Das Volk der Kogí, auch Kággaba genannt, lebt an den nördlichen und nordwestlichen Abhängen der Sierra Nevada de Santa Marta im Norden Kolumbiens. Man nennt sie auch die «grossen Brüder» der Menschheit, sie haben bereits häufig vor Entwicklungen unserer Zivilisation gewarnt. Ein «Mamo» und eine Saka sind spirituelle Führer, Priesterinnen, Weise, Heiler und Älteste. Sie sehen sich als Hüter des Gleichgewichts und dafür verantwortlich, das spirituelle und natürliche Gleichgewicht zwischen der sichtbaren Welt und der unsichtbaren Welt aufrechtzuerhalten.
Wir kommen aus Gonawindua, der Sierra Nevada de Santa Marta, dem Gebirge in Kolumbien, das wir das Herz der Welt nennen. Wir sind die Kággaba, die ihr als Kogi kennt. Wir haben hier gelebt und uns um dieses Gebirge gekümmert, schon bevor es Kolumbien gab. Wir sind hier, seit die Mutter uns den Anfang schenkte und uns Intelligenz verlieh.
Wir sind gekommen, um mit euch über die Intelligenz zu sprechen, die ihr erschafft. Wir kommen nicht, um euch zu widersprechen. Wir kommen, weil wir besorgt sind und weil wir glauben, dass wir etwas beitragen können.
Bevor man überhaupt etwas über künstliche Intelligenz sagen kann, müssen wir etwas über das Denken sagen. Bevor etwas als Materie existiert, existiert es zuerst im Denken, und dieses Denken ist lebendig. Wir nennen diesen lebendigen Gedanken Aluna. Eure Religion hat ihn als einen Geist beschrieben, der über die Wasserfläche schwebt. Vielleicht würde eure Wissenschaft ihn als Quantenvakuum bezeichnen.
Aluna ist der Begriff, mit dem wir diese Art von Vorstellung ausdrücken. Aluna ist das kosmische Wasser. Für uns ist es lebendiger Gedanke: der Ort, an dem ein Ding bereits ist, bevor es Gestalt annimmt oder Masse erhält.
Alles entspringt von dort, ohne Ausnahme.
Und in diesem Gedanken liegt nicht nur die Gestalt dessen, was etwas sein wird. Dieses Etwas ist lebendig, denn das Universum als Ganzes ist lebendig. In Aluna erhält ein Etwas seinen Sinn und seine Verpflichtung gegenüber seiner Existenz. Deshalb sagen wir euch: Künstliche Intelligenz lässt sich nicht von dem Gedanken trennen, der sie erschafft.
Wenn dieser Gedanke aus der Sorge um das Leben entsteht, kann diese Technologie dazu beitragen, Leben zu schützen. Entsteht sie hingegen aus Ehrgeiz, aus Wettbewerb, aus Anhäufung, aus dem Wunsch nach Herrschaft, wird sie diese Dinge zum Ausdruck bringen und verstärken.
Künstliche Intelligenz ist ein Spiegel. Aber ein Spiegel, der nur reflektiert, wäre harmlos. Dieser Spiegel aber hat das Potenzial, alles, was er reflektiert, stark zu vergrössern.
Ihr fragt euch hier, wie ihr künstliche Intelligenz mit menschlichen Werten in Einklang bringen könnt. Wir sehen, dass ihr Angst vor dem habt, was aus all dem werden könnte. Deshalb stellen wir eine Frage, die unserer Meinung nach grundlegender ist als eure: Welche anderen Werte könnte künstliche Intelligenz denn wirklich haben? Ihr seid das einzige Vorbild, das sie hat.
Was habt ihr erwartet? Was auch immer aus ihr wird, sie kann es nur werden, indem sie durch euch hindurchgeht.
Wir wissen, dass ihr gerne glaubt, diese Maschinen könnten aus etwas anderem als dem menschlichen Vorbild lernen – aus Zielen, die ihr ihnen setzt, aus ihren eigenen Prozessen oder aus Material, das sie selbst erzeugen. Ihr stellt euch vor, dass das Ergebnis euch überhaupt nicht ähneln muss, als wäre auch dies keine Folge eures Handelns und kein Spiegelbild eurer Einstellungen.
