Was haben Sie gemacht, heute vor 25 Jahren? Ich sass in meinem Büro in einem kleinen Dörfchen in Brandenburg und rief einen potentiellen Anzeigenkunden meiner damaligen Zeitschrift «Die weibliche Stimme» an. Ich glaube, das Wetter war schön.
«Jaja, wir machen eine Anzeige», sagte er. «Aber jetzt ist es soweit, oder? Die Welt, die wir kennen, wird nie mehr dieselbe sein.»
Ich fragte, was er meinte.
«Schalten Sie einfach den Fernseher ein», war die knappe Antwort. Ich hatte keinen, fand mich aber bald bei Nachbarn wieder, und den Rest des Tages hockten wir eng zusammen, wie hypnotisiert von den immer wieder zusammenstürzenden Zwillingstürmen. Dass das ganze Geschehen tatsächlich eine gezielte Hypnose war, verstanden die meisten von uns erst später.
Erst einmal kroch Entsetzen in alle Körperteile. «Der Staub, den wir einatmen», sagte ein Feuerwehrmann auf die Frage, wo denn all die Leichen seien.
Der Teil Amerikas, der fragte: Warum hassen sie uns so? wurde bald zum Verstummen gebracht im ewig abrufbaren Impuls nach Rache und Härte. Und so kreierte sich der US-gesteuerte Westen wieder einmal selbst den Feind, gegen den er kämpfen und alle Kräfte mobilisieren konnte, mit dem er alle kritischen und oppositionellen Stimmen zum Schweigen bringen konnte.
«Die Achse des Bösen» - was für eine traurige Lachnummer für alle denkenden Menschen. So traurig wie die Vermonsterung Putins.
Damals gingen in Deutschland noch eine Millionen Menschen gegen den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen den Irak auf die Strasse. Und zwar, obwohl viele US-Dollars in ausgewählte europäische Mainstrammedien geflossen waren, die fortan unisono von der Notwendigkeit des Krieges sangen.
Heute ist die Medienkontrolle stärker geworden. Oder die Resignation der Menschen. Denn auch die Millionen damals konnten den Krieg nicht stoppen – und nicht das Leid, das ihm folgte, Guatanamo Bay, Islamischer Staat, um nur einige zu nennen.
Der 11. September markiert wirklich eine Zeitenwende – auf vielen Ebenen. Unter anderem kennen wir seitdem «Verschwörungstheorien». Vorher kannte man «kritische Nachfragen». Wer trotz fehlender Beweise – nehmen wir allein das Geschehen um WT7, das dritte eingestürzte Gebäude, das nicht von einem Flugzeug getroffen war – noch immer an die Schuld einiger arabischer Bösewichte glaubte, der blieb auch für andere Legenden empfänglich – ob die Notwendigkeit von Kriegstüchtigkeit, von Lockdowns oder Sanktionen – einfach nur, um dazuzugehören. Die geistigen Verrenkungen, die man dazu machen muss, werden immer grösser. Es ist wie in einer Sekte: Je abenteuerlicher das Narrativ, desto fanatischer die Anhänger. Doch diese Sekte ist nicht harmlos oder klein: Sie regiert uns!
Ich glaube, ohne den 11. September gäbe es das nicht, was wir gerade erleben: die Sanktionierung und Mundtot-Machung von Kriegsgegnern, die gesellschaftliche Spaltung, den Rückfall in barbarische Paradigmen, den Wegfall (oder mindestens die grosse Schwächung) einer Opposition, die wirklich etwas anderes tut.
Was steht auf der positiven Seite? Auf was können wir hoffen?
Ehrlich? Ich weiss es nicht. Irgendwie hat alles versagt, was Menschen bisher versucht haben – oder sich ins Gegenteil gekehrt. Ich bin dennoch dankbar für jede Stimme gegen den Krieg und für Neutralität und Frieden. Für jede Stimme der Mässigung, der Vernunft, für Verhandlungen und Gemeinsamkeiten. Ich bin auch dann dankbar, wenn sie nicht dieselben Überzeugungen oder Wahrheiten sehe, die ich sehe.
Wer weiss – irgendwann sehen wir uns alle irgendwo wieder, klopfen den Staub von den Jacken und sagen: Lasst uns noch mal neu anfangen!