Der UN-Bericht über den «globalen Wasserbankrott» verschweigt die Ursachen
Geht uns das Wasser aus? Ja, aber wir sollten auch wissen, warum, um wirksam handeln zu können.
...
Mit der Betrachtung von Wasser als blosses «Natur-Kapital» wird systemischer Wandel «utopisch». Bild: Shutterstock

Die United Nations University (UNU) veröffentlichte am 20. Januar 2026 einen 72-seitigen Bericht mit dem Titel «Global Water Bankruptcy: Living Beyond Our Hydrological Means in the Post-Crisis Era». (Globale Wasserinsolvenz: Leben jenseits unserer hydrologischen Möglichkeiten in der Zeit nach der Krise). Er beschreibt die globale Wassersituation als eine unumkehrbare Situation, die über Begriffe wie «Wasserstress» oder «Wasserkrise» hinausgeht.

...

Politikprofessor Ricardo Petrella reklamiert in einem Beitrag für Pressenza, dass trotz seiner immensen Datenfülle der Bericht sich durch ein «grosses Schweigen» auszeichnet: nämlich zu Ursachen, Verantwortlichen und systemimmanten Ungleichheiten der Wasserkatastrophe. Damit mache sich der Bericht unglaubwürdig. Er plädiert für eine radikale Neuausrichtung der globalen Wasserpolitik und schlägt neun Ziele vor.

Was steht in dem UN-Bericht?

Der UNU-Bericht argumentiert, dass viele Flüsse, Seen, Wasserleiter, Feuchtgebiete und Gletscher den «Punkt ohne Rückkehr» überschritten haben und nicht mehr in ihren ursprünglichen Zustand zurückkehren können. Der globale Wasserkreislauf hat planetare Sicherheitsgrenzen überschritten, ähnlich wie bei Klima, Biodiversität und terrestrischen Systemen. Er beruft sich auf Forschungen der Stockholm University unter Johan Rockström zu neun planetaren Grenzen, von denen sieben – einschliesslich der für Wasser – verletzt sind.

Der UN-Bericht konstatiert, dass die Menschheit «über ihre Wassermittel lebt». Sie müsse nun, wie beim Klima, von der Krisenbewältigung zu einer Anpassungsstrategie an die knapp gewordenen Ressourcen übergehen. Diese Schlussfolgerung wird durch umfangreiche Daten, Grafiken und Abbildungen über mehr als 30 Seiten untermauert.

Die unumkehrbare Reduktion des natürlichen Wasserkapitals und anderer lebensessentieller Ressourcen müssten als «Neue Normalitäten» akzeptiert werden. Damit bekäme die globale Wasseragenda neue Prioritäten. Wasser solle zu einer «Brücke für Frieden, Klimaschutz, Biodiversität und Nahrungssicherheit» in einer fragmentierten Welt werden.

Das «grosse Schweigen»

Petrella kritisiert den UN-Bericht vor allem für das, was er verschweigt: die systemische Ungleichheit der Wasserkrise, ihre wirtschaftlichen und politischen Ursachen und Folgen.

«Tatsache ist, dass diese Beobachtung des globalen Wasserausfalls aufgrund des grossen Schweigens, das sie hinsichtlich der Analyse der Ursachen, Auswirkungen und Folgen sowie der Verantwortlichkeiten und Verantwortlichen umgibt, nicht mehr gültig ist. Dieses Schweigen lässt es nicht mehr als richtig erscheinen. Es entwertet all die Analysen und Prioritäten der neuen globalen Wasseragenda und macht sie unglaubwürdig.»

Das Verschweigen über die Ursachen gewähre Immunität gegenüber den Verantwortlichen.

«Über die letzten 70 Jahre haben wirtschaftliche, soziale, politische und technowissenschaftliche Umwälzungen zu einem fragmentierten, gewalttätigen und ungleichen Weltbild geführt, insbesondere in Wasser- und Lebenspolitiken.

Schweigen Nr. 1: Die Ungleichheit

Teile der Weltbevölkerung leiden dank wirtschaftlicher, politischer und technokratischer Macht nur marginal unter Wassermangel. Gleichzeitig sind sie Hauptverbraucher und -verschmutzer und wälzen die negativen Effekte auf vulnerable Gruppen und Länder ab. Dies zeigen Indikatoren wie der Wasserfussabdruck, ökologischer Fussabdruck und «Overshoot Day»: An diesem Tag im Jahr hat ein Land seine jährlichen Ressourcen aufgebraucht greift auf globale Reserven zurück.