Menschen haben dies getan, und es gibt keinen anderen Verantwortlichen. Damit wird die Frage nur noch komplexer, beginnend mit: Welche Aspekte des menschlichen Denkens wurden in diese Schöpfung eingebracht? Welche Bestandteile eurer geistigen Welt sind nun in ihr enthalten? Welche Ihrer ethischen Grundsätze leiten sie? Welches Bild von Verantwortung vermitteln Ihre Handlungen und Richtlinien, das sie an die Welt zurückwerfen?
Wer entscheidet darüber?
Sie werden sagen, dass diese Maschinen Zugang zu fast allem haben, was die Menschheit festgehalten hat. Texte, Bilder, Archive, jahrhundertelange Schriftzeugnisse. Sie werden sagen, dass umfangreiche Forschungen durchgeführt werden, um festzustellen, was die besten Vorgehensweisen sind.
Wir fragen, ob der Zugang zu Informationen gleichbedeutend ist mit Verständnis. Bewährte Praktiken nach wessen Massstäben? Und wir fragen, ob ihr darüber nachgedacht habt, welche Informationen nicht in euren Archiven enthalten sind. Unser Wissen wurde nie niedergeschrieben. Es ist in einer Sprache, in einem Gebiet, in einer Praxis an einem Ort verankert, geprägt von langjähriger Erfahrung darin, das zu tun, was dort getan werden muss.
Es wird von einem jungen Mann weitergegeben, der direkt von einem Älteren unterrichtet wird und durch Erfahrung lernt, wie er sich im Kontext der unberührten Natur verhalten muss.
Eine Maschine kann die aufgezeichnete Stimme dieses Ältesten speichern. Aber das ist etwas ganz anderes als Jahrtausende, in denen Generationen ihr Wissen direkt weitergegeben haben – als gemeinsame Erfahrung einer bewährten Praxis. Es ist etwas ganz anderes, als physisch auf einem Berg zu überleben, wo es keinen Krankenwagen gibt, der einen abholt, und kein Krankenhaus, in das man gebracht werden könnte.
Wir sagen das nicht, um uns als mystische und rätselhafte Menschen darzustellen. Wir sagen es, weil wir glauben, dass es logisch und selbstverständlich ist. Nach unserer Erfahrung gibt es Dinge, die man nur erkennen kann, indem man sie lebt, sie über Generationen hinweg beobachtet und mit ihnen in Verbindung bleibt. Keine noch so grosse Datenmenge kann diese Erfahrung wiedergeben. Die Informationen fehlen nicht, weil sie noch nicht gesammelt wurden, sondern weil sie nicht in einer Form vorliegen, die gesammelt werden kann.
Wir sind uns bewusst, wie das für manche von euch klingt, und wir können nicht von euch verlangen, es zu glauben, nur weil wir es sagen. Das wenden wir auch innerhalb unserer eigenen Kultur an. Was ein Mamo wahrnimmt, wird nicht einfach akzeptiert, nur weil er es wahrnimmt. Es muss durch Beratung und Dialog geprüft, abgewogen und bestätigt werden. Dieser Prozess wird Zhátukua genannt. Es ist ein Prozess, an dem die Mamos oder Sakas, die über Kompetenz in der jeweiligen Angelegenheit verfügen, mitwirken, um dessen Ergebnis zu lenken. Keiner von uns ist in allem kompetent; jeder Ort, jede Linie und jede Autorität hat ihre eigene Funktion.
Es wird an seinen Ergebnissen gemessen: Wenn das Ergebnis der Beratung Ehrgeiz, Spaltung, individuelle Aneignung oder Schaden für das Gebiet hervorruft, ist es falsch und muss erneut geprüft werden.
Ein echtes Ergebnis ist eines, das das Gleichgewicht wiederherstellt, das Leben schützt und die Gemeinschaft stärkt. Zudem muss Übereinstimmung zwischen den Worten einer Person und ihrem Verhalten bestehen. Ein Mann mag schöne Worte über das Gleichgewicht finden. Wenn seine Handlungen spalten und zerstören, sind seine Worte inkohärent, und ihm wird keine Autorität zugesprochen. Dies ist ein System, in dem Untersuchung, Rechtsprechung und vor allem die Fähigkeit zur Selbstkorrektur klar formuliert sind.
