Zeichen der Dummheit sind für den französischen Humoristen François Rollin die Inkonsequenz der Argumentation, Zirkelschlüsse, das beharrliche Kleben am Wort, die Abwesenheit von Empathie und die Nichtexistenz jeden Zweifels. Dummheit ist für ihn ein Merkmal, das gerade auch in gebildeten und gelehrten Kreisen anzutreffen ist.
Dummheit, Herz und die Intelligenz des Herzens
Dummheit stellen wir oft in einen Kontext mit Intelligenz und Denken. Sie hängt auch mit der Wahrnehmung und der Fähigkeit zusammen, intelligent und bewusst sowie mit klarem und der Situation angepasstem Denken auf Wahrnehmungen zu reagieren. Hier sind wir wohl alle Lernende und Übende. Wer hat also die Berechtigung, andere Menschen als dumm zu klassifizieren? Stellt er sich damit nicht über die anderen Menschen, welche er als Dumme verurteilt?
Robert Musil (2) benennt das Paradox, dass jeder, der über Dummheit spricht, voraussetzt, über den Dingen zu stehen, also klug zu sein, obwohl genau diese Anmassung als Zeichen für Dummheit gilt.
Ist es nicht sinnvoll, erst bei sich zu schauen, wo ich dumm bin: einer Dummheit erlegen, als andere als Dumme zu verurteilen? Welche Faktoren haben Einfluss auf unser denkendes Leben, damit wir einer Dummheit erliegen? Ist ein Kind dumm, wenn es nach dem Mond greift? Oder macht es Erfahrungen, welche sein Bewusstsein und Denken bilden? Sind wir nicht alle immer noch Kinder, welche immer weitere Erfahrungen machen, um das Wesen der Dinge sowie der Seele und des Geistes zu erfassen und die entsprechenden Gesetze dazu zu erkennen? Inwieweit macht das Schulsystem oder das nur intellektuelle Lernen dumm, indem bereits Gedachtes einfach nur gelernt und ohne eigene Erfahrung wiedergegeben wird?
Man kann dann sehr klug reden, aber schlussendlich sind es nur leere Worthülsen. Genauso wie die Künstliche Intelligenz bereits Gedachtes durch programmierte Algorithmen in einen Zusammenhang bringt und wiedergibt. Ohne das bewusste Erleben und Verständnis dafür ist das Wissen unintelligent und dumm. Laut einer Studie des «Massachusetts Institute of Technology MIT» macht die KI uns dümmer.
Ein weiterer Bereich ist die Psychologie oder auch die kognitive Kriegsführung, wo geschickt Halbwahrheiten verbreitet werden, um das Denken zu manipulieren, und wir so auf viele Dummheiten selber hereinfallen und uns manipulieren lassen. Wer von uns ist nicht schon auf eine solche Manipulation hereingefallen? Mir selber jedenfalls ist es schon oft passiert.
Es gibt physische Schädigungen von Gehirn und Nervenfunktionen, welche Menschen als dumm aussehen lassen. Die Frage ist dann, sind sie wirklich dumm, oder können sie sich einfach nicht so ausdrücken, wie wir es gewohnt sind?
Ich habe mit Behinderten gearbeitet und erlebt, dass sie oft klüger sind als ihre Betreuer. Dazu möchte ich hier gerne ein eigenes Erlebnis anfügen: In jungen Jahren betreute ich einen alten Mann in einem Pflegeheim. Er hatte eine Behinderung und konnte keine klaren Wörter von sich geben, nur eigenartige Laute. Es gab Pfleger, die meinten, er sei dumm und lalle nur herum. Ich habe dann bemerkt, dass, wenn ich ihn etwas frage und er antwortet mit seinen lallenden Lauten, er sehr wohl klar denken kann und einfach ein Problem mit der Artikulierung hatte. So konnte ich dann mehr intuitiv erahnen, was er sagen wollte und mich mit ihm verständigen.
Wer ist also nun dumm? Wie schnell verurteilen wir etwas, was wir nicht verstehen können, als dumm? Oft liegt es auch an uns, die dumm sind. Wie viele Genies wurden schon verurteilt oder für durchgeknallt erklärt, nur weil ihre Weisheit nicht verstanden werden konnte?
