Seit Ende März 2022 befindet sich El Salvador im Ausnahmezustand. Präsident Nayib Bukele hat diesen per Dekret verhängt und das von ihm kontrollierte Parlament seither mehrmals verlängert. Die Massnahmen zur Bekämpfung der Bandengewalt haben die Sicherheit im Land deutlich verbessert, gehen jedoch mit schweren Menschenrechtsverletzungen einher.Über 80'000 Personen, vor allem junge Männer, wurden seither verhaftet. Viele sitzen monate- oder jahrelang ohne Anklage, Gerichtsurteil oder Kontakt zu Angehörigen in Haft. Etwa 8000 Inhaftierte konnten ihre Unschuld beweisen und wurden freigelassen, Zehntausende bleiben jedoch weiterhin eingesperrt. Im Januar 2023 eröffnete die Regierung das Hochsicherheitsgefängnis CECOT, in dem über 30'000 Personen untergebracht sind. Berichte über Folter, Ausbeutung bei Zwangsarbeit und ungeklärte Todesfälle häufen sich.
Im Mai 2025 kam es zu einer neuen Verhaftungswelle. Betroffen waren unter anderem der Rechtsanwalt Alejandro Henríquez, der Pastor José Angel Pérez sowie die Menschenrechtsverteidigerin Ruth López. Letztere prangerte die Verbrechen im Rahmen des Ausnahmezustands an und sitzt weiterhin in Haft; ihre Untersuchungshaft wurde Ende 2025 um sechs Monate verlängert. Viele Oppositionelle, Umweltaktivistinnen und Journalistinnen flohen ins Exil.
Kritiker werfen Bukele vor, Armut zu kriminalisieren. «Die meisten Menschen wurden nur auf Verdacht hin verhaftet, weil sie in armen Gegenden leben», heisst es von Betroffenen. Aktivist Samuel Ramírez von der Bewegung MOVIR erklärt: «Als der Frieden kam, wurde die wirtschaftliche Situation nicht angegangen. Das Land wurde demilitarisiert, aber die Armut nicht bekämpft.»
Die Regierung verweist auf die gesunkene Mordrate und die gestiegene Sicherheit. Bukele selbst bezeichnet sich ironisch als «den coolsten Diktator der Welt». Menschenrechtsorganisationen kritisieren jedoch, dass Grundrechte massiv eingeschränkt werden und jegliche Kritik an der Regierung unterdrückt wird. Umweltaktivistin Gabriela Solórzano warnt: «Wir alle, die die Entscheidungen der Regierung in Frage stellen, sind in Gefahr.»Der Ausnahmezustand hat El Salvador grundlegend verändert. Während viele Bürgerinnen und Bürger die grössere Sicherheit schätzen, wächst die Sorge um den autoritären Kurs und den Abbau demokratischer Strukturen. Ob der Ausnahmezustand bald endet, bleibt ungewiss.