Heilige Nacht

Die stolze Frau blickte zurück auf die vielen Leben der Macht und der Grausamkeit.

Nativity - Paula Rego
Marias Geburtsschmerz. «Nativity» der portugiesischen Malerin Paula Rego in ihrem Zyklus: Marias Kreuz (Museum de Presidencia da República)

Sie hatte gelernt, aus allen Lebenslagen das Beste für sich herauszuholen. Schon in frühen Leben riss sie die Liebe, die nur enttäuschte und Leid brachte, aus ihrem Herzen und wusste den Schmerz fortan zu vermeiden. Sie setzte ihren Eigenwillen durch und hielt sich an die kontrollierbaren Dinge. Darin war sie Meisterin. 

Sie hatte Angst verbreitet und Bewunderung genossen, wurde angehimmelt und begehrt. Viele waren ihr verfallen, viele Leichtgläubige hatte sie an sich gebunden und ihnen das Heil versprochen, um sie später ins Verderben zu stürzen. Es gab nur wenig, was sie nicht verbrochen hatte. Was hatte es ihr gebracht? Müde hob sie die Augen und schaute um sich. Da war niemand. Sie war allein, allein, wie immer. Ihr Herz war leer und kalt.

In der Ferne sah sie eine dunkle, armselige Gestalt, die auf das Licht zu humpelte, das von einer geschmückten Tanne ausstrahlte. Die stolze Frau wusste nicht, wohin sie gehen sollte. Alle Richtungen schienen ihr bekannt zu sein und lösten ein flaues, abgestandenes Gefühl in ihr aus. Sie hatte genug davon gekostet. Gedankenlos folgte sie der Gestalt vor ihr auf dem schmalen Weg. 

Je länger sie ging, umso müder wurde sie. Ihre Leben lasteten wie ein schwerer Sack auf ihrem Rücken, und bald ging sie so gebeugt wie die Frau, die ihr voran humpelte. Eine unergründlich tiefe Traurigkeit stieg aus ihrer Brust auf, so dass ihr Herz zu schmerzen begann. Alles erschien ihr ohne Wert und sinnlos, hohl und leer. Es gab nichts mehr, was sie begehrte, nichts mehr, was sie hasste, nichts, worüber sie stolz sein könnte. Es war ihr, als ob sie mit jedem Schritt, den sie auf den entfernten Lichterbaum zuging, älter wurde. Nur die Gebückte vor ihr kam ihr immer vertrauter vor. Eigentlich hatte sie solche Jammergestalten immer gehasst. Was geschah nur mit ihr? Wurde sie dieser nicht immer ähnlicher?

Die Frau holte die Alte ein und ging nun neben ihr. Sie war überrascht, als sie in deren Gesicht schaute. Trotz der tiefen Falten, die das Gesicht zeichneten und von grossem Leid erzählten, strahlte es eine grosse Ruhe aus. Da hob die Alte den Kopf und schaute sie an: «Da bist du ja», stellte sie gleichmütig fest. «Ja», antwortete die stolze Frau und fühlte sich dabei einfältig. Aber es schien in der Ordnung zu sein, auch wenn es allem widersprach, nach dem sie ihre vielen Leben gelebt hatte. «Wer bist du?», fragte sie die Alte. «Ich bin deine Schuld», antwortete diese und schaute mit tiefen Augen der Vergebung lange in das stolze Gesicht der Frau. Da erkannte die Stolze ihre Schuld und weinte. 

Langsam gingen sie weiter, Seite an Seite. Der strahlende Baum kam näher, und er erhellte mit seinem Glanz den Himmel und die Erde. Als sie nur noch eine kurze Strecke zu gehen hatten, erblickten sie unter dem Baum ein Wesen, das eingehüllt im Lichterglanz des Baumes lag, wie in einem Sternentuch. Es war das Elend. Als es die schwer Beladenen erblickte, breitete es die Arme weit aus. Erschöpft liessen die Beiden sich in die Arme des Elends fallen und ergaben sich dem Sternenglanz des Baumes.

Ihre Häupter ruhten auf dem Herzen des Elends, das verborgen unter dem Sternenmantel ruhig schlug. Lautlos sickerten die Tränen der stolzen Frau in den Mantel des Elends und durchnässten sein Herz. Eine tiefe und heilende Geborgenheit breitete sich aus über den Ruhenden – und nur Gott wusste, dass das Herz des Elends aus purem Gold war.


Lesen Sie im Zeitpunkt auch:

Hingabe und Widerstand: Das denkende Herz

Mit dem Herz eines anderen

Kopf, Herz und Hand

24. Dezember 2023
von: