Klare Grenzen
Der Begriff Narzissmus wird mittlerweile inflationär benutzt. Vor allem dann, wenn es um bestimmte öffentliche Persönlichkeiten geht. Viele scheinen betroffen zu sein. Nur einer nicht: man selbst. Die Samstags-Kolumne.
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Liebe bedeutet nicht, sich alles gefallen zu lassen. Bild: Shutterstock

Das Eigentümliche an Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung ist, dass die anderen das Problem sind. Daher findet man sie auch selten in psychologischer Therapie. Heilung ist schwierig und oft nicht möglich. Mit ihnen ist ja alles in Ordnung.

Narzissten – das sind nicht nur Menschen, die sich vor Stolz auf die Brust klopfen und alle anderen mit ihren angeblichen Heldentaten überrollen. Der vulnerable Narzissmus zeichnet sich durch Scham, Angst vor Versagen, starkes Grübeln und ein Gefühl von Wertlosigkeit oder Unzulänglichkeit aus. Häufige Verhaltensweisen sind Schmollen, Dichtmachen, passive Aggressivität, Bestrafung durch Rückzug und Probleme, eigene Fehler einzugestehen und sich dafür zu entschuldigen.

Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung ist ein verletzlicher Selbstwert gemein. Ob grandios oder vulnerabel: Sie brauchen andere Menschen, um ihren eigenen Wert zu stabilisieren. Sie sind innerlich oft so instabil und leer, dass sie sich regelrecht von der Energie anderer ernähren. Betroffene haben ein starkes Bedürfnis nach Bewunderung und Liebe, während sie selbst nur vermindert empathiefähig sind. 

Sie erwarten Aufmerksamkeit und Anerkennung und haben ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Kontrolle oder Status. Stark empfindlich gegenüber Kritik und Zurückweisung sind sie sehr leicht kränkbar. Ein einfaches Nein kann als Respektlosigkeit aufgefasst werden. Eigene Fehler werden oft anderen zugeschrieben. Menschen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung verlangen nach einer besonderen Behandlung. In ihren Beziehungen schwanken sie zwischen Idealisierung und Abwertung. 

Zu Beginn wird ge-lovebombt. Sie überschütten ihr Gegenüber mit Lob, um es in ihren Bann zu ziehen. Das Objekt der Begierde ist die Beste, die Schönste, die Stärkste. Etwas ganz Besonderes. Dann geht es los. Wenn man eigene Bedürfnisse äussert, ist man plötzlich egoistisch, undankbar, verkehrt. Eine Äusserung wie «Ich fühle mich verletzt» wird als Angriff verstanden und ein entsprechender Gegenangriff gestartet. 

Zurückgebombt wird nicht mehr mit Lob und Schmeicheleien, sondern mit «Und du erst!» Whataboutism, Schuldumkehr, Abwertung, Verleugnung oder Gaslighting sind Antworten auf das, was stört. Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung sind nicht bereit oder nicht dazu in der Lage, sich auf ihr Gegenüber wirklich einzustellen oder ihm auch nur zuzuhören. Sie haben grosse Schwierigkeiten, verantwortungsbewusst zu ihrem eigenen Verhalten zu stehen.

Hartes Training

Wer es mit solchen Menschen zu tun hat, kann sich tief verunsichert fühlen. Man hat das Gefühl, wie auf Eiern zu gehen. Jeder Versuch, eigenständig etwas zu unternehmen, wird zu einem «Du liebst mich nicht mehr». Jede noch so leise geäusserte Kritik kann eine Katastrophe heraufbeschwören. Starke Wut, Vorwürfe, Abwertung, Schuldzuweisungen und schliesslich Kälte und plötzliches Desinteresse. «Ich ignoriere dich, damit du merkst, wie sehr du mich verletzt hast.»

Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung zu begegnen, ist vor allem eines: energieraubend. Sie zu lieben, kann eine Qual sein. Doch Liebe lässt sich nicht steuern. Sie ist frei und unabhängig vom Verhalten anderer. Man kann sie nicht abstellen und irgendwie ausknipsen oder wegmachen. Liebe kann nur integrieren.

Wenn einem Menschen mit Persönlichkeitsstörungen begegnen, mit Bindungsangst, Depressionen, traumatischen Erfahrungen oder Angststörungen, Menschen, die innerlich instabil, kaputt oder leer sind, dann ist das nicht nur ein Symptom dafür, wie krank unsere Gesellschaft ist. Man kann es als Aufforderung verstehen, das zu üben, was leicht über die Lippen geht und so schwer zu leben ist: bedingungslose Liebe.

Liebe bedeutet nicht, sich alles gefallen zu lassen. Oft hilft nur Kontaktbegrenzung oder der komplette Rückzug. Es ist wichtig, klare Grenzen zu ziehen. Stopp! Hier geht es nicht weiter! Bedingungslose Liebe bedeutet, sich selbst und anderen die Würde zuzugestehen, zu hundert Prozent für das eigene Verhalten verantwortlich zu sein. 

Ich kann dich nicht ändern. Du hast gewählt. Ich kann dich nur so achten, wie du bist - unabhängig davon, wie du dich mir gegenüber verhältst. Ich werde nicht Gleiches mit Gleichem vergelten. Du bekommst meinen Hass nicht. Ich gebe dir nicht meine Schuld, meine Scham, nicht das Niedrigste von mir, sondern das Höchste, wozu ich in diesem Moment in der Lage bin. 

Abstand halten, ohne zu verurteilen. Sich selbst schützen, ohne zu verhärten. Aufrecht stehen, klar, in der eigenen Mitte, dort, wo wir in Sicherheit sind. Und das Verhalten des anderen nicht persönlich nehmen. Ihm seine Verantwortung lassen und die volle Verantwortung für die eigene Haltung übernehmen. Das hilft. 
 

Kerstin Chavent

Kerstin Chavent

Kerstin Chavent lebt in Südfrankreich. Sie schreibt Artikel, Essays und autobiographische Erzählungen. Auf Deutsch erschienen sind bisher unter anderem Die Enthüllung,  In guter Gesellschaft, Die Waffen niederlegen, Das Licht fließt dahin, wo es dunkel ist, Krankheit heilt und Was wachsen will muss Schalen abwerfen. Ihre Schwerpunkte sind der Umgang mit Krisensituationen und Krankheit und die Sensibilisierung für das schöpferische Potential im Menschen. 

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