Die Welt ist zu gefährlich geworden, um uns mit weniger als der Utopie zufrieden zu geben.
COUNTDOWN FÜR PLANET B - Sommerserie und Aufruf für visionäres Denken
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Niemand kennt die Zukunft. Vielleicht zerstört nächsten Dienstag ein Meteor alles Leben auf der Erde. Warum sollten wir uns also mit Utopien, Visionen oder gar Träumen beschäftigen? Sind das nicht Ablenkungen von den Herausforderungen der Gegenwart? Eine andere Form von Opium fürs Volk? «Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen», sagte denn auch der frühere deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt.

Und doch haben indigene Völker viel Aufmerksamkeit aufgewandt, die mögliche Zukunft zu erkunden. Sie haben sich vier Tage und Nächte in die Wildnis und Einsamkeit begeben, gefastet und gebetet, um ihre Vision zu empfangen. Odin, der Gott unserer Vorfahren, hat laut Legende sogar sein Augenlicht dafür geopfert, um in die Zukunft zu schauen. Warum? Es war die Suche nach Sinn. 

Eine Vision ist also ein Magnet für unser Handeln. 

Es gibt diesen Moment, wo die Zukunft auf einmal anfängt zu leuchten. Wir können sie spüren - als Vorfreude oder Resonanz. Es ist, als wäre ein Magnet oder Leuchtturm eingeschaltet worden. Auf einmal entsteht Sinn. Dann stimmt das Geschaute und Erträumte mit etwas überein, das mehr ist als Fantasie - etwas Objektivem. Kann ich diese Vision ins Gespräch bringen und andere teilhaben lassen, dann bekommt sie Verwirklichungskraft. Andere beginnen die Zukunft auch so oder ähnlich zu sehen und werden unwillkürlich in entsprechender Weise agieren. Die gewünschte Zukunft ist etwas wahrscheinlicher geworden.

Eine Vision ist also ein Magnet für unser Handeln. Diesen Magneten haben wir Militärstrategen, Raumfahrtingenieuren und Globalisierungsplanern überlassen, Kreisen aus Politik und Wirtschaft, die die Welt neu aufteilen. Die Friedensbewegungen verhielten sich eher keusch, was visionäres Denken anging. Damit gaben sie eine ihrer besten Möglichkeiten aus der Hand. Denn das kapitalistische System bezieht seine Macht aus unserem Mangel an Vorstellungskraft von Alternativen. Abdullah Öcalan, der inhaftierte Kurdenführer, sagte: «Die wahre Kraft der kapitalistischen Moderne ist nicht ihr Geld oder ihre Waffen; die wahre Macht beruht auf ihrer Fähigkeit, alle Utopien im Keim zu ersticken.»

Gibt es denn wirklich keinen «Planet B», wie die Umweltbewegung sagt?

Doch. Es gibt ihn. Nicht materiell, aber in unserem visionären Geist. Es gibt bereits Menschen, die ihn sehen und danach handeln. Es gibt Gruppen, die ihn hier und dort schon sichtbar machen. In Zukunftslabors, in Ökodörfern, in Netzwerken, Friedensdörfern und urbanen Experimenten. 

Wie können wir denn in die Zukunft schauen? Visionssuche ist sehr unterschiedlich. Ein subjektiver und objektiver Blick verbinden sich. Der Zukunftsforscher Mathias Horx spricht etwas wissenschaftlicher von «Regnose». Im Gegensatz zu einer Prognose begibt man sich in der Regnose in Gedanken in einen gewünschten Zustand der Zukunft. Von dort erträumt man sich in einer Art Fantasiereise den Weg dorthin. Das Gute ist: Unser Bezugspunkt ist nicht wie üblich die allgemeine Zukunftsangst, sondern die Vorfreude. Dadurch erhalten alle Möglichkeiten eine andere Färbung. Die Zukunftsangst zu überwinden, legt die kreative Energie frei, die wir brauchen.

In unserer Sommerserie schauen wir auf einige Schlüssel-Parameter - z.B. Ernährung, Entscheidungsfindung, Geld, Städtebau, Geschlechterverhältnis - und betrachten ihren Einfluss auf das ganze System. Trends, Möglichkeiten und Notwendigkeiten werden ebenso einbezogen wie reale Erfahrungen, die heute bereits an verschiedenen Orten gemacht werden. 

Der Countdown zu Planet B ist eine Einladung zum utopischen Denken! Lassen wir Helmut Schmidt und seinen Arzt ruhig ihr Süppchen kochen und halten uns eher an Buckminster Fuller, den amerikanischen Visionär. Er sagte: «Die Welt ist zu gefährlich geworden, um uns mit weniger als der Utopie zufrieden zu geben.»

Christa Dregger-Barthels

Christa Dregger-Barthels

Christa Dregger-Barthels (auch «Leila» Dregger), Redaktionsmitglied des Zeitpunkt, Buchautorin, Journalistin und Aktivistin. Sie lebt über 40 Jahre in Gemeinschaften, davon 18 Jahre in Tamera/Portugal - inzwischen wieder in Deutschland. Ihre Themengebiete sind Frieden, Gemeinschaft, Mann/Frau, Geist, Ökologie.

Weitere Projekte:

Biohotel Gut Nisdorf: www.gut-nisdorf.de

Terra Nova Begegnungsraum: www.terranova-begegnungsraum.de

Gerne empfehle ich Ihnen meine Podcast-Reihe TERRA NOVA:
terra-nova-podcast-1.podigee.io.  
Darin bin ich im Gespräch mit Denkern, Philosophinnen, kreativen Geistern, Kulturschaffenden. Meine wichtigsten Fragen sind: Sind Menschheit und Erde noch heilbar? Welche Gedanken und Erfahrungen helfen dabei? 

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