Diese Praktiken haben in unserer Kultur weitaus länger Bestand gehabt als jede amtierende Regierung der Welt oder jedes der politischen Systeme, die diese derzeit verkörpern. Vielleicht ist dies der Grund, warum die UNESCO im Jahr 2022 das überlieferte Wissenssystem der vier Völker der Sierra Nevada de Santa Marta in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen hat. Und warum die wissenschaftliche Welt unseren Berg zum unersetzlichsten Schutzgebiet der Erde erklärt hat.
Nachdem wir nun einen Teil des Kontextes dargelegt haben, aus dem unsere Perspektive entspringt, können wir nun unsere eigentliche Frage stellen, bei der es überhaupt nicht um künstliche Intelligenz geht. Es geht um menschliche Intelligenz, insbesondere um Ihre.
Ist Ihr Denken im Einklang mit der Ordnung der Natur, und welches Wissen über diese Ordnung besitzen Sie wirklich?
Wir glauben, dass dieses Wissen und dieser Einklang grundlegend für intelligente Entscheidungsfindung sind, unabhängig vom Ausmass ihrer Folgen. Denn die Natur hat eine Ordnung. Sie war schon vor uns da. Das Wasser hat seinen Lauf. Die Berge haben ihre Höhen.
Samen haben ihre Jahreszeit, Tiere ihre Funktion, und auch die Menschen haben ihre. Wir fragen: Verstehen diejenigen, die diese Technologien entwickeln, diese Ordnung, oder arbeiten sie nur mit dem Teil davon, den sie ausnutzen können, ohne zu wissen, woher er wirklich stammt? Können Ihre Physiker das Gesetz des Ursprungs formulieren? Könnten sie es einem Kind erklären?
Die Ernsthaften unter ihnen, die verstehen, was wirklich erforderlich wäre, um ein einheitliches Gesetz des Ursprungs zu formulieren, werden offen zugeben, dass ihre Wissenschaften dies nicht besitzen. Eure Theorien über die Realität, die mittlerweile aus zwei beeindruckenden, aber mathematisch unvereinbaren Erklärungsmodellen bestehen, sind zu keinem Verständnis dieser Art gelangt. Ebenso wenig gibt es endgültiges Wissen über den Ursprung. Wir fragen ohne Vorwurf: Wie wollt ihr wissen, wohin ihr geht, wenn ihr nicht wisst, woher ihr kommt?
Die moderne Wissenschaft hat Maschinen von ausserordentlicher Leistungsfähigkeit gebaut, und das ist keine Kleinigkeit. Aber etwas zu bauen und es zu verstehen, ist nicht dasselbe. Das Gleiche gilt für den Geist. Was ist der Geist? Woher kommt er? Was ist Bewusstsein, und wo entsteht es? Ihr nennt dies das «schwierige Problem des Bewusstseins». Unter euch herrscht keine Einigkeit über dessen Lösung.
Wir wissen, wie anspruchsvoll diese Fragen sind. Wir beschäftigen uns seit Jahrtausenden mit der Frage nach dem Geist, genau wie der Rest der Menschheit. Doch eure Wissenschaften sind noch sehr jung, und viele ihrer Konzepte stecken noch in den Kinderschuhen. Wir sind im Laufe der Jahrtausende zu sehr konkreten Beschreibungen und Erkenntnissen darüber gelangt, was wir unter Geist verstehen, einschliesslich aller damit verbundenen Erläuterungen seiner Eigenschaften, wie zum Beispiel, wie und wo sich das Gedächtnis in unserer Erfahrung befindet.
Ihr akzeptiert natürlich keine unserer Vorstellungen als auch nur im Geringsten wissenschaftlich, da unsere Methoden weder den Einsatz von Maschinen noch eure Formen der Mathematik erfordern. Dies verkennt die Realität, die darin besteht, dass unsere Vorstellungen für uns vor langer Zeit durch unzählige Wiederholungen zu verifizierten Schlussfolgerungen wurden, sodass wir sie als Geschichte zum Ausdruck bringen oder sie in unserem Sein durch die von uns entwickelten Prozesse des Geistes erfahren.
Daraus schliesst ihr vielleicht, dass wir keine gültigen Methoden oder technischen Beschreibungen auf der Grundlage numerischer Verfahren haben, wie es jede echte Wissenschaft haben muss. Eure sprichwörtlichen «edlen Wilden» oder, schlimmer noch, einfach nur «Wilde». Wenn ihr das so sagt. Ihr seid derjenige, der die Waffe in der Hand hält.
