Eine Laune der Natur (2)
Im August 1987, nach einem verregneten Sommer überschwemmte die Reuss im Urnerland das halbe Tal. Noch am gleichen Tag reiste der Schriftsteller Nicolas Lindt ins Überschwemmungsgebiet. In seinem späteren Buch «Die Freiheit der Sternenberger» beschrieb er, was er erlebte, als im Kanton Uri der Ausnahmezustand herrschte. Unsere Sommerserie Teil 2
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«Das Wasser hat alles zum Schweigen gebracht». Alle Bilder: ETH Bildarchiv

Mitten in der Nacht habe die Katastrophe begonnen.

Die Reuss führte soviel Wasser und Geschiebe mit sich, dass unterhalb von Altdorf der Damm brach und die Wassermassen ungehindert in die weite Talebene strömten. Um sechs Uhr morgens hatte die Flut auch Flüelen erreicht, und in weniger als zwanzig Minuten stand alles im Wasser. Seither ist das Dorf wie abgeschnitten von der Umgebung, alle Strassen von und nach Flüelen sind überflutet.

Vom See her wäre der Ort noch erreichbar - doch von hier aus kommt man nicht weiter. Der Bäcker, der sich mit mir auf dem Schiff befand, sei wieder umgekehrt, höre ich, und zurück nach Brunnen gereist. Dort bleibe ihm nichts anderes übrig, als abzuwarten.

Die Männer von Flüelen in ihren orangen Feuerwehrwesten haben den ganzen frühen Morgen gegen die Fluten gekämpft, doch im Augenblick können sie nicht mehr viel tun. Auch ihnen bleibt nichts anderes, als zu warten, bis die Wassermassen zurückgehen. Ein Feuer, sagen sie, könnte man wenigstens löschen, aber gegen das Wasser ist nichts zu machen.

Tatsächlich, denke ich, es liegt einfach da, ganz beschaulich und nur von einer leichten, kaum sichtbaren Strömung durchzogen, eine stille Gewalt. Noch nie herrschte wohl am hellichten Tag in Flüelen eine solche Stille. Kein Verkehrslärm, kein Baulärm, kein Touristenlärm: Das Wasser hat alles zum Schweigen gebracht.

Ein Helikopter knattert im Tiefflug über das Dorf hinweg, bleibt für Augenblicke über unseren Köpfen und schwingt sich wieder empor. Ich hätte in diesem Moment nichts dagegen, da oben zu sein, die Abenteuerlust hat mich ein wenig verlassen. Ich sehe den Helikopter, wie er sich surrend über das Tal entfernt, hinüberfliegt zu den grünen Matten, den Gehöften in sicherer Höhe - und beschliesse, den mir gebliebenen Mut zusammenzunehmen und zu versuchen, wenigstens bis nach Altdorf zu kommen. Dort soll das Wasser nicht sein.

Aber noch bin ich auf allen Seiten davon umgeben. Wie es mir gelingen soll, mich durch diese Fluten hindurchzukämpfen, ist mir noch nicht klar.

Nach einigen aussichtslosen Versuchen finde ich einen Weg, bei dem mir die trübe Suppe bloss zu den Knien reicht, was ein gewisses Vorankommen durchaus ermöglicht. Die Wasserstrasse, der ich nun folge, führt mich zunächst dem überschwemmten Areal des Flüelener Bahnhofs entlang. Ich komme zu einer Schreinerei, vor deren überflutetem Eingang, bis zu den hochgezogenen Hosen im Wasser, sich zwei Männer aufhalten. Normalerweise wäre ein kurzer Gruss im Vorbeigehen genug. Doch heute ist wohl einer dieser seltenen Tage, wo man angesichts der Naturgewalt auf jeden anderen Menschen zugehen möchte, und wäre es nur, um über das Aussergewöhnliche, das man erlebt, ein paar Worte zu wechseln.

Die nun folgende Szene, wie wir da zu dritt mit abgesägten Hosen im Wasser stehen und die uns umspülende Flut kommentieren - diese Szene hat allerdings etwas Komisches an sich, und eigentlich könnten wir darüber lachen, wie uns geschieht. Wir tun es nicht. Einer der beiden Männer, so erfahre ich, ist der Besitzer der Schreinerei; er hat soeben die Versicherungspolice durchgelesen und dabei mit Betroffenheit festgestellt, dass nur ein Teil seiner Verluste gedeckt sein wird. Einige auswärtige Kunden, meint er, die keine Geduld haben, wird er wahrscheinlich verlieren.

Doch der Urner bleibt ruhig. Er flucht nicht über das Wasser, das ihm über Nacht so viele Schwierigkeiten gebracht hat. Man muss es nehmen, sagt er, wie es ist.

