Der Bien ist ruhig. Das liegt am Rauch. Von jeher nutzten Imker Rauch, wenn sie den Stock öffneten. Denn Rauch signalisiert den Bienen, dass möglicherweise der Wald brennt – dann stellen sie aggressives Verhalten ein, denn Stechen nützt bei Feuer nichts. Sie bleiben dicht zusammen und sind wachsam, um nötigenfalls im nächsten Augenblick zu fliehen.
Als Demeter-Imker Roland Berger auf dem Pfingstsymposium der Gea-Akademie im Waldviertel einen seiner Bienenstöcke öffnet, sehen wir etliche Arbeiterinnen über Waben krabbeln, schlüpfende Drohnen, sich verpuppende Larven und frisch gelegte Eier.

Aber diese vielen Einzelwesen zu sehen, ist nur die eine Perspektive. Aus der anderen blicken wir in einen Superorganismus, in das Innere eines vibrierenden Lebewesens mit Organen, Eierstöcken, Skelett und Körperzellen.
Als ein Wesen nahmen ihn alte Imker wahr und nannten ihn «den Bien». Heute findet auch die Biologie: Bienen sind eher als Zellen eines Körpers zu betrachten denn als Individuen. Eine einzelne Biene wäre gar nicht lebensfähig. Und jede Arbeiterin ist ohne Zögern bereit, das eigene Leben für den Stamm zu opfern oder nicht mehr benötigte Drohnen umstandslos aus dem Stock zu fegen.
Der Beitrag stammt aus dem gerade erschienen Zeitpunkt-Magazin 187 : Das Grosse im Kleinen
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Als ein Organismus ist der Bien überaus anpassungsfähig und so weit verbreitet wie der Mensch: Honigbienen leben vom Nordkap bis zur Sahara. Der Bien ähnelt in einigen Eigenschaften eher einem Säugetier als einem Insekt: Im Stock hält er präzise gleichbleibende Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Sauerstoff- und CO₂-Gehalt. Er besitzt mit der Wabenstruktur eine Art Innenskelett. Und er (oder sollen wir sagen: sie?) produziert sogar eine Art Muttermilch, das Gelée Royale. Dieses königliche Sekret erhalten gewöhnliche Larven nur als Babynahrung, dann wird es abgesetzt. Nur eine Larve, die einmal Königin werden soll, erhält es weiter.
Die Kommunikationsfähigkeit der Bienen ist aussergewöhnlich – und ein weiteres Indiz dafür, dass ein Bienenvolk ein Organismus ist. Alle Sinne werden eingesetzt, beginnend mit Berührung. Im Nest reiben sich Honigbienen ständig, berühren, lecken und fühlen sich. Dann der Klang: Das typische Summen im Bienenstock entsteht durch die Vibration der Flügelmuskulatur, es klingt anders je nach Geschlecht, Beschäftigung, Sattheit und Konstitution. Stirbt die Königin, jammert das Volk regelrecht!
Stirbt die Königin, jammert das Volk regelrecht!
Gerüche sind für Bienen ein besonders wesentliches Kommunikationsmedium: Nektar riechen sie aus einem Kilometer Entfernung, Honig sogar aus zweien. An anderen Bienen riechen sie den Duft ihrer Königin und unterscheiden daran gegebenenfalls Geschwisterkinder von Eindringlingen. Und dann der hochentwickelte Schwänzeltanz: Mit ihm teilen Scout-Bienen die genaue Lage, Quantität und Qualität einer Futterquelle mit.
Der Biologe Roland Berger erfüllte sich vor 25 Jahren einen Traum und legte sich Bienen zu. Die Honigproduktion war ihm dabei eher zweitrangig: «Bienen haben viel wertvollere medizinische Geschenke an uns. Und die geben sie uns gern, wenn wir sie nur lassen und nicht als Honigproduzenten optimieren.»