Als Unbefangenheitsübung empfehle ich dir, wenn dir jemand etwas erzählt, was dir als unglaublich erscheint, es nicht gleich als Blödsinn abzuwehren. Gib ihm Raum, prüfe es und warte ab, bis du Gewissheit erlangt hast und sich dir die Angeregtheit erschliesst. Wie oft schon haben wir einen Schatz weggeworfen als vermeintlicher Unsinn?
Man kann sich selber auch als dumm stellen, um so mit Hilfe der Klugheitsmoral einen Vorteil für sich herauszuholen. Das ist auch bei Politikern beliebt, welche sich plötzlich nicht mehr erinnern können, was sie einmal gesagt oder getan haben. Dummheit als Schutz, so wie der Vogel Strauss seinen Kopf in den Sand hält und meint, wenn er die Gefahr nicht sieht, ist sie auch nicht da. Und: Die Geschichte mit dem Vogel Stauss ist nur ein Sprichwort oder ein Sinnbild dafür, den Tatsachen nicht in die Augen zu schauen. Der Strauss selber kann, wenn er in Gefahr ist, mit 90 km/h davonrennen.
Machen wir nicht alle eine Entwicklung durch von Unwissenheit und Dummheit bis zur Erkenntnis: in vielen Lebensabschnitten verbunden mit Schmerz und Leid?
Parzival
Eine wunderbare Entwicklung von Unwissenheit als «tumpen Thoren» bis zum edlen Ritter des Gralskönigs, zeigt uns der Ritterroman «Parzival» von Wolfram von Eschenbach. Thema dieses Vers-Epos ist das Heranreifen Parzivals zum vorbildlichen Ritter und Gralskönig, wobei der wie ein Leitmotiv erscheinende »zwîvel« (Zweifel, auch in religiöser Hinsicht) sich nach und nach zur »staete« (Beständigkeit) wandelt.
Schon zu Beginn klingt das religiöse Thema an. Parzivals Vater Gahmuret, der dem Artusgeschlecht entstammte, stürzte zwei Frauen ins Unglück, indem er sie verliess und auf einem Kreuzzug das Leben verlor: die »Mohren«-Königin Belcane mit dem gemeinsamen Sohn Feirefiz und Parzivals Mutter Herzeloyde aus dem Geschlecht der Gralskönige. Herzeloyde, die dem Sohn das Schicksal seines Vaters ersparen will, zieht ihn in der Wildnis gross und stattet ihn mit einer Mähre und einem Narrengewand aus. Aber sie kann nicht verhindern, dass er nach einer Begegnung mit Rittern ebenfalls nach »aventiure« (Abenteuer) dürstet.
Parzivals Entwicklung vollzieht sich analog zur Heilsgeschichte als Wandlung vom »tumben toren« zum Gralskönig, vom naiven Paradieszustand des Nicht-Wissens über den Sündenfall zur Erlösung. Durch naive Befolgung der Ratschläge, die man ihm gegeben hat, wird er mehrfach schuldig: an seiner Mutter Herzeloyde, die aus Schmerz über seinen Weggang stirbt, an der schlafenden Jeschute, der er Kuss und Brosche raubt, und an seinem Verwandten Ither, welchen er erschlägt, ohne zu wissen, wen er vor sich hat.
Bei seinem Onkel Gurnemanz durchläuft er die formale Ritterschule, wobei er dessen Ermahnung »ir sult niht vil gefragen« (ihr sollt nicht viel Fragen) falsch interpretiert. Nachdem er Condwiramurs als Gattin gewonnen und wieder verlassen hat, vermeidet er auf der Burg Munsalvaesche die durch die christliche Caritas gebotene Frage nach der tödlichen Wunde seines Onkels, des Gralskönigs Anfortas.
Hier haben wir das Motiv von angenommenen Verhaltensweisen durch das soziale Umfeld, auch der Schule, schön brav zu sein und zu folgen. Es braucht das Erwachen des Ichs, der Selbstverantwortung und der Intuition im Inneren zu folgen. Diese Lektion hat uns gerade auch die Corona Plandemie gezeigt, wie weit viele Menschen blindlings dem folgen, was von oben vorgeben wurde und jetzt einen Leidensweg wie Parzival durchmachen dürfen, um weiter zu wachsen und aufzuwachen im Ich.