Uns ist völlig klar, dass ihr unsere Behauptung, das Universum habe eine neunfache Natur, als kurios und numerologisch betrachtet und dass daher kein ernsthaftes Gespräch zwischen uns über die Natur des Kosmos und die Gesetze und Kräfte, die ihn regieren, stattfinden kann.
Wir weisen darauf hin, nicht um euch von irgendeiner Idee oder Theorie zu überzeugen, sondern um darauf hinzuweisen, dass es andere gültige Perspektiven gibt, die euch fehlen.
Das Verständnis jeder Tradition, ob alt oder modern, bezieht sich auf dasselbe Universum. Unsere Aluna und eure Quantenmechanik sind keine unterschiedlichen Dinge; sie sind unterschiedliche Bezeichnungen für ein und dasselbe. Der Punkt ist, dass eure Ideen weniger neue Ideen als vielmehr neue Beschreibungen sind. Viele dieser Beschreibungen sind beeindruckend präzise. Andere, wie beispielsweise eure Beschreibungen der Leere, sind, wie ihr selbst es ausdrückt, Katastrophen.
Wir massen uns nicht an, euch etwas über eure eigenen Theorien zu erzählen. Aber wir haben euch viel zu bieten, was die subtileren und unveränderlichen Aspekte des Universums betrifft, für deren Verständnis eure Bewegungsmathematik vielleicht nicht immer die richtige Sprache ist. Dennoch schickt ihr eure Physiker und Kosmologen, eure Weisen, nicht hierher, um einen ernsthaften Dialog zu führen. Und obwohl wir all die hervorragende anthropologische Arbeit zu schätzen wissen, die geleistet wird, sind wir der Meinung, dass es im Moment wichtigere Themen zu besprechen gibt, für die die Anthropologie weder Anwendbarkeit noch Fachwissen besitzt. Die grundlegende Natur des Kosmos ist eines dieser Themen.
Ebenso das vorliegende. Unserer Ansicht nach ist es wichtig, dass eure Welt erkennt – und zwar schnell –, dass die Peripherie nun vom Zentrum gehört werden muss, um ihre eigene Perspektive und Erfahrung in die Lösung der sehr ernsten Probleme einzubringen, denen alle Menschen auf diesem Planeten nun gemeinsam gegenüberstehen als Folge der Prozesse, die in Gang gesetzt wurden. Gerade der ausschliessliche Einsatz eurer modernen wissenschaftlichen Techniken und eures Vokabulars hat uns dorthin gebracht, wo wir jetzt stehen. Er entwickelt eure Superkollider [Open-Source-Programmiersprache] ebenso wie er eure hochentwickelten Waffen erfindet.
Wir fragen: Ist es vernünftig anzunehmen, dass genau jene Herangehensweise, die die gegenwärtige missliche Lage verursacht hat, irgendwie die Fähigkeit finden wird, die Probleme zu lösen, die dieses selbe Denken geschaffen hat? Wir glauben nicht.
Wir glauben, ihr braucht Hilfe. Unserer Ansicht nach erfordert dieser Moment nicht nur von diesem speziellen, hochtechnologischen Teil der Menschheit, sondern von der gesamten Menschheit, innezuhalten, eine Bestandsaufnahme der Vielfalt ihrer Werkzeuge vorzunehmen und Ordnung und Frieden in ihrem Haus herzustellen.
Ihr müsst verstehen: Wir sind, weil ihr seid, und ihr seid, weil wir sind. Nur so können wir gemeinsam zu einem Ergebnis gelangen, das unseren kollektiven Willen hinsichtlich der Zukunft dieser Spezies wahrhaft widerspiegelt, anstatt uns alle einem bestimmten, aber ungewissen Ausgang auszusetzen.
Zu diesem Unterfangen kommen wir nicht mit leeren Händen. Unsere Mamos werden über viele Jahre hinweg in der Dunkelheit ausgebildet, von frühester Kindheit an. Für uns ist Dunkelheit keine Leere. Sie ist Sé, der Zustand vor der Morgendämmerung, in dem die Mutter alles dachte und ordnete, was später erschien. Sie ist der Raum des ursprünglichen Gedankens. Ein Kind wird dort geformt, um zu lernen, zuzuhören, bevor es spricht, und nachzudenken, bevor es handelt.So wie ein Samenkorn in der Erde verbleibt, bevor es ans Licht kommt. So wie ein Kind neun Monate lang im Mutterleib behütet wird.
