In Egnach am Bodensee soll ein Modelldorf der Nachhaltigkeit entstehen

Egnach im Thurgau, das sind 4800 Einwohner, 68 Weiler, 4 Bahnhöfe, sehr viele Obstbäume – und bald vielleicht ein Zukunftsdorf. Schon haben sich eine Ideenwerkstatt, ein Investor, Architekten und Ortsansässige zusammengefunden, um dieses Modell für ökologisch-soziale Nachhaltigkeit zu verwirklichen. Dreh- und Angelpunkt für sein Gelingen ist der Dorfplatz – und die aktive Teilnahme der zukünftigen Bewohner.

© donald.kaden (creative commons)

Zunächst: Was ist ein Zukunftsdorf? Warum braucht man überhaupt Zukunftsdörfer? Und was unterscheidet sie von Lebensgemeinschaften und Ökodörfern? Und was denken die Orstansässigen dazu? Manuel Lehmann hat sich die Aufgabe gestellt, viele Interessen an einen Tisch zu bringen, um ein Zukunftsdorf zu planen. Als Gründer der Denkwerkstatt „Thinkpact Zukunft“ verfolgt er die Idee eines nachhaltigen, guten Lebens – nicht als Nische, sondern für alle.

Also, was unterscheidet ein Zukunftsdorf von einer intentionalen Gemeinschaft oder Kommune, wie sie in den letzten Jahrzehnten an abgelegenen Orten entstanden? Lehmann: „Zunächst einmal die Grösse. Während eine grosse Gemeinschaft vielleicht aus 50 Menschen besteht, wird das Zukunftsdorf in der ersten Phase auf 400-500 Einwohner kommen, später auf 2000. Dann natürlich die Commitments, die in einem Zukunftsdorf individueller und offener, nicht so verpflichtend sind wie in einer Gemeinschaft: So ist z.B. Gemeinschaftsarbeit willkommen, aber keine Pflicht.“

Ein Zukunftsdorf ist eine menschliche Siedlung, die die Vorteile eines traditionellen Dorfes mit modernen ökologischen und sozialen Techniken verbindet.

Ein Zukunftsdorf ist eine menschliche Siedlung, die die Vorteile eines traditionellen Dorfes mit modernen ökologischen und sozialen Techniken verbindet: möglichst ökologisch und schadstofffrei gebaut, integriert es vielfältige Bedürfnisse und Bevölkerungsgruppen, verbindet Arbeiten und Wohnen, Natur und Mensch, Jung und Alt, Familien, Alleinstehende und WGs. Es versucht, so viele natürliche, kulturelle und soziale Anreize zu schaffen, dass seine Einwohner vor Ort finden, was sie brauchen. Ein Teil der Lebensmittel und andere Güter wird regional produziert und in Kooperativen angeboten. Insgesamt hat das geplante Zukunftsdorf neun Prioritäten der Nachhaltigkeit (siehe Tabelle) – und ist damit ein gelebtes Modell für Wohnen, Leben und Arbeiten in Dörfern und Städten. Lehmann dazu: „Diese Prioritäten haben wir ganz am Anfang des Projektes erstellt. Vieles davon wird erfüllt werden können, an anderen Werten müssen wir dranbleiben.“

Tabelle Prioritäten

 

Manuel Lehmann

Den Tipp, dass in Egnach viel läuft, erhielt Manuel Lehmann von Stefan Tittmann vom Zentrum für Gemeinden der Fachhochschule Ost. Der Sozialpädagoge und Städte- und Gemeindenentwickler hatte verschiedenste Teilnehmer in Egnach in partizipativen Dialogen integriert. Am Ende des Workshops standen verschiedene Projekte und Aktivitäten mit Bezug zu Nachhaltigkeit. Von diesem Feuer profitierte auch eine Gruppe von Egnachern, die sich organisierten, um das Schloss Luxburg, das vierzig Jahre leergestanden hatte, zu kaufen und wieder zu beleben. Dort soll ein Nachhaltigkeitszentrum und eine Slow-Travel-Destination entstehen. Dies weckte Lehmanns Neugier. Also fuhr er selbst nach Egnach und entdeckte, dass rund um einen Bahnhof grosse Entwicklungsgebiete liegen, unter anderem ein stillgelegtes Mosterei-Gelände. Manuel Lehmann: „Das sind ideale Voraussetzungen für ein Modelldorf für ein richtig gutes Leben.“

Ein gutes Leben, das hat nach seiner Auffassung vor allem drei Aspekte: ökologisch gesund, sozial integriert, regional eingebettet.