Er entschied sich für Demeter-Imkerei, da sie den Bienen ihren natürlichen Lebenszyklus lässt. Im Unterschied zur konventionellen oder auch zur Bio-Imkerei nach EU-Standard dürfen die Bienen in der Demeter-Imkerei ihre Waben selbst bauen. Vorgeprägte Wachs-Mittelwände mit gleicher Zellgrösse werden hier nicht verwendet.
«Natürlicher Wabenbau fördert ein gesundes Brutklima», erklärt Berger. Ausserdem überlässt diese natürliche Haltung den Bienen selbst die Entscheidung, wie viele Drohnen im Stock leben dürfen. Da diese nur in den grösseren Zellen wachsen, können sie sich nicht entfalten, wenn alle gleich gross sind. Berger: «Männliche Bienen spielen für die Honigproduktion keine Rolle, deshalb möchten viele Imker deren Anteil im Stock gering halten.»
Im geöffneten Bienenstock sehen wir die unterschiedlichen Zellengrössen deutlich nebeneinander. Die frischen Waben sind dabei noch ganz weiss, so sieht das Wachs aus, das frisch aus den Drüsen der Arbeiterinnen kommt. Erst wenn die Larven darin mit Nektar und Pollen gefüttert werden, färben sich die Waben allmählich durch die Farbstoffe aus den Blüten gelb und später dunkelbraun.
In der Demeter-Imkerei darf sich der Bien durch den Schwarmtrieb vermehren. Auch die Paarung darf auf natürliche Weise stattfinden, und das geht so: An warmen Nachmittagen verlassen die Drohnen den Stock und fliegen gemeinsam zu festen Treffpunkten in 10 bis 40 Metern Höhe. Dort kreisen hunderte Männchen im Schwarm und warten auf eine neue Königin. Wenn diese erscheint, jagen ihr die schnellsten und stärksten Drohnen entgegen. Die Begattung selbst dauert nur Sekunden: Der Begattungsapparat der männlichen Biene stülpt sich dabei um und reisst beim Trennen ab. Der Drohn stürzt anschliessend tot zu Boden. Die Königin paart sich mit zehn bis zwanzig Drohnen und speichert deren Samen für ihr ganzes Leben in der Samentasche: Diese genetische Vielfalt ist der Schatz des Volkes. Die Stockmutter wird damit sämtliche Eier befruchten.
Den Hochzeitsflug unterdrücken konventionelle Imker. Stattdessen werden Königinnen durch Umlarven künstlich befruchtet und instrumentell besamt, ihre Flügel beschnitten. In der Demeter-Imkerei ist diese Praxis verboten.
Roland Berger: «Wir nehmen auch in Kauf, dass ungefähr jedes zweite Volk über den Winter stirbt. Das ist natürliche Auslese.» So werde langfristig die Vitalität der Völker gestärkt. Das ist für Berger die Antwort auf das Bienensterben, das durch intensive Landwirtschaft, Pestizide und «grüne Wüsten» verstärkt wird. «Die Bienen leiden unter diesen Umständen massiv. Doch wenn sie natürlich leben dürfen, sind sie anpassungsfähig», glaubt er. «Falls eines Tages der Mensch seine selbstverschuldete Zerstörungen nicht mehr überlebt – die Biene wird weiterleben.»
Roland Berger vermittelt das Wissen über den Bien und seine vielen Geschenke in Kursen und Fortbildungen. In seinen Apitherapie-Kursen (Apis = lat. Biene) können die Teilnehmer verschiedene Bienengeschenke nutzen und verarbeiten lernen. Dazu gehören etwa Bienenstockluft-Inhalation, Honigmassagen und die Anwendung von Propolis sowie Bienengift.
Und wenn wir einfach mal guten Honig essen möchten? Dafür empfiehlt Berger den Direktkontakt: «Wähle einen Imker oder eine Imkerin, der du in die Augen schauen kannst und der du vertraust.»
Hier geht es zu Roland Bergers Projekt Melarium:
www.melarium.at