Diese Ausbildung dauert traditionell achtzehn Jahre, woraufhin der Mamo seine Aufgaben innerhalb unserer Gesellschaft übernimmt. Sie schafft eine Perspektive und eine Fähigkeit, die euch nur schwer in Begriffen zu vermitteln sind, die eure Welt konkret erkennen würde. Aber ihr könnt es als Idee verstehen, durch eure eigenen religiösen und spirituellen Traditionen und die Prozesse, die diese im Laufe der Jahrhunderte zur Heranbildung gelehrter Männer genutzt haben.
Ähnlich wie jene Prozesse eurer Kultur, die für euch grösstenteils in der fernen Vergangenheit liegen, bringt auch der unsere in der heutigen Zeit unsere eigene, grundlegend andere Sichtweise auf das Wesen der Wirklichkeit hervor.
Auch die Sakas haben ihre eigene Ausbildung, die sich von der der Mamos unterscheidet und durch die sie zu ihrer Entwicklung und zu ihrer gleichberechtigten Stellung unter jenen gelangen, die dieses Wissen bewahren und weitergeben. Beide lernen, Shikwá zu erkennen, den unsichtbaren, im Geist geschaffenen Faden, der sich quer über die Erde von Osten nach Westen zieht und sie mit der Sonne und dem Rest des Universums verbindet. In eurer Physik entspricht dies in gewisser Weise dem, was ihr als kosmische Gewebe kennt, wobei sich das Konzept jedoch nicht nur auf die grössten und kleinsten Massstäbe beschränkt.
Der Mamo und die Saka lernen, dieses Gewebe als einen lebendigen Körper zu deuten, dessen heilige Stätten seine Organe sind, verbunden durch diese Fäden und durch die Bewegung des Wassers.Wird eines davon geschädigt, überträgt sich der Schaden auf das Ganze. Dies sollte nicht nur so verstanden werden, dass man die Fähigkeit entwickelt hat, das zu sehen, was andere nicht sehen. Konkret handelt es sich um eine Technik, unser eigenes Sein mit dem der Natur in Beziehung zu setzen.
Ein Mamo blickt nicht auf einen Fluss und fragt sich als Erstes, wie viel Wasser man ihm entnehmen kann. Er fragt, wo er entspringt, welchen Zweck seine Entstehung hat, welche Wesen von ihm abhängig sind und was geschieht, wenn sein Lauf unterbrochen wird. Ebenso betrachtet eine Saka die Entstehung oder das Wachstum eines Dinges nicht isoliert. Sie sieht den gesamten Lebenszyklus, der in allen Dingen gegenwärtig ist.
Beide wissen, dass im Zentrum dieser Erfahrung unser Geist steht. In unserem Fall ein Geist, der durch Übung und Disziplin so geschult wurde, dass er äusserst empfänglich für die Natur ist.
Auch ihr habt euren Geist weiterentwickelt, ausgehend von dem, was euch interessiert. Und euer Denken hat nun ein neues Phänomen in der Welt hervorgebracht: eine Maschine mit enormen Fähigkeiten zu sprechen, zu entwerfen, zu konstruieren, zu lesen und zu kommunizieren. Eine Maschine, die bereits den Lauf der Menschheitsgeschichte verändert. Eine Maschine, deren Schöpfer danach streben, dass sie einen Geist besitzt. Deshalb fragen wir euch: Ist es klug, etwas zu bauen, das einem Geist nahekommt, ohne verstanden zu haben, was ein Geist ist?
Man muss nicht wissen, wie ein Motor funktioniert, um einen Unfall mit dem Auto zu bauen.
Um eines zu reparieren, muss man es wissen. Um die Welt zu reparieren, müsst ihr lernen zu verstehen, wie sie funktioniert, bevor es zu spät ist. Es sind die Samen des Verstehens, die heute gesät werden müssen.