Ein gutes Leben, das hat nach seiner Auffassung vor allem drei Aspekte: ökologisch gesund, sozial integriert, regional eingebettet. Ein gutes Leben entsteht nicht von oben herab, sondern durch die aktive Beteiligung möglichst vieler. „Für mich heisst gut leben, nicht mehr überall in der Gegend herumzufahren, um die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen. Das heisst zum Beispiel, dass mein Essen aus den Gärten der Umgebung kommt und ich es wachsen sehen kann. Deshalb gehört eine Gemüsekooperative unbedingt dazu. Überhaupt eine Integration von Arbeit und Leben, deshalb sind mir Coworking-Spaces wichtig.“

Mit der Idee konnte er verschiedenste Gruppen begeistern, aber zunächst wollte niemand die Verantwortung für ihre Verwirklichung übernehmen. Das war der Moment, wo Manuel Lehmann sich entschied, alles dafür zu tun, dass es gelingt. Lehmann: „Das Zukunftsdorf soll aber keine Insel sein, kein Dorf im Dorf und keine Dorfranderscheinung. Sondern es soll die Wünsche der ursprünglich Ortsansässigen ebenso einbeziehen wie die von Zugezogenen.“

Integration und Weltoffenheit sind ihm wichtig: Das Zukunftsdorf ist kein verträumter Rückzugsort von einer grausamen Welt, keine Utopie, wo die Ansprüche höher sind als die eigene Bereitschaft. Denn damit haben viele ähnliche Projekte der letzten Jahre Ernüchterung und Enttäuschung erlebt. Lehmann, der Zürcher Lebensprojekte wie die Kalkbreite und„Mehr als Wohnen“ analysiert hat: „Viele Menschen aus grossen Gemeinschaftsversuchen sind enttäuscht, weil sie ihrem eigenen Anspruch nach Gemeinsamkeit und aktiver Beteiligung nicht gerecht werden. Wir gehen da viel pragmatischer vor.“ 

So erhielt Manuel Lehmann von Seiten der Investoren ein Mandat, die Entscheidungsprozesse zu moderieren und zu fördern. „Es haben sich dafür auch schon Profis gemeldet, die geeignete Instrumente kennen und anwenden – was die Bewohner aber daraus machen, liegt ganz bei ihnen.“

Plan

Manuel Lehmann führte mit dem Thinkpact Zukunft entsprechende Diskussionen, Gespräche und Umfragen durch. Das Ergebnis: sowohl Gemeinderat als auch ein Teil der Bewohner der Gemeinde sind offen und interessiert an einem Modelldorf für nachhaltige Entwicklung. Der Trägerverein „Zukunftsdorf Egnach“ wurde gegründet. Schon davor begann die Entwicklung des Gestaltungsplans. Das Architektenteam Baumschlager & Eberle entwickelte im Auftrag des Immobilienentwicklers Mettler2Invest den Siedlungskern auf dem „Thurella-Areal“, der ehemaligen Mosterei: den Dorfplatz. Ende letzten Jahres wurde er von der Gemeindeversammlung genehmigt: ein Ortskern mit Geschäften und Hochstamm-Obstbäumen, eine verdichtete Bebauung aus historischen Backsteingebäuden und neu gebauten Mehrfamilienhäusern in Seenähe. Dazu kommen umfangreiche unversiegelte Aussen- und Grünflächen, Spiel- und Freizeitflächen für zukünftige Bewohner.

