Ein Blatt im Herbst
Während der Herbst seine Farbenpracht zeigt, beginnt in der Natur schon das Sterben. Die Kolumne aus dem Podcast «Mitten im Leben».
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«Müde und fleckig geworden, trudeln sie ziellos zu Boden» (Bild NL)

Ein Ahornblatt löst sich vom Baum und schaukelt, vom Wind umspielt, zur Erde. Ich lese es auf und sehe zum erstenmal, dass ein Blatt wie eine geöffnete Hand ist. Während ich es so anschaue, zieht vor meinem inneren Auge das Leben des Blattes an mir vorbei, und ich erkenne, dass es dem Lebensgang einer Menschenhand gleicht. Im Frühling öffnet sich seine Knospe wie das Händchen eines neugeborenen Kindes. Das Blatt wächst, aber seine Beschaffenheit ist immer noch weich und zart wie die Kinderhand.

Dann wird es grösser und stärker, und seine Linien treten hervor wie die Schicksalslinien in unseren Händen. Was das Blatt eines Baumes jedoch von der Menschenhand unterscheidet, ist seine Offenheit. Immer und jederzeit ist es offen, bereit zu geben und zu empfangen – während unsere Hand sich zusammenziehen, verkrampfen und zur zornigen Faust ballen kann. Wir dürfen vom schlichten Blatt eines Baumes sogar etwas lernen.

Entfaltet dann der Herbst seine Pracht, verwandelt das Blatt die Weisheit, die es im Sommer gesammelt hat, in magische Farbe. Aus der Buntheit der Blätter erstrahlt noch einmal die Fülle des Lebens – doch dann erschöpft sich die Kraft. Das Blatt wird spröde und faltig, wie die Hand des Menschen, der im Herbst seines Lebens steht. Müde und fleckig geworden, trudelt es ziellos zu Boden und krümmt sich zusammen im Schmerz seines Abschieds.

So wie der Ahornbaum das Blatt freigibt, so lassen auch wir die Hand des Sterbenden los. Das heruntergefallene Blatt wird liegenbleiben, wo es gelandet ist, mittendrin unter hundert anderen Sterbenden, ein übervölkerter Friedhof. Das Blatt wird Risse bekommen, kleine Wunden und Löcher, und es wird, wenn der Wind es nicht fortträgt, ganz allmählich zerfallen.

Doch in Nichts auflösen will es sich nicht. Indem es eins mit der Erde wird, hilft es mit, seinem Baum, wenn der Frühling kommt, neue kleine Hände zu geben, die den Ästen entspriessen und sich der Sonne entgegenstrecken.

Und eines der neugeborenen Blättchen wird unser Blatt sein.

Nicolas Lindt

Nicolas Lindt

Nicolas Lindt (*1954) war Musikjournalist, Tagesschau-Reporter und Gerichtskolumnist, bevor er in seinen Büchern wahre Geschichten zu erzählen begann. Neben dem Schreiben gestaltete er während 30 Jahren freie Trauungen. Der Autor lebt mit seiner Familie in Wald und in Segnas.

Bücher von Nicolas Lindt

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