Es braucht eine digitale Ethik

Maschinen kennen keine Moral, deshalb muss der Mensch nachhelfen. Der Schweizer Zukunftsberater Gerd Leonhard fordert eine digitale Ethik mit Standards in der völlig vernetzten Welt.

Knapp 70 Prozent der Schweizer benutzen heute ein Smartphone – Tendenz steigend. Ich gehöre auch dazu und mache täglich davon Gebrauch. Dabei hinterlasse ich Spuren über die Satellitenverbindung meines Handys, aber auch bei Diensten wie Facebook oder WhatsApp. Google weiss auch immer, wo ich bin. Der Technologiegigant verfolgt jeden meiner Clicks und Mails.

Ist das beängstigend oder nützlich? Für den Futuristen Gerd Leonhard aus Basel ist es beides. Da Maschinen keine Ethik kennen, fordert er Regeln für menschliches beziehungsweise moralisches Handeln in der zunehmend digitalisierten Welt. Der gebürtige Deutsche hilft Organisationen wie dem WWF oder der Europäischen Kommission, die wichtigsten Trends der Zukunft zu erkennen, kritisch zu analysieren, und tritt weltweit als Referent auf.

Es sei für viele Menschen sicher wünschenswert, sagt er, wenn ein Chip am Körper zum Beispiel deren Gesundheitszustand überwache und aktuelle Gesundheitsinformationen an den Arzt übermittle. Problematisch werde es allerdings, wenn diese Daten in die falschen Hände gerieten. Diese Gefahr besteht. Denn Musik, Filme, Patientenakten – alles wird digitalisiert und automatisiert und ist in der Daten-wolke gespeichert. Bald kann alles, was wir essen, trinken, sehen oder hören sowie unsere gesamte Kommunikation rückverfolgt, überwacht und analysiert werden. Big Brother lässt grüssen.


Sicherheit versus Privatsphäre
Für US-Präsident Barack Obama gibt es keine 100-prozentige Sicherheit bei gleichzeitig 100-prozentiger Privatsphäre. Der Direktor des FBI wollte deshalb die Verschlüsselung von privaten Daten, wie es Apple auf seinen iPhones neu ermöglichen will, verbieten. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg sagte schon im Jahr 2010 voraus, dass Privatsphäre bald keine soziale Norm mehr sein werde. Seine Prophezeiung hat sich bereits erfüllt.

Tatsache ist, dass wir uns Gedanken machen müssen über den künftigen Umgang mit der Macht und Reichweite von Plattformen wie Facebook, Google und Amazon. Google weiss oft mehr über uns als unsere Partner oder Familie. Aus den Spuren, die wir im Netz hinterlassen, wissen Firmen, wofür wir uns interessieren, und beliefern uns ungefragt mit Angeboten. Wer beispielsweise bei einer Airline nach einem Flug sucht und nicht bucht, dessen IP-Adresse wird an einen Broker verkauft, der sie dann auf dem Markt paketweise versteigert. Als nächstes finden Sie Werbung von Anbietern des gesuchten Flugs auf Ihrem Bildschirm – und das alles in weniger als einer Sekunde.

Wenn jemand eine Seite auf Facebook «liket» lässt sich zum Beispiel mit 85-prozentiger Sicherheit dessen politische Einstellung berechnen. Der Technologie des Data-Minings, das die Analyse von grossen Zahlenmengen erlaubt, sei Dank. Auch über die sexuelle Orientierung und die Religion lassen sich aufgrund weniger Daten relativ zuverlässige Aussagen machen.

Was ist der Preis, den wir dafür bezahlen? Wir sollten uns heute schon Gedanken machen, was den Datensammlern erlaubt sein soll. Es müssen Grenzen und Standards für das Netz definiert werden und die Frage beantwortet werden, was verantwortungsvolles Verhalten im Internet ist. Bloss: «Es kommt immer darauf an, wer die ethischen Standards setzt», so Leonhard.

Das inoffizielle Credo von Google lautete einmal «Don’t be evil». Heute spotten viele über den Technologiegiganten mit dem Nachsatz: «Evil is hard to define.» Wir müssen uns fragen, inwieweit die Digitalisierung der Gesellschaft auch unsere Werte beeinflusst. Die Diskussion um Datenschutz und Sicherheit kreist auch um die digitale Identität und Transparenz, die positiv oder ambivalent konnotiert sein kann. Leonhard fordert deshalb, dass die Menschheit zuerst Grundsätze zu einem moralischen Handeln in einer digital komplett vernetzten Welt entwickelt. Dabei geht es um Werte wie Transparenz der Datensammler, einen Sozialvertrag zwischen Technologieplattformen und den Usern sowie Regeln im Umgang mit der Datennutzung. Das Thema ist dringlich. Denn, so der Zukunftsforscher: «Ohne eine stärkere Fokussierung auf digitale Ethik wird der technologische Fortschritt zur einer Bedrohung für die Menschheit.»

Mehr zu Gerd Leonhard: www.gerdleonhard.ch
30. April 2015
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