Bequemlichkeit ist eine der grossen Säulen, auf denen die Kultur der Industrienationen ruht. Wir verbinden Komfort mit Gegenständen, Geräten und Maschinen, die uns das Leben leichter machen. Sie nehmen uns Arbeit ab, ersparen uns Wege, verkürzen Wartezeiten, reduzieren Anstrengung und versprechen uns mehr Behaglichkeit, mehr Entspannung, weniger Stress.
Komfort ist, was gefällt. Seit jeher versucht der Mensch, seine Lebensbedingungen zu verbessern. Er suchte Schutz in Höhlen, baute Unterkünfte, wärmte sich am Feuer. Er stellte Werkzeuge her, um leichter an Nahrung zu gelangen, und Kleidung, um sich vor Kälte zu schützen. Jede Erfindung war auch ein Versuch, dem Leben etwas von seiner Mühsal abzuringen.
Vor etwa 12 000 Jahren begannen wir, Pflanzen anzubauen und Tiere zu domestizieren. Mit der Sesshaftigkeit mussten wir nicht mehr auf der Suche nach Nahrung weiterziehen. Gleichzeitig erfordert ortsfeste Landwirtschaft einen grösseren Arbeitsaufwand als das Nomadentum und birgt grössere Risiken. Wir schöpfen nicht mehr aus dem Vollen, sondern versuchen, die Fülle selbst herzustellen.
Couch Potatoes
Heute machen wir kaum noch etwas selbst. Es gibt fast alles zu kaufen. Was wir kaufen, wird geliefert. Damit wir es bequem haben und das Haus nicht mehr verlassen müssen, übernehmen bald Drohnen die persönliche Anlieferung. Das Canapé ist zu einem der beliebtesten Möbelstücke geworden. Von hier aus kommt die Welt in unsere Wohnboxen. Wir müssen nicht mehr hinaus. Die Welt kommt herein. Auch um Kontakte müssen wir uns nicht mehr bemühen. Sie kommen per Klick und per Wisch zu uns.
Komfort schenkt uns Zeit. Wir können sie für die Freizeitgestaltung oder für persönliche Weiterbildung nutzen. Doch in der Praxis schrumpfen unsere Fähigkeiten. Kinder können Stifte nicht mehr richtig halten, Studenten nicht mehr richtig lesen und schreiben. Denken und Orientieren übernehmen Maschinen für uns. Was früher Übung verlangte, erledigt heute ein Gerät. Was früher Begegnung erforderte, erledigt ein Bildschirm.
So werden wir nicht nur körperlich unbeweglicher. Auch unser Geist wird träge. Von aussen wird bestimmt, was wir wissen sollen. Wir bilden uns Meinungen aufgrund von Informationen, die wir oft weder überprüfen noch einordnen können. Wir müssen uns nicht mehr anstrengen, uns eine Meinung zu bilden. Auch sie bekommen wir geliefert. Wir müssen sie nur noch nachsprechen. Und immer weniger auch das.
Mit Menschen, die anders denken, sprechen viele erst gar nicht. Wir blockieren, löschen, entfolgen – in den sozialen Medien und immer mehr auch in der Realität. Unsere Welt richten wir uns so ein, dass möglichst nichts mehr darin vorkommt, was uns stört. So wird es richtig schön gemütlich.
Trigger zulassen
Informationen, die nicht in das eigene Selbst- und Weltbild passen, werden einfach aussortiert. Dumm ist der andere, nicht man selbst. So lassen wir eine Gesellschaft entstehen, in der die Mehrheit der Menschen immer weniger in Kontakt miteinander geht und sich immer weniger versteht. Aus Sesshaftigkeit wurde Bequemlichkeit und schliesslich Isolation.
Wer isoliert lebt, ist nicht nur leichter manipulierbar. Durch die fehlende Bereitschaft zur Auseinandersetzung entsteht keine Reibefläche mehr, an der Entwicklung stattfinden kann. Bequemlichkeit führt dazu, dass es weniger Herausforderungen gibt, an die wir uns anpassen müssen. Damit gibt es auch weniger Evolution. Unsere Entwicklung droht zu stagnieren.
So ist es nicht nur die Künstliche Intelligenz, die die Abschaffung des Menschen vorantreibt. Wir sind aus uns selbst heraus immer unbeweglicher. Wir verlieren an Tonus und sind letztlich weniger lebendig. Denn Leben bedeutet Begegnung, Veränderung, Entwicklung.
Mensch!
Trigger und Herausforderungen sind in gewisser Weise lebensnotwendig. Wenn wir ihnen aus dem Weg gehen, gehen wir dem Leben aus dem Weg. Im extremen Fall führt Bequemlichkeit dazu, dass wir in die totale Abhängigkeit gleiten und uns nur noch von Fremdenergien ernähren können, um am Leben zu bleiben. Unser eigenes Kraftwerk haben wir abgestellt: die Fähigkeit zur Auseinandersetzung.
Wollen wir uns selbst das antun? Wollen wir immer narzisstischer werden, das heisst, uns immer mehr von den Energien anderer ernähren, weil wir selbst innerlich leer sind? Wollen wir weiter andere beschuldigen und abwerten, nur weil sie nicht so sind oder so denken wie wir selbst? Wollen wir Energievampire werden? Unangenehme, selbstmitleidige, selbstgerechte, sture Zeitgenossen, von denen man sich letztlich tatsächlich nur wünschen kann, dass sie verschwinden? Oder wollen wir es anders machen?
Wir können. Anstatt Riesenbabys zu werden, können wir wieder dort hingehen, wo es auch unbequem sein kann. Wir können uns wieder bewegen. Wir können uns zusammentun und uns wieder miteinander auseinandersetzen. Diskutieren auch da, wo es unbequem wird. Den anderen ausreden lassen und ihm zuhören, anstatt vor allem das zu wiederholen, was über die Bildschirme flimmert.
Zusammen können wir der Wahrheit auf die Spur kommen. Wir können uns daran erinnern, was wir eigentlich können, und davon Gebrauch machen. Wir können eine neue Gesprächskultur bilden, in der es keinen Dummen mehr gibt, niemanden, der ausgeschlossen wird. Gemeinsam können wir uns darüber Gedanken machen, wie wir möglichst heile durch die allgemeine Zerstörung hindurchkommen, nicht als Tiere oder Maschinen, sondern als Menschen. Menschlich. Beweglich. Autonom. Kreativ.