Babyboomer altern anders

Wo immer die Babyboomer hinkamen, war schon jemand da

Zwei Entwicklungen werden sich in den nächsten drei Jahrzehnten überlagern und gegenseitig verstärken: Die Menschen werden älter und ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung nimmt zu. Aus der einstigen «Schülerschwemme», die den Schulen Sorgen macht, wird nun eine «Seniorenschwemme», die die sozialen Einrichtungen bis an die Grenzen herausfordert. Bislang bewegte diese Entwicklung vor allem die Pensionskassen sowie die Architekten und Verwalter unserer sozialen Sicherungssysteme. Denn die Altersvorsorge – soweit sie über die Kapitalmärkte erfolgt – steht auf tönernen Füssen. Sie setzt Wachstumsraten voraus, mit denen man niemals hätte rechnen dürfen. Denn die Versicherungsmathematik geht von einem exponentiellen Wachstum aus, das nur in den Nachkriegsjahren – als Ausnahme – der Fall war und seit den 70er Jahren in allen Industrieländern von einem linearen realen Wachstum abgelöst wurde. Und die auf Umlagefinanzierung beruhenden Systeme drohen unter der Last der grossen Zahl an Renten- und Pensionsempfängern in die Knie zu gehen, wenn es nicht gelingt, alle Produktivitätsfortschritte in Zukunft tatsächlich den Beschäftigten zugutekommen zu lassen. Doch es geht nicht nur um Geld, es geht auch um Köpfe. Wie kann eine sinkende Zahl an Berufstätigen es schaffen, immer mehr Senioren einen hohen Lebensstandard zu finanzieren und die Pflegelasten der schnell wachsenden Zahl an Hochbetagten zu organisieren? Diese sozialen Dienstleistungen sind nicht nur sehr zeitintensiv und daher teuer, sie limitieren das Wachstum, weil ihr Automatisierungspotential minimal ist. Kein Wunder also, wenn sich Sorgenfalten in die Stirn der Versicherungsmathematiker und Sozialpolitiker graben, wenn sie an diese Entwicklung denken.


Psychogramm der Generation Babyboomer
Menschen werden so alt, wie sie gelebt haben. In ihrem Buch «Die Babyboomer: eine Generation revolutioniert das Alter» zeichnen die Schweizer Autoren Pasqualina Perrig-Chiello, Francois Höpflinger und Lucia Degonda (2009) das Psychogramm einer Generation, die es gewohnt ist, aus nicht immer erfreulichen Umständen gemeinsam das Beste zu machen. Die Babyboomer hatten in der Regel nicht nur mindestens ein Geschwister; wo auch immer sie hinkamen, war schon jemand da, denn sie waren viele. Im Pulk gross geworden, haben sie in Massen die Schulen und Universitäten bevölkert. Und als es dann an die Jobsuche ging, hatten sie es nicht einfach. Das Wirtschaftswunder war bereits vorbei. Und ihre älteren Brüder und Schwestern dachten gar nicht daran, mit ihnen zu teilen. Hätte die Generation Babyboom eine Stimme, dann würde sie es möglicherweise so sagen: «Wir waren immer viele, aber wir mögen das. Wir haben gelernt zu teilen. Wir sind Individualisten und Pragmatiker. Wir sind Egoisten aber mit einer grossen Sehnsucht nach Gemeinschaft. Wir lieben das Abenteuer und die Veränderung. Wir sind politisch, wir sind analog und digital. Wir sind ziemlich fit und im Kopf viel jünger, als wir aussehen. Wir Babyboomer wissen, was es bedeutet, ‹das Problem› zu sein. Aber wir sind es auch gewohnt, zu einem Teil der Lösung zu werden.»


Das Private ist das Politische: Die Grossmütterrevolution macht es vor
Als Annette Stade 2009 mit einer Finanzierung durch das Migros Kulturprozent den Auftrag bekam, etwas für den Zusammenhalt zwischen den Generationen zu tun, wusste sie noch nicht, wie erfolgreich die zu einer kleinen Bewegung herangewachsene Plattform «Grossmütterrevolution» sein würde. Regelmässig treffen sich inzwischen in der Schweiz und in Italien Seniorinnen und diskutieren darüber, wer sie sind und wie sie leben wollen. Viele Frauen, sagt Annette Stade, kämen immer wieder aus dem einfachen Grund, in der Gemeinschaft Kraft zu tanken. Andere arbeiten kontinuierlich in Gruppen an ihren Themen: Sexualität und Partnerschaft, alte und neue Wohnformen, Abrüstung, Ohnmacht in der Politik, die Organisation von Pflege und sogar der gesellschaftliche Wandel und Postwachstum. Diese «Grossmüttergeneration» stehe, so fasst es Annette Stade zusammen, unter dem Vorzeichen des «sowohl als auch». Sie tun immer noch all das, was Grossmütter schon immer gerne taten: Zeit mit den Enkeln verbringen, ihre Kinder unterstützen, Kuchen backen oder sich um eine gesunde Ernährung kümmern. Aber sie geben sich damit nicht zufrieden. Sie gehen auch auf Rockkonzerte, machen weite Reisen oder erfüllen sich andere Lebensträume. Sie sind ehrenamtlich tätig, mischen in der Politik mit und denken gemeinsam darüber nach, wie sie ihre letzte Lebensphase sinnvoller gestalten können und wie es sein wird, wenn sie nicht mehr ohne Hilfe leben können. Sie sind nicht bereit, sich in die alten Klischees packen zu lassen und immer nur die Erwartungen ihrer Männer oder Kinder zu erfüllen. Sie wollen nicht mehr immer brav sein und nur für andere sorgen. Getreu dem Motto des Management-Gurus: «Die erste und vorrangige Aufgabe von Führungskräften ist es, sich um ihre eigene Energie zu kümmern und dann zu helfen, die Energie anderer nutzbar zu machen» stellen sie sich selber an die erste Stelle. «Diese Frauengeneration», davon ist Annette Stade (47) überzeugt, «erkämpft auch heute wieder für uns die Freiheiten, die wir brauchen».

