Ist der Mensch human?
Konsumgesellschaft und Menschlichkeit - (k)ein Widerspruch. Was uns als Menschen ausmacht.
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Der Mensch ist «menschlich / human», weil er den Namen «Mensch / homo» trägt … mehr aber auch nicht. Foto: Shutterstock

Jemand hat einmal behauptet, wir seien human. Was heisst das? Human heisst, gut sein, oder? Human, lateinisch «humanus», auf Deutsch «menschlich», leitet sich vom lateinischen Substantiv «homo» sapiens ab, jener lateinischen Bezeichnung, die ins Deutsche übersetzt so etwas wie «der weise Mensch» bedeutet.

Eine Bezeichnung, die wir uns selber gegeben haben, nicht jemand anders, die also nicht irgendein Taxonom eines anderen Planeten unserer Spezies gegeben hat. Dann hat jemand dieses Wort «human» genommen, um damit etwas Gutherziges zu benennen, also wenn zum Beispiel das Mitgefühl für das mögliche Leid, für eine mögliche Schwierigkeit des anderen unser eigenes Handeln mitbestimmt. Wie kam man nur darauf? Merkwürdig, oder?

Wer kennt das nicht? Abends mal raus gehen essen oder sich einfach mal was bringen lassen. Shoppen gehen, am Wochenende vielleicht – oder einfach so, online. Na ja, Klamotten halt, Gadgets, Kleinkram. Nur selten mal was Grösseres, eine neue Couchgarnitur – ist schon so einige Jahre alt, für unser neues Hightech-TV. Eine neue Küche, wird Zeit, zumindest ein neuer Herd, neue Spülmaschine, Waschmaschine-Trocknerkombi, Standard heute. Ach ja, die Matratzen müssen auch mal wieder ausgetauscht werden, die Möbel im Kinderzimmer.

Das Konzert-Abo, der Yogakurs, der Fitnesskurs, ich werd zu dick, zu alt, zu hässlich – vielleicht sollte ich da mal nachhelfen. Ein neues Handy, Tablet, warum nicht, nach zwei Jahren, nach drei, geht das? Na klar. Die neue Videogamebox, mal zum Abschalten, klar auch für tagsüber in der U-Bahn, das entspannt. Netflix, Amazon Prime, Spotify, selbstverständlich. Ein gutes E-Book lesen, aus den Bestsellerlisten, intellektuell dranbleiben, damit man weiss, was läuft. Was heisst lesen? Audio-book, Podcast, ich bilde mich weiter.

Alle drei, vier Jahre ein neues Auto, sagen alle, ist ökologisch – natürlich hundertpro elektrisch, die Chinesen sind die besten, ist so. Die klauen? Alle klauen, auch die Deutschen. Und ja, unser Urlaub, wie viele im Jahr? Das muss sein, wohin, wohin auch immer. Vielleicht kaufen wir uns dieses Jahr einen Camper Van, in Raten, gebraucht klar, endlich unabhängig. Unsere Eigentumswohnung ist fast abbezahlt, noch neun Jahre, dann bin ich erst sechzig – das leichte Übergewicht, Cholesterin, der erhöhte Blutdruck, den blöden Verschleiss an der Hüfte, das bekomm ich schon weg.

Und, hätte ich fast vergessen, das Kickboxen, die Gesangsstunden für meine Tochter, das Cartracing, der Wasserballverein für meinen Sohn. Später dann, naja, das hat zwar noch ein bisschen Zeit, aber vielleicht ein Studium im Ausland. Wenns dann zu Ende geht, erben unsere Kinder – wer denn sonst? Das haben wir ja auch für die gemacht, die ganze Schufterei über Jahrzehnte, damit sie dann nicht vor dem Nichts stehen, irgendwann. An wen soll es sonst gehen?

Ein bisschen kennt das jeder von uns, oder? Das ist alles «in Rahmen». Leicht übertrieben, meinen Sie? Na gut, gilt also nicht für alle? Für einige, die das hier lesen, gilt vieles wahrscheinlich schon. Unabhängig davon – fast alle wollen das, wollen das erreichen, mehr oder weniger – und nicht wenige sind nah dran. Wie unsympathisch, warum wollen Sie alles durch den Kakao ziehen? Welchen Kakao?

