Wer in den schönen Gefilden des Oberlands zu Fuss unterwegs ist und anderen Wandersleuten begegnet, ist sich gewohnt, dass er grüsst und gegrüsst wird. Dem gegenseitigen Gruss voraus geht der übliche Blickkontakt. So ist es immer noch Sitte und Brauch bei den Menschen vom Land.
Doch gelegentlich kommt es vor, dass zum Beispiel ein Paar, das mir entgegenkommt, ungerührt gradeaus blickt. Obwohl sie nicht abgelenkt sind durch ein Streitgespräch. Obwohl ihnen nicht die Sinne schwirren vom Glück des Verliebtseins. Sie haben nicht nur Augen füreinander. Sie hätten auch Augen für mich. Sie hätten Zeit für den Blickkontakt. Doch sie bekunden unmissverständlich, dass ein Gruss nicht in ihrem Interesse liegt.
Diese Frau und dieser Mann ärgern mich. Und ich kann auch mit ziemlicher Sicherheit, mit dem Gespür des Landbewohners erkennen, woher sie kommen. Aus der Stadt. Aus einer Welt, wo die Kosmopoliten und Heimatlosen die Mehrheit sind.
Eine ältere Nachbarin erzählte mir, dass ihre Mutter sie eines Tages, als sie gross genug dafür war, mit in die grosse Stadt nahm. Als sie durch die Innenstadt liefen, vorbei an all den Geschäften und Menschen, wollte die Kleine alle Passanten grüssen. Sie hatte es so gelernt. Menschen, die sich auf der Strasse begegnen, begrüssen sich. Doch in der Stadt ging das nicht. Schon bald war das Mädchen vom vielen Grüssen ganz durcheinander. Und ständig strömten noch mehr Passanten auf das Kind zu.
So lernte die Kleine, was eine Stadt ist. Eine Stadt ist, wo der einzelne Mensch in der Menge verschwindet. Deshalb grüssen sich Menschen in Städten nicht. Aber die Städter grüssen auch auf dem Land nicht. Sage ich ihnen Grüezi, nicken sie zwar zurück, aber sie schauen mich ganz erstaunt an. Meistens erwidern sie meinen Gruss eher förmlich. Eigentlich finden sie es nicht nötig, zu grüssen. Sie sagen sich: Wieso soll ich jemanden grüssen, der mich nichts angeht?
Das ist die Frage. Geht mich der Mensch, dem ich irgendwo unterwegs begegne, etwas an oder nicht?
Er geht mich sogar sehr viel an. Früher, als die Welt noch unverbaut war, als der Mensch noch nicht die Erfahrung einer überbevölkerten S-Bahn während der Stosszeiten hatte; früher, als die Welt noch das Dorf war, als man sich noch zu Fuss fortbewegte und eine grosse Ruhe über der Landschaft lag – da war es noch ein Ereignis, jemanden anzutreffen. Dann sah man von weitem:
Da kommt ein Mensch. Ein Fremder zwar, doch vor allem ein Mensch. Ein Mensch wie ich selbst.
Man dachte es nicht, aber fühlte es. Man fühlte eine Gemeinsamkeit mit dem Menschen, den man unterwegs antraf. So ist es heute noch, auf dem Land. In der Stadt jedoch ist der Passant, der uns entgegenkommt, ein Passant unter Tausenden. Wir vergessen, dass er ein Mitmensch ist.
Grüsse ich einen Menschen, dann zeige ich ihm: Unsere Unterschiede sind mir nicht wichtig. Für mich zählt nur eins: dass du ein Erdenbewohner wie ich bist. Wir gehören der gleichen Gemeinschaft an.
Grüsst er zurück – und zeigt er sogar ein Lächeln –, dann weiss ich, dass er dasselbe fühlt. In diesem Moment ist die Menschheit auf ihrem Erdenweg ein weiteres Schrittchen vorwärtsgekommen.