Der doppelten Verfluchung durch seine Cousine Sigune und die Gralsbotin Cundrie folgt bei Parzival auf dem Weg zu seiner Läuterung ein trotziger Versuch, den Gral zu gewinnen: ohne Einsicht in seine Schuld. Erst nach der Begegnung mit dem idealen Ritter Gawan weist ihm sein Onkel, der Einsiedler Trevrizent, den Weg zu Reue und Gnade, und Parzival erhält Gelegenheit, seine ritterliche Reife unter Beweis zu stellen. Ein Zusammentreffen mit seinem heidnischen Halbbruder Feirefiz, der sich als Muster an Ritterlichkeit erweist, führt zu seiner Aufnahme in die Artusrunde. Als die Gralsbotin Parzival noch einmal nach Munsalvaesche ruft, stellt er seinem Onkel die erlösende Frage. Er gewinnt den Gral und »saelde« (irdisches und transzendentes Glück) und findet Condwiramurs wieder, die ihm inzwischen Zwillinge geboren hat.
Der Ritterroman Parzival zeigt einen Lebensweg, welcher durch viele Leiden und schmerzhafte Erfahrungen führt, um zur inneren Reife zu gelangen, vom tumpen Thoren bis zur Seligkeit in der Gralsburg.
Wer von uns kann sagen, dass er bereits so weit geläutert ist und sich entwickelt hat, dass der keiner Dummheit oder Unwissenheit mehr unterliegt? Könnte nicht auch im Sinne von Christus gesagt werden: Wer keine Unwissenheit der Dummheit mehr in sich hat, der werfe den ersten Stein?
Zur Entwicklung der Menschheit
Die Menschen sind auf verschiedenen Stufen ihrer Entwicklung. So zeigt sich Brüderlichkeit, wenn jemand sich weiterentwickelt oder meint, schon weiser und weiter entwickelt zu sein, sich um seinen Bruder kümmert, damit auch er weiterkommen kann.
In einer Geschichte sind zwei Wanderer auf dem Weg zum Paradies. Da kommen sie an eine Mauer, welche ihnen den Weg versperrt. Sie kommen nur weiter, wenn sie sich gegenseitig helfen. Der eine Wanderer nimmt den anderen auf die Schultern, und so kann dieser sich hochziehen und auf die Mauer gelangen. Nun kann der Wanderer welcher oben ist, dem andern, welcher unten ist helfen und ihn hochziehen auf die Mauer, so dass schlussendlich beide Wanderer weiterkommen.
Es könnte nun derjenige, welcher als erster oben auf der Mauer ist, sich über seinen Bruder lustig machen und ihn als Dummen auszulachen, weil er sich benutzen hat lassen, damit er selber weiterkommt und dann alleine weiter gehen. Andererseits kann auch derjenige welcher unten ist, sich weigern hochgezogen zu werden, weil er lieber unten bleiben will, und es ihm da besser gefällt.
Mit welchem Recht überheben wir uns über unsere Brüder und Schwestern und verurteilen sie als Dumme, welche zurückgeblieben sind und nicht so weit sind wie wir? Diejenigen, welche sich weiter entwickelt haben, können hochmütig auf die niederen, dummen Kreaturen hinunterschauen und sie verurteilen oder belächeln - oder aber sich verneigen vor dem Leben unter uns, im Sinne der Fusswaschung von Christus.
Dazu passend ein Gedicht von Christian Morgenstern (1871 – 1914):
Die Fusswaschung
Ich danke dir, du stummer Stein,
und neige mich zu dir hernieder:
Ich schulde dir mein Pflanzensein.
Ich danke euch, ihr Grund und Flor,
und bücke mich zu euch hernieder:
Ihr halft zum Tiere mir empor.
Ich danke euch, Stein, Kraut und Tier,
und beuge mich zu euch hernieder:
Ihr halft mir alle drei zu Mir.
Wir danken dir, du Menschenkind,
und lassen fromm uns vor dir nieder:
weil dadurch, dass du bist, wir sind.
Es dankt aus aller Gottheit Ein -
und aller Gottheit Vielfalt wieder.
In Dank verschlingt sich alles Sein.
Ein wahrhaftiger Mensch entwickelt die Liebe und Dankbarkeit zu allen Wesen und bemüht sich so lange, bis auch die letzten Wesen so weit sind, um gemeinsam weiter zu kommen: Denn wir sind eine Menschheitsfamilie.