Talente des Alterns
Der Neugierde der Fribourger Professorin Margrit Stamm haben wir den wissenschaftlichen Beweis zu verdanken, dass das Alter keineswegs mit dem Verlust an Fähigkeiten und Talenten verbunden ist. Ganz im Gegenteil: Wir können das, was uns gut tut bis ins hohe Alter nicht nur bewahren sondern auch entwickeln. Die auf Begabtenforschung spezialisierte Pädagogin befragte erst kürzlich die Generation «Babyboomer» über ihre Fähigkeiten, Lebenslagen, Wünsche und Pläne. Sie zeichnet das Bild einer Generation, die ganz überwiegend mit sich und ihrer Lebensleistung zufrieden ist. Die Studie belegt: Babyboomer haben in der Regel ein hohes Bildungsniveau – obwohl nur wenige der Oberschicht entstammen. Sie sind ihrem Beruf oder ihrem Arbeitgeber in der Regel über einen langen Zeitraum treu geblieben, haben Karriere gemacht, sind wirtschaftlich abgesichert und familiär gut eingebunden. Die meisten sind mit sich und ihrem Leben zufrieden. Aber viele vermissen es tätig zu sein. Denn während nur 4 Prozent der Berufstätigen den Wunsch äussern auch nach der Pensionierung noch tätig zu sein, erklären 30 Prozent aller Pensionisten, dass sie ihren Beruf doch sehr vermissen.
Diese Babyboomer haben viele Talente: Sie verfügen über herausragendes Wissen und Können in handwerklichen, intellektuellen oder in spirituellen Domänen. Nicht weniger spannend ist in diesem Zusammenhang auch die Erkenntnis, dass mit dem Alter die Bedeutung kognitiver Fähigkeiten für den persönlichen Lebenserfolg abnimmt. Wichtiger als angeborene Intelligenz sind auf Dauer Übung, Zielstrebigkeit und Persönlichkeit. Margrit Stamm: «Der Mensch kann etwas aus sich selber machen.» Und das bis ins hohe Alter. All diese Fähigkeiten wird die Generation Babyboomer auch brauchen. Vor allem, aber nicht nur in Deutschland, wo das Rentenniveau für die Babyboomer auf ein Niveau reduzier wurdet, das einen drastischen Anstieg der Altersarmut zur Folge haben wird. Aber auch die Babyboomer in Österreich, Frankreich oder Italien werden sich etwas einfallen lassen müssen. Denn dort steht der Rentenschock noch bevor.


Neue Ufer: Anzeichen einer intergenerationellen Allianz
Rund dreitausend TeilnehmerInnen hatte die vierte Internationale Degrowth Konferenz vom September in Leipzig. Organisiert hatte diese Veranstaltung ein junges Team mit wenig Geld und unendlich viel Enthusiasmus. Die Teilnehmer waren überwiegend sehr jung oder sie gehörten der Generation Un-Ruhestand an. Nur die mittlere Generation war sehr schwach vertreten.
In Leipzig betrat ein Generationen übergreifendes «De-growth-Bündnis» die Bühne der Politik und überzeugte nicht nur mit intellektueller Brillanz, sondern auch mit grosser Glaubwürdigkeit und mit der Bereitschaft, selber der Wandel zu sein, den sie für unausweichlich halten – teilen und tauschen, gemeinsam kochen und spülen und der Wille, Gemeinschaft und Gemeinwohl-Wirtschaft zu leben. Unprätentiös und leise wurde ein kultureller Wandel sichtbar, der tiefer geht, als man es bisher vermuten durfte. Eine von der Studentenbewegung geprägte Nachkriegsgeneration begegnete in Leipzig einer Enkelgeneration, für die die Grenzen des Wachstums die willkommene Befreiung aus dem als inhaltsleer und nichtig empfundenen Käfig des Konsumismus ist. Ein Wirtschaftssystem, für das nicht nur die Welt einen hohen Preis bezahlt, sondern auch jeder Einzelne.
Unterhalb der Sichtweite medialer Aufmerksamkeit wachsen die Gemeinsamkeiten zwischen den Senioren von morgen und ihren Enkeln. Befreit von den Zwängen des Funktionieren-müssens nutzen viele die neu gewonne Freiheit nicht nur, um private Träume zu leben, sondern auch um die Gemeinschaften zu beleben. Sie prägen das Bild des Alters neu und viele stehen an der Seite ihrer Enkel, wenn es darum geht, die Zukunft menschlich zu gestalten. Sollte der Verständigungsprozess zwischen ihnen gelingen, könnte das sehr nett werden. Keine Frage: Solche Allianzen braucht das Land.         

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Die Philosophin Christine Ax lebt in Hamburg, forscht in Wien am «Sustainable Europe Research Institute» und schreibt regelmässig für den Zeitpunkt. Von ihr erschienen u.a. «Die Könnensgesellschaft» (2009), «Wachstumswahn» (2013) und zuletzt «Reise ins Land der untergehenden Sonne» (2014), ein faszinierender Mix aus Reportage und Analyse.
25. November 2014
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