«An alle Gutmenschen»

Ein offener Brief vom Moderator, Beatboxer und Musiker Knackeboul

Knäckeboul
Lukas Mäder

«„Man muss doch die Ängste der Menschen ernst nehmen“. „Man wird sich doch wohl gegen den Islam äussern dürfen.“ „Es ist doch wirklich krass, was sich die hier alles erlauben.“ „Endlich sagt mal einer was!“ „Die in Bern machen doch eh was sie wollen!“ „Und für das bezahlen wir auch noch mit unseren Steuern!“. „Es ist Zeit, dass jemand etwas unternimmt!“ „Ihr Gutmenschen seid doch naiv und realitätsfremd!“.

Es wird gegen den Islam gepoltert! Von rechts aber auch mal von links. Denn auch aufgeklärte Menschen finden es scheisse, wenn Frauen unterdrückt und Reporter geköpft werden. Aber einige halten noch dagegen. Sie weigern sich einen Sündenbock zu suchen. Sie wollen keine Pauschalurteile fällen, kein Schwaz-Weiss-Denken annehmen und leben nicht im heiligen Krieg, sondern im 21. Jahrhundert mit all seinen challenges aber auch seinen vielen chancen. Diese Menschen werden belächelt und gerne beleidigt. Am liebsten mit einem abschätzigen „du elender Gutmensch!“

Gutmensch ist ein Naziwort (bereits Hitler und seine Homies verwendeten es, um ihre Gegner zu dissen). Gutmensch ist orwellsche newsspeak. Der Versuch etwas erstrebenswertes negativ zu belegen, um es ins lächerliche zu ziehen und gegenteiliges Verhalten legitim aussehen zu lassen. Wer hat denn gesagt, dass ich ein Gutmensch bin? Ich nicht.

Ich bin momentan eher ein Wut-Mensch. Ein Empörungsmensch. Und ich glaube auch nicht, dass die Menschen alle gut und lieb sind. Weder die Schwarzen noch die Weissen, weder Christen noch Moslems, weder du noch ich. Niemand ist hier besser als der andere. Alle sind gleich gut; oder eben gleich schlecht. Um so wichtiger ist es doch, dass man sich Gedanken macht. Dass man sich empört und nicht einfach zuschaut, wie die Geschichte sich wiederholt. Dass man sich wehrt und zusammenschliesst, wenn die Menschheit die selben historischen Fehler macht wie seit Jahrhunderten. Wenn wieder irgendwelche Idioten Menschen in ihrer Unzufriedenheit um sich zu scharen wissen, um aus Angst, Fremdenhass und Ignoranz Profit für die eigene Partei oder Person zu schlagen.

Wenn man doch bei sich selbst, in seinem Umfeld und weltweit beobachtet, dass der Mensch dazu tendiert ein Arschloch zu sein, muss man doch lösungsorientiert darüber nachdenken, wie wir es denn schaffen könnten, dass diese über 7 Milliarden Arschlöcher weiterhin diese Welt besiedeln können, ohne sich selbst, der Weltgemeinschaft und dem Globus an sich den endgültigen Todesstoss zu versetzen. Es ist doch völlig logisch, dass es dem Einzelnen langfristig am besten geht, wenn es möglichst vielen von diesen 7 Milliarden A…., nennen wir sie mal wieder Menschen, möglichst gut geht. Dann müssen wir doch daran arbeiten, dass der Wohlstand besser verteilt wird, dass die Bildung weltweit steigt und eine der erstrebenswertesten Errungenschaften der modernen Gesellschaft ist, dass die Natur geschont und respektiert wird, dass Gleichberechtigung aller Menschen herrscht, dass wissenschaftliche Errungenschaften zur Steigerung dieser positiven globalen Empfindlichkeit eingesetzt werden und nicht für die Kriegsmaschinerie oder den Profit einzelner Konzerne.

Das sind doch die Punkte an denen wir arbeiten sollten. Das würde nämlich auch diese ganze Islam-Christentum Polemik, die es wie einige andere Phänomene aus dem Mittelalter aus leider erklärlichen Gründen in die aufgeklärte Neuzeit geschafft hat, überflüssig machen.

Deshalb sollten wir uns doch, anstatt einen fiktiven heiligen Kriegheraufzubeschwören, auf die wirklichen Probleme der Gegenwart konzentrieren! Das ist doch common sense und nicht verblendetes Gutmenschentum. Das ist doch nicht einfach nur eine subjektive Meinung. Da gab es doch eine Aufklärung. Wir haben die Menschenrechte und die Demokratie und sind gebildet.

Und nur weil man keine Lust hat, für globale Missstände einen Sündenbock zu suchen wie in den dunkelsten Zeiten vor diesen Errungenschaften, ist man kein naiver, verblendeter Gutmensch.

Man sollte eher stolz auf dieses Verhalten sein, man sollte sich äussern, sich zusammenschliessen, Gegensteuer geben, sich vereinen.

Aber es gibt ja noch andere Gründe, sich seines Gutmenschentums zu schämen.Wir sind ja westliche Wohlstandskinder, die von der Ausbeutung, die ihre Heimatländer in Entwicklungsländern betreiben noch profitieren. Vom Leben verwöhnte Jungendliche, die noch nie Krieg oder Hunger erlebt haben, die sich im Gegenteil jedes erdenkliche gadget oder Luxusgut leisten können, die Marken-Sneakers tragen, fliegen oder bei der Bank arbeiten.

Wir dürfen uns folglich nicht sozialkritisch äussern, wir dürfen nicht auf eine Welt ohne Krieg hoffen, wir dürfen nicht versuchen, etwas zu verändern und im Kleinen gut oder besser zu handeln. Wir dürfen keine Gutmenschen sein, denn das wäre ja Doppelmoral. Doch ich finde:

Wenn Doppelmoral die einzige Alternative ist, Gutes zu wollen und zu tun, ohne einem realitätsfremden Fanatismus zu verfallen, dann bevorzuge ich diese gegenüber dem reinen Egoismus und dem Nichtstun.

Deshalb sage ich: Gutmenschen der Schweiz vereinigt euch und werdet auch mal böse!»

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David Lukas Kohler (32) wie Knackeboul mit bürgerlichem Namen heisst, ist ein erfolgreicher Musiker und Moderator der besoners einer jüngeren Generation bekannt ist. Diesen Text hat er am 27. Dezember 14 auf seiner Facebook Seite veröffentlicht wo er mehrfach geteilt und kommentiert wurde.


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11. Januar 2017
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