Lehmann: „Es ist sehr wichtig, dass der Dorfplatz so attraktiv wird, dass er als Zentrum von allen Bewohnern Egnachs angenommen wird. Denn das ist unser Anspruch als Zukunftsdorf: wir wollen das zukünftige Zentrum von Egnach sein.“ Ab 2025/26 soll das Zukunftsdorf bezugsfertig sein. Bis dahin gibt es noch viel zu tun. Lehmann: „Gebaut wird möglichst schadstofffrei, das ist der Minimalanspruch. Darüber hinaus liegt die Gestaltung bei den zukünftigen Bewohnern. Jetzt sollten sich Familien, Gruppen und Einzelpersonen melden, zusammentun und ihre Wünsche ausarbeiten: Ob Clusterwohnungen für Gross-WGs, ob offene Stockwerke, in denen sich Familien zum Co-Housing verbinden – oder grössere oder kleinere Appartments, Co-Working-Spaces, Gemeinschaftsräume, Wohn- und Gewerbebereiche.“

Im Juni dieses Jahres stieg die nachhaltige Pensionskasse Stiftung Abendrot als Investor ein und erwarb ein Teil desMosterei-Areals. Weitere Investoren haben ihr Interesse signalisiert, andere Teile des Projektes zu finanzieren. Damit ist das Projekt Zukunftsdorf ein ganzes Stück der Verwirklichung näher gekommen. Neben dem Umbau der beiden bestehenden denkmalgeschützten Gebäude zu Gewerbe- und Wohnhäusern sowie einem Restaurant mit Pension ist seitens Stiftung Abendrot der Bau von drei Wohnhäusern mit teilgemeinschaftlichen Wohnformen und Gewerbe vorgesehen. Aus der Pressemitteilung der Abenrot-Stiftung: „Insgesamt entstehen rund 161 neue Wohnungen, 17 Alters-Wohnungen und 52 Betagtenzimmer mit gemeinsamen Umgebungsanlagen und einer Autoeinstellhalle.“ 

 

Das Zukunftsdorf soll gleichzeitig individuell als auch gemeinschaftlich organisiert sein. So werden alle Bewohner und Bewohnerinnen, ob Eigentümer oder Mieter, automatisch Mitglieder des Siedlervereins werden. Dieser wird über das gemeinschaftliche Siedlungsleben sowie die Nutzung und Bewirtschaftung der gemeinschaftlichen Einrichtungen bestimmen. Lehmann: „Alle Bewohner können sich also aktiv einbringen und mitbestimmen oder auch einfach nur dieverschiedenen gemeinschaftlichen Einrichtungen mitbenutzen.“

Verschiedene Gemeinschaftseinrichtungen sind im Bauprojekt eingeplant: ein grosser Gemeinschaftsraum, Waschsalons, Mehrzweckräume, Gästezimmer sowie umfangreiche Aufenthalts- und Gartenbereiche in den Umgebungsanlagen. Für den Bau der Co-Working-Spaces und die Versorgung mit lokalen Lebensmitteln ist Eigeninitiative gefragt und gewünscht.

Im Dezember 2022 soll der Bauantrag eingereicht werden. Mit dem Baustart rechnen die Betreiber ab Frühjahr 2023. Die neu gebauten Wohnungen können ab Mai 2025 bezogen werden. In die vorhandenen Räumlichkeiten eines bestehenden Gebäudes können aber auch jetzt schon die ersten Pioniere einziehen.

Lehmann: „Ab jetzt brauchen wir Menschen, die sich entscheiden und sich entsprechend organisieren, z.B. für den Bau von Clusterwohnungen. Ab Herbst diesen Jahres laden wir alle Interessenten ein, sich an der Gestaltung zu beteiligen. Das ist ein Prozess der Selbstorganisation, der nach meiner Erfahrung etwas Zeit braucht. Und sicher werden wir auch auf einige Dinge verzichten müssen, damit die Wohnungen erschwinglich sind. Bitte meldet euch, damit wir ins Gespräch kommen und ein wirklich bedürfnisorientiertes Zukunftsdorf bauen können.“

10. September 2022
von:

Über

Christa Dregger

Submitted by cld on Sa, 09/17/2022 - 12:37

Christa Dregger-Barthels (auch unter dem Namen Leila Dregger bekannt). Ich bin Redaktionsmitglied des Zeitpunkt, Buchautorin, Journalistin und Aktivistin. Ich lebte fast 40 Jahren in Gemeinschaften, davon 18 Jahre in Tamera/Portugal - inzwischen wieder in Deutschland. Meine Themengebiete sind Frieden, Gemeinschaft, Mann/Frau, Geist.

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