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«Man muss es nehmen, wie’s ist, sagt der Urner» 

Ich höre den Ausspruch nicht zum ersten Mal. Aber an diesem Morgen, angesichts der überwältigenden Wassermassen, wird mir erst wirklich bewusst, welche Weisheit in der schlichten Feststellung liegt. Es ist eine Weisheit, überlege ich mir, wie sie wohl nur derjenige hervorbringt, der die Natur kennt.

Ich setze meine ungewöhnliche Wanderung fort, erkenne aber schon nach wenigen weiteren Schritten, wie anstrengend es ist, im Wasser vorwärtskommen zu wollen. Noch immer denke ich an den Satz, dass man die Dinge nehmen muss, wie sie sind, und ich wundere mich über mich selbst - warum ich hier bin, warum ich anzukämpfen versuche gegen des Wassers Macht und nicht akzeptiere, dass die Natur mir den Weg nach Altdorf im Grunde genommen verbietet. Ist es Abenteuerlust? Oder ist es die Herausforderung, die Dinge doch nicht zu nehmen, wie sie sind?

Mit neuer Entschlossenheit wate ich weiter, obwohl nicht nur die Trägheit des Wassers, sondern auch die mir entgegenkommende Strömung meine Schritte bremst. Nun erst wird mir klar, dass es stets die Reuss ist, in der ich wate. Der über seine Ufer getretene Fluss ist jetzt überall; und die ständige Strömung lässt beunruhigend darauf schliessen, dass er um Nachschub in keiner Weise verlegen ist, dass er immer noch mehr Wasser heruntertragen und den ganzen verregneten Sommer ins Tal schwemmen wird.

Was hat er unterwegs wohl alles kaputtgemacht, alles mit sich gerissen auf seinem ungeordneten Lauf durch die grosse Ebene? Auf der undefinierbaren Brühe, die mir entgegenströmt, schwimmt ein öliger Film, und das Wasser stinkt nach Schlamm und Benzin. Der Geruch bleibt in meiner Nase hängen und begleitet mich penetrant.

Nun senkt sich die Strasse, der ich gefolgt bin; das Wasser reicht mir schon bald bis zur Hüfte, und so traversiere ich zu den Bahngeleisen hinüber, wo der Wasserspiegel etwas niedriger ist. Aber das Gehen wird deshalb nicht leichter, denn die Trübheit des Wassers verhindert die Sicht auf den Grund. Zögernd, Schritt für Schritt, taste ich mich voran: Unter meinen Füssen spüre ich ein unangenehmes Gewirr von Schienensträngen und Weichen und nach den ersten Metern bin ich nahe dran, aufzugeben. Doch der Wille, vor der Wasserflut nicht zurückzuweichen, erweist sich als stärker.

Aus der Ferne, aus Altdorf, tönt der Glockenschlag einer Kirche. Elfmal schlägt sie - und von der Kirche in Flüelen tönt es ebensoviele Male, überraschend zurück: Wir sind noch da, keine Sorge!

In der grossen Ruhe, die an diesem Vormittag über der weiten Talebene herrscht, klingen die Glockenschläge noch lange nach. Sie bringen eine seltsam friedliche Stimmung über die von den Wassermassen eroberte Landschaft. Flüelen, das Dorf, liegt jetzt hinter mir. Ich befinde mich inmitten der Ebene, und da drüben, irgendwo hinter Bäumen, Elektrizitätsmasten und Autobahnbrücken versteckt, hat die Reuss üblicherweise ihr Bett. Vergangene Nacht hat sie allerdings schlecht geschlafen: So weit das Auge reicht, ertrinken die Wiesen und Felder in der schmutzigen Flut - und lassen den Frieden über dem Tal sogleich wie Hohn erscheinen.

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«Seltsam friedlich ist die Stimmung über der vom Wasser eroberten Landschaft» 

Einzig der Bahndamm liegt inzwischen über dem Wasser, und als ich ihn nach etlichen Schwierigkeiten erreiche, kommt es mir vor, als hätte ich endlich wieder festen Boden unter den Füssen. Mit dem guten Gefühl, das der Mensch empfindet, wenn er ein Hindernis der Natur überwunden hat, schreite ich aus.

Während mein Weg mich nun den Gleisen entlangführt, weiss ich natürlich, dass dies nicht irgendein Bahndamm ist: An gewöhnlichen Tagen trägt er ganz Europa auf seinen Schienen. Aber heute trägt er nur mich. Unbrauchbar, verwaist liegt das internationale Trassée zu meinen Füssen. Schon bald wird das erste Gras zwischen den Schwellen hervorwachsen.