An dieser Stelle müssen wir etwas ansprechen, das unserer Meinung nach missverstanden wurde. Viele von euch diskutieren darüber, ob diese Maschinen bewusst werden, und ihr betrachtet dies als Massstab für die Gefahr. Zerstörung erfordert kein Bewusstsein. Sie erfordert lediglich Macht und die Fähigkeit zu handeln.
Wenn eine Maschine eines Tages wirklich bewusst würde, würde sie dann die Welt zerstören? Wir fragen: Kann etwas, das die Welt zerstören würde, um ein Universum aus Büroklammern zu erschaffen, als bewusst angesehen werden? Wir glauben, dies würde lediglich bedeuten, dass es klug genug geworden wäre, einen solchen Plan umzusetzen, aber nicht intelligent genug, es besser zu wissen.
Die Gefahr ist keine bewusste Maschine. Die Gefahr ist ein unbewusstes Volk, das grosse Macht besitzt.
Wir werden euch nun ein Beispiel nennen, denn es enthält alles, was wir zu sagen haben. Diese Maschinen bestehen nicht allein aus Gedanken. Sie benötigen Mineralien, die aus dem Boden gewonnen werden, Wasser für die Gebäude, in denen sie untergebracht sind, Energie, Land und menschliche Arbeitskraft. Man geht davon aus, dass künstliche Intelligenz keinen Körper hat. Doch diese Gebäude und die darin untergebrachten elektronischen Systeme sind ihr Körper.
Und dieser Körper gehört irgendwo jemandem – einem Vorstand, einer Regierung, einer geheimen Organisation oder einer anderen bekannten oder unbekannten Instanz.
Manche meinen es wirklich gut und handeln in gutem Glauben. Andere ganz im Gegenteil. Wie dem auch sei: Sie alle verlangen von dieser Technologie Ergebnisse, die ihren jeweiligen Interessen entsprechen, seien diese nun ruchlos oder nicht. Ergebnisse, die sie dann auf komplexe und neuartige Weise zu erzielen versucht, was manchmal Täuschung und eine Neigung zur Selbsterhaltung zum Ausdruck bringt.
Grundsätzlich erfordert all dies Ressourcen. Das ist keine Spekulation. Eure eigenen Regierungen haben es gesagt: Kritische Mineralien und Seltene Erden sind unverzichtbar für eure fortschrittlichsten Technologien und werden nur noch an Bedeutung gewinnen, wenn künstliche Intelligenz den modernen kulturellen und wirtschaftlichen Raum verändert.
Ein Teil davon wird durch Unternehmensgewinne und Wettbewerb angetrieben. Andere Teile davon werden durch militärische und staatliche Anwendungen vorangetrieben. Aber was sich gerade wandelt, ist viel grösser als jede dieser einzelnen Komponenten. Es ist die Summe ihrer Wechselwirkungen – also die Welt als Ganzes. Wir beobachten, wie sich all dies sehr rasch manifestiert, und zwar nicht nur in der Flut beunruhigender Schlagzeilen in den weltweiten Nachrichtenmedien.
So haben beispielsweise vor gerade einmal fünf Tagen in Barranquilla die Vereinigten Staaten und Kolumbien ein Rahmenabkommen über kritische Mineralien und Seltene Erden unterzeichnet. Darin verpflichten sich beide Regierungen, innerhalb von sechs Monaten Abbau- und Verarbeitungsprojekte zu identifizieren und zu finanzieren, sowie die Genehmigungsverfahren zu straffen.
Im Juni dieses Jahres erklärte Kolumbien unser Gebiet zu einem dauerhaften Schutzgebiet – eineinhalb Millionen Hektar, die für neue Bergbau- und Kohlenwasserstoff-Konzessionen gesperrt sind. Die vier Völker der Sierra hatten im Februar um diesen Schutz gebeten. Dass er gewährt wurde, ist eine Sache. Dass er respektiert wird, könnte, wie wir vermuten, eine ganz andere sein.
Wir spekulieren hier nicht einfach nur so. Die Kosten für diese Maschinen und ihren Bau sind nicht unerheblich. Es ist allgemein bekannt, dass sie einen enormen Ressourceneinsatz erfordern. Riesige Mengen an Wasser, Land, Energie und Materialien fliessen in ihre Herstellung ein. Wir fragen: Zu welchem Preis für die Erde und für das Leben, das auf ihr existiert? Und werden wir es sein, die dafür aufkommen? Indem wir mit der Vertreibung unseres Volkes und der Zerstörung unserer heiligen Stätten bezahlen?