Ist das schlecht? Man gönnt sich eben mal ein bisschen was, um positiv zu bleiben, sonst wird man ja depressiv. Die Nachrichten jeden Tag, Wirtschaftsflaute, Inflation, Trump, der Krieg kommt bald auch zu uns, Elend und Armut auf der Welt, Umweltzerstörung, Klimawandel, überall wird mitgelesen, werden unsere Daten gespeichert, verarbeitet, Algorithmen, KI übernehmen bald alles, und Corona, irgendwas in der Art wird sicher auch bald wieder kommen – die Zukunft ist völlig ungewiss, besser im Hier und Jetzt leben, oder?

Wir tun, was möglich ist, damit es uns einigermassen gut geht, unseren Kindern vor allem, den Generationen nach uns. Apropos, wir recyceln mittlerweile praktisch alles, in der Stadt fahren wir fast nur mit Bus und Bahn, mit dem Citybike, mit dem E-Scooter. Und wir essen weniger Fleisch, maximal zweimal in der Woche, manchmal gehen wir sogar zum Veganer ´ne Wurst essen, schmeckt gar nicht so schlecht, obwohl. Ausserdem geben wir ja nicht immer alles aus, wir sparen auch manchmal, ich weiss, kann leider nicht jeder – das geht dann aufs Tagesgeldkonto, haben noch einen Investmentfond von früher.

Und ja, ich zahle gerne Steuern, das ist solidarisch, für die Gesellschaft, man zahlt ein in die Kranken-, Pflege, Rentenkassen, ich spende auch, mindestens einmal im Jahr zweihundert Euro. Ich kenne sonst kaum jemanden, der spendet.

Was, der CO2-Fussabdruck? Jetzt reicht´s aber - ich tu was für die Umwelt, für meine Gesundheit, fürs Tierwohl, für die Menschen, denen es schlecht geht – das mache ich gerne, mit ganzem Herzen – mehr geht nicht, ehrlich jetzt. Ach ja, ganz vergessen, ich engagiere mich auch ehrenamtlich - bei uns im Tischtennisverein, Instandhaltung der Anlage und Ähnliches. Sie lachen, haben scheinbar keine Ahnung, aber ohne das Volontariat würde auch das vor die Hunde gehen. Ach ja, unser Hund. Ich denke, wir machen so einiges richtig, nicht alles, aber so einiges. Die ganze Misere in der Welt ist ja auch nicht meine Schuld, nicht unsere Schuld, Deutschland ist an dem ganzen Mist nicht schuld, nicht wirklich, ein bisschen, hab ich gelesen – so ist das. Ich brauche kein schlechtes Gewissen. Richtig, ein schlechtes Gewissen, das braucht niemand.

Und wie schaffen wir das alles, ich meine, unseren Lifestyle – na ja, das sind ja alles Ausgaben, das ist alles Geld, das wir freiwillig dafür ausgeben. Mit Ausnahme meines Freiwilligenjobs im Tischtennisverein – obwohl, mein Steuerberater hat die entsprechenden Stunden in die Steuererklärung eingebracht, vielleicht bringt´s ja was.

Ok, jetzt mal zu den genauen Zahlen. Laut Statistischem Bundesamt liegen die privaten monatlichen Konsumausgaben (notwendige und nicht notwendige) eines Durchschnittshaushalts in Deutschland bei 3032 Euro. Eine separate Studie zeigt, dass ein Privathaushalt in Deutschland rund 133 Euro monatlich zusätzlich für Versicherungen ausgibt, im Schnitt also 1 596 Euro jähr­lich. Nicht einge­rechnet sind dabei die Beiträge zu Lebens- und Renten­versicherungen oder zur privaten Pflege- und Kranken­versicherung.