Ich bleibe freilich nicht lange der Einzige, der auf der Gotthardlinie zu Fuss unterwegs ist. Eine ganze Anzahl Menschen kommt mir von Altdorf entgegen. Aus der Ferne betrachtet, sehen sie aus wie Flüchtlinge, die, vom Hochwasser überrascht, ihr nacktes Leben auf den Bahndamm gerettet haben. Doch je näher sie kommen, umso mehr wandelt sich das Bild. Die ersten vermeintlichen Obdachlosen, die mir begegnen, sind einige Jugendliche. Sie haben schulfrei wegen der Überschwemmung, erzählen sie, jetzt wollen sie ihre Freunde in Flüelen besuchen. Die abenteuerliche Expedition macht ihnen grossen Spass, das merkt man sofort, ihre Kleider sind schon ganz nass, doch was tut's? Mit den Augen dieser Schüler betrachtet, ist so ein Hochwasser eine spannende Sache.

Hinter ihnen folgen die ersten Erwachsenen. Mit Kleinkindern, Hunden und Fotoapparaten gerüstet, keineswegs notleidend, spazieren die Flüchtlinge, die gar keine sind, durch das Überschwemmungsgebiet und schauen sich alles beeindruckt an. Im Gegensatz zu den Jugendlichen sind die Erwachsenen allerdings etwas unschlüssig, ob nicht angesichts der katastrophalen Situation mindestens eine betroffene, ernste Miene angebracht wäre. Doch dann berichtet jemand von ihnen, was er am Radio vernommen hat: Dass man im Laufe der Nacht Hunderte von Menschen evakuieren musste, dass jedoch alle wohlauf sind. Ums Leben gekommen sei jedenfalls niemand.

Diese letzte Information macht alles ein bisschen weniger ungewiss und bedrückend. Sie entlastet auch mich.

Sogar der Himmel löst sich jetzt ein wenig aus seiner Düsternis, die Wolken sind etwas weniger schwarz, und der Regen hat aufgehört. An den Spaziergängern vorbei, die schon zuversichtlich ihre Schirme zuklappen und ihre Kapuzen abnehmen, komme ich zu einer neueren Siedlung, die am Rande des Bahndamms liegt und wie alles andere ebensowenig verschont blieb. Haarscharf bis an die Fenster der Erdgeschosse reicht der Pegel der Flut; beim vordersten Haus liegt er sogar etwas höher - ein Papierschiffchen könnte gefahrlos ins Innere segeln.

Auf dem Balkon im ersten Stock haben sich zwei Familien versammelt, die trotz ihrer unerfreulichen Lage nicht besonders verzweifelt scheinen. Der Kühlschrank sei noch gefüllt, rufen sie lachend von ihrem Ausguck herab: Alles nur halb so schlimm!

Nach der schwimmenden Siedlung folgt ein einzelner Bungalow, von dessen Garten nur noch der Zaun aus den Fluten ragt. In der Mitte seines derart verschluckten Grundstücks steht der glückliche Besitzer und dokumentiert, bis zu den Hüften im Wasser, das unwiederbringliche Ereignis mit der Videokamera, während seine Gattin aus dem Fenster lehnt und Regieanweisungen gibt.

So halten die beiden für immer fest, wie das ist, wenn eines Morgens, ungerufen und unangemeldet, die Natur im Eigenheim steht, den Garten, den Keller, das Erdgeschoss, die Garage und die gewohnte Ordnung - dies alles besetzt und den wählerischen Menschen von heute, die es längst auch im Urnerland gibt, keine andere Wahl lässt, als mit Galgenhumor und gottergeben, wie in früheren Zeiten, sich zu gedulden.


Teil 1 ist hier: zeitpunkt.ch/eine-laune-der-natur

Teil 3 folgt nächste Woche Donnerstag


Der Text stammt aus dem Buch von Nicolas Lindt «Die Freiheit der Sternenberger – Reiseberichte und Dorfgeschichten» (Zürcher Oberland Buchverlag 4. Auflage 2019). Erhältlich im ZO-Shop und im Onlineshop des Autors.

Überschwemmung der Reuss im Urnerland - Bericht im Schweizer Fernsehen 25.8.1987

Nicolas Lindt

Nicolas Lindt

Nicolas Lindt (*1954) war Musikjournalist, Tagesschau-Reporter und Gerichtskolumnist, bevor er in seinen Büchern wahre Geschichten zu erzählen begann. Neben dem Schreiben gestaltete er während 30 Jahren freie Trauungen. Der Autor lebt mit seiner Familie in Wald und in Segnas.

Bücher von Nicolas Lindt

Der Fünf Minuten-Podcast «Mitten im Leben» von Nicolas Lindt ist zu finden auf Spotify, iTunes und Audible.

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Neues Buch: «Orwells Einsamkeit - sein Leben, ‚1984‘ und mein Weg zu einem persönlichen Denken». Erhältlich im Buchhandel - zum Beispiel bei Ex Libris oder Orell Füssli

Alle weiteren Informationen: www.nicolaslindt.ch


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