Wie Krieg entsteht - und eine grosse Gemeinschaft in verfeindete Lager zerfällt
Im ugandischen Kibale-Nationalpark haben Forschende seit 1995 die grösste bekannte Gruppe wildlebender Gemeiner Schimpansen mit rund 200 Tieren beobachtet.

Bis 2015 herrschten innerhalb der Gemeinschaft wechselnde Allianzen, Freundschaften und Hierarchien. Am 24. Juni 2015 kam es erstmals zu einem Zusammenstoss zweier Lager im Zentrum des Territoriums. Die westlichen Schimpansen flohen vor den zentralen und es folgte eine sechswochige Phase der Meidung – ein bisher unbekannt langes Verhalten.

Ab 2016 begannen Männchen der westlichen Gruppe mit Patrouillengängen, ab 2017 reagierte die andere Seite gleichermassen. Aus dem gemeinsamen Gebiet entstand eine klare Grenze. Die Tiere vermehrten sich nur noch innerhalb der eigenen Gruppe. 2018 war die Spaltung vollzogen: Die westliche Gruppe umfasste 10 Männchen und 22 Weibchen ab zwölf Jahren, die zentrale Gruppe 30 Männchen und 39 Weibchen.

Danach eskalierte die Gewalt. Überraschenderweise gingen alle Angriffe von der kleineren westlichen Gruppe aus. Sieben erwachsene Männchen der zentralen Gruppe wurden getötet. Ab 2021 richteten sich die Angriffe auch gegen Jungtiere: Bis 2024 starben 17 Junge durch westliche Schimpansen, 14 weitere Tiere der zentralen Gruppe verschwanden spurlos.

Die Studie, veröffentlicht im Fachjournal «Science», zeigt, dass Schimpansen ein starkes Gefühl für Gruppenzugehörigkeit entwickeln können. Individuen, die früher zusammen lebten, sich pflegten und patrouillierten, wurden wegen ihrer neuen Lagerzugehörigkeit angegriffen und getötet. Mögliche Auslöser waren die extreme Gruppengrösse, Todesfälle und eine Epidemie 2017, welche soziale Bande schwächten.Die Beobachtungen erinnern an frühere Fälle, etwa jenen von Jane Goodall in den 1970er-Jahren, und werfen Licht auf grundlegende soziale Prozesse, die auch bei der Entstehung menschlicher Konflikte eine Rolle spielen könnten. Sie deuten darauf hin, dass Kriege nicht allein durch kulturelle Faktoren wie Sprache oder Politik erklärt werden können, sondern tiefer in sozialen Mechanismen wurzeln. Die Forscher sehen darin auch Hinweise, wie solche Eskalationen möglicherweise vermieden werden können.