glauben.   Aber wie in vielen Dingen zählt vor allem das Resultat, die Wirkung. Wer den Text wirklich aufmerksam liest, versteht das “Urteil” aus Strasbourg schon eher als eine Abmahnung. Wer jetzt und hier behauptet, die Schweiz täte nach seinen realen Möglichkeiten genug für den Klimaschutz, ist nicht bereit, wissenschaftlich fundierte Fakten anzuerkennen.  Die Klimasenioren haben erkannt, dass nur mit konsequenten Aktionen eine Änderung erreicht werden kann. Vielleicht etwas der Jugend abgeguckt: Es muss nerven! Und es ist gelungen; von ganz Rechts bis weit in die Mitte fühlt man sich beleidigt, ganz persönlich. Wer wagt es, uns zu kritisieren. Austreten, subito!   Kann man aus der Familie austreten? Wir sind Familie, die Europäer und die Schweiz mittendrin. Mit dieser Familie und vor allem von ihr leben wir. Zugegeben ganz gut. Korruption, Lügen, Übervorteilung und Täuschung, einfach viel subtiler als im Nachbarland. Heuchler, elendige.  Ich bin ein 68er, ich war dabei. Das Hodscha für zwei Stutz im Strassenverkauf, Abrechnung am Abend bei Pinkus. “Ab nach Moskau", obgleich mein freisinniger Vater dies auch nicht so meinte. Später dann, Gewerkschaftspräsident, sicher nie Nestbeschmutzer, der Sache treu geblieben. Wir haben damals die Welt verändert, auch die schweizerische.  Ich denke, da hast du etwas arg schnell verurteilt.