Schweigen 2: Zur Eigentums- und Aneignungsfrage

Ungleichheit entsteht durch öffentliches oder privates Eigentum. Private Interessen zerstören natürliches Kapital wie Wasser, Boden und Wälder, etwa durch Land- und Water Grabbing. Das führt zu Diebstahl und Zerstörung von Leben. So sterben Millionen von Menschen, weil sie medizinisch nicht versorgt sind. So trocknen Gebieten durch Abholzung aus, durch den Wasserverbrauch für Data-Center oder chemische Verschmutzung.

Solche Phänomene sind in autoritären Staatsregimen auffallender, seltener in Wohlfahrtsstaaten mit Demokratie oder kooperativen Systemen. Der UN-Bericht ignoriert den Trend zur Liberalisierung, Deregulierung, Privatisierung und Finanzialisierung öffentlicher Güter seit 40 Jahren.

Schweigen Nr. 3: Wasser und Natur werden zu «natürlichem Kapital» gemacht

Das Konzept des «Naturkapitals» wird in dem UN-Bericht ohne Erklärung oder Kommentar übernommen. Der Begriff «natürliches Kapital» im UN-Bericht zeigt die Absicht dominierender Gruppen, die Natur und das Wasser nicht nur als Ware, sondern als Finanzasset zu behandeln. Seit 2000 boomen private Wasserfonds (z. B. Pictet). Bei jeder Knappheit erzielen sie höhere Renditen.

Die Finanzialisierung kulminierte 2022 beim UNO-Gipfel COP-15 zu Biodiversität in Montreal: Dort wurden alle Naturelemente zu Finanzassets erklärt. Dies ist, erklärt Petrella, in Wahrheit ein «Diebstahl der Natur». COP15 übertrug 30 % des Planeten – oft degradierte Gebiete – an Natural Capital Corporations (NCCs), um die UN-Nachhaltigkeitsziele (SDG) dort bis 2030 zu erreichen. US-Präsident Joe Biden und die EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen unterstützten dies. Dabei hatte die UN-Wasser-Konferenz 2023 das Scheitern der SDGs bereits vorhergesagt.

Weder das Menschenrecht auf Wasser für das Leben, noch die Beseitigung der Armut, noch die Sicherung der für das Leben wesentlichen globalen öffentlichen Güter sind vorrangige Ziele der Wasser- und Lebenspolitik im vorherrschenden System. Anpassung wird als einzige realistische Strategie dargestellt, während systemischer Wandel als «utopisch» abgetan wird. Das ist ein schwerwiegender Irrtum. Es gibt keine Zukunft, die auf einen einzigen Weg festgelegt ist.

Was die neue planetarische Wasserpolitik umfassen müsste:

  • die Wiederherstellung der Lebensgrundlagen, beginnend mit Null-Emissionen.
  • ein Ende der chemischen Vergiftung von Wasser, Boden und Luft.
  • die Abschaffung von Patenten auf Lebewesen und KI für Gewinnzwecke; Wissen als globales öffentliches Gut.
  • eine Globale Charta für öffentliche Güter.
  • eine neue globale Finanzarchitektur: Planetary Common Fund.
  • ein planetarisches Wasserparlament
  • ein Stopp der Erstickung von Flüssen durch Dämme
  • das Ende der «Petrolisierung» von Wasser und «Coca-Cola-isierung» von Mineralwasser.
  • Armut und Ausgrenzung sollen als illegal erklärt werden.

Riccardo Petrella
Doktor der Politik- und Sozialwissenschaften, Ehrendoktorwürde von acht Universitäten: in Schweden, Dänemark, Belgien (2x), Kanada, Frankreich (2x), Argentinien. Emeritierter Professor der Katholischen Universität Löwen (Belgien); Präsident des Institut Europeen de Recherche sur la Politique de l'Eau (IERPE) in Brüssel (www.ierpe.eu); Präsident der „University of the Common Good” (UBC), einer gemeinnützigen Vereinigung, die in Antwerpen (Belgien) und Sezano (VR-Italien) tätig ist. Von 1978 bis 1994 leitete er die Abteilung FAST (Forecasting and Assessment in Science and Technology) bei der Kommission der Europäischen Gemeinschaften in Brüssel und war von 2005 bis 2006 Präsident des Apulian Aqueduct. Er ist Autor zahlreicher Bücher über Wirtschaft und Gemeingüter.

Newsletter bestellen