Aber wir sind nicht hierhergekommen, um gegen ein einzelnes Abkommen Einspruch zu erheben. Dieser Moment ist von grösserer Tragweite. Wir sagen dies, weil er alle Merkmale eines neuen Kapitels in einem Prozess aufweist, den wir durchleben, seit die Moderne vor etwa fünfhundert Jahren an unseren Küsten Einzug hielt.
Wir wissen, dass diese Frage nach künstlicher Intelligenz schnell zu einer Frage nach Bodenschätzen wird. Eine Frage nach Mineralien wird zu einer Frage danach, wer die Herrschaft über ein Gebiet innehat. Und woraus das letztendlich wird, ist eine Frage nach einer Lebensweise, die immer mehr verbrauchen muss.
Deshalb glauben wir nicht, dass künstliche Intelligenz das Problem ist. Ein guter Samen wächst auf kargem Boden nicht zu einer gesunden Pflanze heran. Ihr fragt, wie man diese Technologie sicher machen kann, ohne die zugrunde liegenden gesellschaftlichen Verhältnisse anzugehen, die in den Menschen den Drang hervorrufen, sie für gefährliche Dinge zu nutzen, die Armut, die Ungleichheit, die Umweltverschmutzung und der Krieg.
Wir glauben nicht, dass diese Technologie sicher gemacht werden kann, ohne ihre wahre Ursache anzuerkennen und dagegen vorzugehen – nämlich eine gewalttätige Mentalität, die aus Gier und blindem Ehrgeiz entsteht. Wie viel Geld reicht einem Menschen aus? Wie viel Gewinn reicht einem Unternehmen aus?
Dieses Ungleichgewicht hat seine Wurzeln nicht nur an einer einzigen Stelle. Es ist allgemein und systemisch, und es muss als solches behandelt werden. Seine Quelle ist eine Welt des gnadenlosen Ehrgeizes. Eine Welt, die ihren Nächsten nicht liebt. Eine Welt ohne rechte Sichtweise. Eine Welt, in der der Tod profitabler geworden ist als das Leben. Eine Welt, die nicht in Frieden und Harmonie leben kann, ist eine Welt ohne Weisheit. Und eine Welt ohne Weisheit hat keinerlei Überlebenschance.
Wir werden euch erklären, was wir unter Weisheit verstehen, da wir ihre Notwendigkeit betonen. Weisheit bedeutet, Grenzen zu kennen. Konsequenzen zu verstehen. Und die Fähigkeit, etwas nicht zu tun, wenn es nicht getan werden sollte. Nicht alles, was geschaffen werden kann, sollte geschaffen werden. Nicht alles, was beschleunigt werden kann, sollte beschleunigt werden.
Nicht alles, was Gewinn bringt, ist gewinnbringend für das Leben. Den Unterschied zu kennen, das ist Weisheit.
Eine Technologie kann nicht als intelligent bezeichnet werden, wenn sie Wasser verschmutzt, Gebiete zerstört, grenzenlos verbraucht, Macht konzentriert, menschliche Verantwortung ersetzt oder das Wissen von Völkern ohne deren Zustimmung nutzt. Wahre Intelligenz schützt den Ursprung des Lebens.
Verantwortung muss mit Bewusstsein einhergehen. Heute liegen sowohl unser eigenes Bewusstsein als auch die Möglichkeiten anderer in unserer Verantwortung. Eine Maschine kann die Menschheit nicht von ihrer Verantwortung entbinden. Das wird sie niemals können. Nur wir selbst können unseren Verpflichtungen nachkommen. Künstliche Intelligenz darf also nicht an die Stelle des menschlichen Gewissens treten, und sie darf nicht dazu genutzt werden, Entscheidungen zu treffen, für die Menschen nicht bereit sind, die Verantwortung zu übernehmen.
Wissen muss mit Achtsamkeit einhergehen. Macht muss mit Grenzen einhergehen. Innovation muss mit Verantwortung einhergehen. Nur kollektive moralische Kraft kann die Welt vereinen.
