Neues Feuer für altes Eisen

«Für ein Alter, das noch etwas vor hat»: Der Philosoph Ludwig Hasler ruft in seinem neuen Buch die ältere Generation dazu auf, sich nicht ausschliesslich um sich selbst zu kümmern, sondern die Zukunft aktiv mitzugestalten.

Älteres Paar sitzt mit dem Rücken zum Fotografen auf einer Bank auf einer Bergterrasse und betrachtet das Panorama
War das wirklich schon alles? (Bild: Matthew Bennett on Unsplash)

Endlich in Rente! Endlich können wir tun und lassen, was wir wollen! Wir haben 40 oder mehr Jahre geschuftet, und jetzt ist Schluss. Jetzt wollen wir das Leben geniessen und uns den Dingen widmen, die all die Jahre wegen der Arbeit immer zu kurz kamen.

Für viele Pensionärinnen und Pensionäre heisst das konkret, dass sie (Finanzen vorausgesetzt) sehr viel reisen und sich leisten, was ihnen Freude macht. Senioren und Babyboomer sind eine mächtige Konsumentengruppe. Die «Graue Revolution» schaffe einen riesigen Seniorenmarkt, titelte die NZZ am 27. August 2015, und im Artikel erfahren wir, wofür Seniorinnen und Senioren viel Geld ausgeben, nämlich für Medizin- und Gerontotechnik, Altenpflege, Reha, Präventivmedizin, Kosmetika, Ernährungsprodukte, Autos, Hobby-Ausrüstungen, Haushaltsgeräte, Bekleidung, Finanzanlagen, Fortbildung, Reisen und Luxusprodukte.

Der Philosoph Ludwig Hasler (75) plädiert in seinem neuen Buch für mehr Sinnhaftigkeit im Alter. Wer im wohlverdienten Ruhestand keinen Beitrag an das Zusammenleben in der Gemeinschaft leiste, fordere ein Recht auf Passivmitgliedschaft in der Gesellschaft. Hasler betont in einem Interview mit dem Magazin «reformiert», er spreche nicht die Menschen an, die vierzig Jahre auf dem Bau gearbeitet hätten oder von einer Krankheit geplagt seien. Sondern jene, «die nach ihrer Erwerbszeit gesund und fidel ihr Vermögen und ihre Zeit in Reisen oder Spitzensport für Betagte investieren und damit den Generationenvertrag arg strapazieren. Jene, die sich ausschliesslich um sich selber kümmern, um sich dann über ihre Bedeutungslosigkeit zu beklagen.» Das gehe nicht auf.

Man solle sich nützlich machen, in einem Seniorenrat zum Beispiel, wo man sich gegenseitig unterstütze, oder indem man in einer Schulklasse mithelfe, ein Ehrenamt übernehme oder die Enkelkinder betreue; gute Gesundheit vorausgesetzt. Ähnliches fordert der Philosoph Richard David Precht mit seinem «sozialen Pflichtjahr für Senioren». Diese könnten Kindern bei den Hausaufgaben helfen oder in Schulen, wie sie Precht vorschweben, beim Unterrichten helfen und ihre Lebenserfahrung einbringen.

Tatsächlich dauert das Alter heute länger als früher. Wir werden nicht nur älter, sondern sind im Alter auch tendenziell gesünder - und fitter. Was fängt man an mit so viel Lebenszeit?

Man weiss aus zahlreichen Studien, dass es Menschen besser geht, wenn sie etwas für andere tun. Damit ist nicht gemeint, dass man sich für andere aufopfern und die eigenen Bedürfnisse vernachlässigen soll. Aber wer sich nicht mehr um Kinder, Karriere und das Abbezahlen der Hypothek kümmern muss, kann sich durchaus überlegen, wie er seine (Lebens-)Zeit sinnvoll investieren könnte.

Es könnte mit unserer Auffassung von Arbeit zusammenhängen, dass wir denken, wir müssten im Ruhestand nichts mehr tun. Schliesslich haben wir der Arbeit unsere besten Jahre geopfert und dafür Schmerzensgeld in Form eines Gehalts bezogen. Nun, da wir endlich befreit sind vom Joch der Werktätigen, wollen wir noch etwas vom Leben haben.

Vielleicht sollte man früher damit anfangen, etwas vom Leben zu haben. Und vielleicht sollte man sich auch beizeiten überlegen, wie man das letzte Lebensdrittel so gestalten kann, dass ein Sinn darin liegt. Schon früh machen wir uns Gedanken darüber, wie wir unseren Ruhestand finanzieren, mit AHV, Pensionskasse, 3. Säule, Einkommen aus Immobilien, Sparguthaben und Finanzanlagen. Wer macht sich Gedanken über eine spirituelle Altersvorsorge? Darüber, was man anfängt mit seiner Zeit, ob man ausreichend gut vernetzt ist, damit man nicht alleine ist, wenn die Kraft nachlässt?

Die Selbstfixierung, so Ludwig Hasler, banalisiert das Leben. Wer etwas für andere tut, hat eine Bedeutung, auch im Alter.

Mehr dazu

- «Für ein Alter, das noch etwas vorhat», von Ludwig Hasler
- Warum arbeiten wir so viel? Artikel hier im Zeitpunkt vom 2. Juli 2019

17. Dezember 2019
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