Aber wieviel von unseren Konsumausgaben ist wirklich notwendig und wieviel gehört einfach nur zu unserem gewöhnten Lifestyle? Also das, was über das wirklich Notwendige hinaus geht, jenseits von Warmmiete bzw. monatliche Rückzahlungen des Wohnungskredits, Wasser, Strom, Internet, Instandhaltung / notwendiger Austausch von Wohnungsgegenständen, Ernährung, notwendiger Austausch von Kleidung, Verbrauchsgüter für Pflege und Gesundheit, Monatskarte, Jahresurlaub, Sport, notwendige Versicherungen usw.

Ich hab das mal bei uns selber ausgerechnet – die ganzen Dinge, die ich am Anfang des Artikels aufgelistet habe. Also ganz konservativ wären das bei einem deutschen Durchschnittshaushalt (2-3 Personen) irgendetwas zwischen 1000 und 2000 Euro im Monat, ganz grob. Natürlich, nach oben offen – die Vielbesserverdiener kommen sicher auch auf 5000 und mehr Euro im Monat. Also das Geld, das wir in Deutschland jeden Monat ausgeben, um unseren Lifestyle zu sichern, über dem, aus unserer Sicht, minimalen Lebensstandard hinaus – andere würden sagen, für das, was wir für nicht wirklich Notwendiges regelmässig ausgeben. Wohl gemerkt, ich spreche vom «für uns minimalen Lebensstandard», das heisst auf jeden Fall ein gesicherter hoher Lebensstandard ohne Engpässe und mit allen Absicherungen – immer noch ein unerreichbarer Standard für den Grossteil der Erdbevölkerung.

Selbst wenn man den untersten Wert von nicht mehr als 1000 Euro ansetzt, ergäbe sich bei 41 Millionen Haushalten in Deutschland eine Summe von 41 Milliarden Euro pro Monat bzw. fast 500 Milliarden jedes Jahr – eine Vergleichsstudiekommt sogar auf 600 Milliarden. Dies entspricht in etwa dem Bundeshaushalt 2025 (503 Milliarden Euro). Wir geben also jedes Jahr mindestens eine halbe Billion Euro aus – wahrscheinlich ein Vielfaches davon, wenn man die entsprechenden «nicht notwendigen» Ausgaben der Reichen und Superreichen miteinkalkulieren würde – nur , um unseren Lifestyle zu leben, für Dinge also, die nicht unbedingt notwendig sind, die uns in erster Linie unterhalten, das Leben bequemer machen, unsere Sinne befriedigen und unsere Freizeit finanzieren.

Ein Gedanke dazu: Wir wissen alle, dass es in unserer Welt unzählige Menschen gibt, die völlig unverschuldet leiden, leiden müssen, auch und vor allem, weil ihnen die nötigen finanziellen Ressourcen fehlen. Weltweit leben etwa 65 Millionen Menschen mit Amputationen, und schätzungsweise 1,5 Millionen Gliedmassenverluste kommen jährlich hinzu. Die absolute Prävalenz (Krankheitshäufigkeit) mit über Zweidrittel liegt in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Traumata durch Krieg, Konflikte, Gewalt, Unfälle und unzureichender Zugang zur Gesundheitsversorgung sind Auslöser dieser kontinuierlichen Problematik. Schätzungen zufolge benötigen bis zu 2,4 Milliarden Menschen – also etwa 1 von 3 Personen weltweit – allein medizinische Rehabilitation, was in den ärmeren Ländern dieser Welt meist gar nicht oder nur unzureichend zur Verfügung steht. Laut WHO hatten 2024 fast 4,5 Milliarden Menschen, über die Hälfte der Weltbevölkerung, keinen oder nur eingeschränkten Zugang zu grundlegenden Gesundheitsdienstleistungen. Weltweit leben etwa 1,1 Milliarden Menschen in extremer Armut, mehr als die Hälfte sind noch Kinder. Das sind nur ein paar Beispiele von katastrophalen Missständen in unserer Gesellschaft, auf diesem unserem kleinen Planeten, den wir miteinander teilen (sollten).