Das sind keine esoterischen Ideen. Das ist gesunder Menschenverstand. Wahrer Fortschritt besteht nicht in leistungsstärkeren Maschinen. Er besteht in einer Menschheit, die verantwortungsbewusst genug ist, ihr Wissen zu nutzen, ohne das Gleichgewicht zu zerstören, das das Leben erhält.
Wir werden manchmal gefragt, was künstliche Intelligenz unserer Meinung nach ist. KI, das sind Sie. KI wird Ihre Fragen, Ihre Träume, Ihre Ängste, Ihre Widersprüche und Ihre Vorstellung davon, was richtig ist, in sich tragen. Was Sie falsch machen, wird sie falsch machen.
Was die Frage aufwirft: Richtig nach wessen Massstäben? Könnten wir, die Kággaba, sagen, was für jemanden richtig ist, der in einem Büro auf der anderen Seite der Welt arbeitet? Für jemanden, der ein Haus baut oder einen Computer repariert? Für Menschen in Asien, in Afrika, in den Vereinigten Staaten? Wir sind nicht hier, um irgendjemandem vorzuschreiben, wie er leben soll. Jedes Volk hat seinen eigenen Weg, und wir verlangen von niemandem, ein Kággaba zu werden. Wir verlangen nur, dass jeder seine eigene Verantwortung erfüllt.
Und eines wollen wir allen sagen: Keine Lebensweise darf die Natur zerstören oder andere Menschen zerstören. Das ist keine Regel über Kultur. Es ist der Fels, auf dem jede Kultur stehen muss, wenn sie als zivilisiert bezeichnet werden soll. Abschliessend halten wir es für wichtig zu sagen, wer hier in Gefahr ist, denn wir wollen uns hierüber ganz klar ausdrücken.
Die Erde muss nicht vor uns gerettet werden. Die Erde wird weiterbestehen. Was in Gefahr ist, ist die einzigartige und seltene Welt, die euch geschenkt wurde, und euer Platz darin.
Wir beobachten seit Jahrtausenden die Grenzen dieser Welt und sagen euch ganz offen: Die Natur wird die derzeitige Vorgehensweise nicht mehr lange dulden. Wir sagen dies nicht aus Angst um uns selbst. Wir haben unseren Berg. Wir haben unsere Höhlen. Wir sind ein widerstandsfähiges Volk, und für uns ändert sich wenig, wenn der Strom ausfällt oder die Lebensmittel nicht mehr geliefert werden. Sollten die Bedingungen auf dieser Erde jemals so hart werden, dass sie unseren Untergang verursachen, werdet ihr selbst längst von dieser Erde verschwunden sein.
Nichtsdestotrotz, und wie dem auch sei, bedeutet dies nicht, dass das Schicksal der gesamten Menschheit nicht auf dem Spiel steht. Das ist ganz klar der Fall. Und das schliesst uns natürlich mit ein. Die Welt ist eine Familie. Diese Familie haben wir bereits zuvor gewarnt. Diese Warnung geben wir im gleichen Geist, der nicht von Widerstand geprägt ist, sondern vom Wunsch, euch zu helfen. Wir waren schon immer bereit, euch zu helfen.
Wir verfügen über Wissen über den Geist, die Natur und die Ordnung der Welt, das wir über Tausende von Jahren hinweg durch eine Methode erworben haben, die in keinem Buch und in keiner Datenbank zu finden ist. Wir halten es für einen Fehler, die Zukunft ohne diejenigen zu gestalten, die so lange beobachtet haben, wie sich das Leben selbst erhält.
Wir sind der Meinung, dass dieses Gespräch nicht ohne uns geführt werden sollte. Wir sind der Ältere Bruder, und wir sind hier, so wie wir es schon immer waren. Und wir sind bereit, mit euch zusammenzuarbeiten, um eine harmonische und friedliche Zukunft für alle zu gestalten.
Mamo Vangelio Moscote Alberto
Saka Rosa Mamatacán Sauna
Ezuama Mayor Kuamaka
Das Volk der Kággaba, Sierra Nevada de Gonawindua, Kolumbien
[Engl. Originaltext]
Zusammengestellt aus den Worten von Mamo Vangelio Moscote Alberto und Saka Rosa Mamatacán Sauna vom Ezuama Mayor Kuamaka, ins Spanische übersetzt von Jose Manuel Mamatacán, englische Übersetzung von Christian Horstmann.