Der Geschmack von Zeder

Mit 50 Jahren hat sich Anna Raussmüller entschieden, Bootsbauerin zu werden. Ein Handwerk, das im Alltag manchmal eintönig und einsam sein kann, sie aber dennoch fasziniert und erfüllt.

In der Werkstatt hängen Hammer, Hobel und Schraubenzieher sortiert nach verschiedenen Grössen an der Wand. Die Oberflächen der Werkbänke sind aufgeräumt und sauber. Die Luft riecht nach Leim, Lack und Holz, sie ist kühl, nur ein Holzofen wärmt den Raum – ab und zu knistert es.
Anna Raussmüller steht mit Atem- und Ohrenschutz vor dem acht Meter langen Ruderboot und schleift rote Farbe ab, ihre Hände in dicken Arbeitshandschuhen. Ihr schwarzer Fleecepullover ist voller Staub. «Ich wollte nicht mehr jeden Tag vor dem Computer sitzen», sagt die gelernte Grafikerin. «Ich wollte staubig sein und mit meinen Händen arbeiten.» Für Anna Raussmüller war es eine Zweitausbildung, als sie sich mit 50 Jahren entschied, Bootsbauerin zu werden.

Die leidenschaftliche Ruderin wollte ihr eigenes Boot bauen, die Arbeit mit Holz faszinierte sie. Um das Handwerk des Bootbauens kennenzulernen, arbeitete sie anfangs immer montags in der Werft von Stämpfli Racing Boats am Zürichsee. Sie begann mit der Restauration ihres eigenen alten Holzskiffs, so nennt man im Rudern die Einer-Boote, schliff tagelang die hölzerne Schale glatt, entfernte die brüchig gewordene Abdeckung und brachte so das filigrane Innenleben des Rumpfes zum Vorschein. Mit Halbrundleisten und Kupfernägeln spannte sie das neue Deckplastik, eine durchsichtige Kunststofffolie, über die nur zwei Millimeter dicke Schale. «Durch diese Leichtbauweise erreichen wir ein Gesamtgewicht von gerade vierzehn Kilogramm.» Anna Raussmüllers Faszination für Holzboote war endgültig geweckt: Es sei die sorgsame Arbeit, die das Holz erfordert. Aber auch die Struktur, die Haptik und den Geschmack des bitteren Zedernholz-Staubs auf ihren Lippen mag sie.
Eine klassische Bootsbauerlehre dauert in der Schweiz vier Jahre. Für eine solche Ausbildung fühlte sie sich zu alt, ausserdem wollte sie schneller in ihr neues Metier starten. Also ging sie nach Lyme Regis, einer Kleinstadt an der Südküste Englands, und erlernte dort in einem zehnmonatigen Kurs das Handwerk des Bootbauens. Sie zeichnete Bootspläne, arbeitete mit Hobel und Stechbeitel und baute sogar ihr eigenes Segelschiff. Das war ihr Start in ein neues Berufsleben.
Seit vier Jahren ist Anna Raussmüller bei Stämpfli Racing Boats fest angestellt. Die Werft liegt in Wollishofen, kurz vor der Zürcher Stadtgrenze. Stämpfli gehört zu den wenigen Unternehmen weltweit, die Rennruderboote aus Holz bauen und restaurieren. Seit einigen Jahren tauschen Ruderclubs ihre Holzboote aber immer häufiger durch Boote aus Kunststoff aus. Diese sind günstiger in der Anschaffung und einfacher zu unterhalten. So hat Stämpfli neben der traditionellen Holzwerkstatt auch eine Werkstatt für Kunststoffboote eingerichtet. «Ein kleiner Riss im Plastik kann in einer Stunde repariert werden», sagt Anna Raussmüller. Eine Reparatur an einem Ruderboot aus Holz sei viel aufwendiger.

Nun repariert die gelernte Bootsbauerin in ihrem Alltag hauptsächlich ramponierte Schalen aus Kunststoff. Sie schleift deren Oberfläche, verleimt Risse und Löcher. «Fast die Hälfte meiner Arbeit besteht aus Schleifen», sagt Anna Raussmüller. Eine Arbeit die sie mit höchster Sorgfalt und Perfektion ausführen muss. Während sie schleift, richtet sie ihre Augen aufmerksam auf den Rumpf des Bootes. Mit der Hand streicht sie sorgfältig immer wieder über die geschliffenen Stellen und kontrolliert, ob alle Unregelmässigkeiten der Oberfläche verschwunden sind. Grössere Flächen bearbeitet sie mit einer Maschine, für die feinen Ritzen und Kanten zieht sie ihre Handschuhe aus und schleift mit einem Papier weiter. Die Arbeit trocknet ihre Hände aus – sie sind weiss und rau. Erst wenn die Fläche homogen ist, kann das Kunststoffboot neu lackiert werden. «Der Lack verzeiht nichts. Schleife ich eine Stelle nicht gründlich, wird dies später an der Oberfläche sichtbar.»
Ihren Traum, Holzboote zu bauen, kann Anna Raussmüller erstmal nicht realisieren. Der Wandel der Zeit – hin zu Kunststoffbooten und weg von Holzbooten – ist nicht aufzuhalten. War ihre Entscheidung trotzdem richtig? Die heute 55-Jährige steht in der Werkstatt – der neunzig Quadratmeter grosse Raum ist ihr Reich. Durch das Fenster kann sie auf den Zürichsee schauen, vor der Werkstatt stapeln sich die Ruderboote. Sie freut sich auf den Frühling, das Rudern, ihre Zeit auf dem Wasser. Dass sie ihren alten Job aufgegeben hat, bereut sie nicht. «In eine Holzwerkstatt reinzugehen, macht mich glücklich, der Geruch gibt mir ein schönes, warmes Gefühl.»

18. April 2017
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