Private Spenden und der Staatshaushalt zusammen hatten in Deutschland im Jahr 2025 knapp 4.8 Milliarden Euro für Sofort- und Nothilfe in (Bürger)kriegs- und Katastrophengebieten bereitgestellt. Je nach Rechnungsart kommen noch deutsche Staatsausgaben für medizinische Hilfe und globale Gesundheit von etwa 1 Milliarde jährlich dazu. Das entspricht zusammen gerade mal 1.1% jener halben Billion, die wir lieber für unseren Lifestyle ausgeben, für nicht wirklich notwendige Dinge.

Jene halbe Billion oder auch nur ein Bruchteil davon könnte wahre Wunder bewirken, wenn wir tatsächlich «human» wären und es für die Linderung der Not weltweit einsetzen würden. Aber wir ziehen es vor, zu shoppen, öfters in Restaurant zu gehen, immer wieder ein neues Handy, ein neues Auto, Videospiele zu kaufen, tolle Urlaube, und und und.. Sollten wir vielleicht aufhören, uns human zu nennen bzw., besser noch, dieses Adjektiv neu deuten?

Ach Mensch, der Moralapostel, was soll das? Wenn es den ganzen Konsum nicht geben würde, wären die meisten Leute arbeitslos, die Steuereinnahmen würden einbrechen, die Sozialkassen würden austrocknen, Massenarmut und Armutskriminalität würden in Deutschland regieren, die Demokratie wäre am Ende. Ist das so? Wäre das wirklich so? Würde es nicht vielmehr an anderen Stellen der weltweiten Wertschöpfung, die neu zu definieren wäre, in anderen Ländern neue Nachfragen generieren, Arbeitsplätze und Einkommen schaffen?

Aber selbst wenn es so wäre, dass durch das nicht oder dezidiert weniger konsumieren von nicht notwendigen Gütern und Dienstleistungen unser Wirtschaftssystem erheblichen Schaden nehmen würde, unser Lebensniveau, wie wir es heute in den reicheren Ländern kennen, nicht mehr zu halten wäre, bleibt die davon unabhängige Erkenntnis: Die allermeisten von uns ziehen es heute vor ein ultra-bequemes, konsumistisches Leben zu führen als anderen Mitbewohnern unseres Planeten ihr Leid substantiell zu verringern - denn die Mittel dafür hätten wir. Ist »human» also vielleicht doch etwas anderes?

Oder ist einfach nur unser wirtschaftspolitisches System moralisch defekt? Die Antwort auf diese Frage ist eindeutig - ja das System, das wir uns so mühselig überall auf der Welt in den letzten Jahrhunderten aufgebaut haben, ist nicht nur krank, sondern «inhuman», weil ausgrenzend und elitär. Es verteidigt unseren hohen Lebensstandard auf Kosten von Milliarden anderer. (1)

Die Aussage, wir «weise Menschen» (homo sapiens) hätten es bislang einfach noch nicht geschafft, uns ein besseres System des Zusammenlebens auszudenken, das internationale Solidarität und Mitgefühl gesamtgesellschaftlich umsetzt, kann keine Rechtfertigung sein für ein moralisch fragwürdiges System, sondern nur eine Flucht ins intellektuelle Niemandsland - in der Hoffnung, dass keiner mehr fragt.

Der Mensch ist «menschlich / human», weil er den Namen «Mensch / homo» trägt … mehr aber auch nicht.



 

(1) Siehe zusätzlich auch Albert T. Lieberg: «Der Systemwechsel - Utopie oder existentielle Notwendigkeit?» Kapitel A.IV Der Wohlstand der ökonomisch entwickelten Länder - auf wessen Kosten? Büchner Verlag 2018.

Albert T. Lieberg

Albert Lieberg
Albert T. Lieberg

Dr. Albert T. Lieberg, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler, Senior Advisor der UNO; Unterstützer globalisierungskritischer Bewegungen; Autor u.a. «Der Systemwechsel» (Sachbuch, 2018); «Endbericht» (Roman, 2024).

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