Selbst Teil des politischen Mainstreams, hinterfragt Rose, was falsch gelaufen ist, dass der Einfluss der etablierten Kräfte sinkt und kaum noch Vertrauen in Personen und Institutionen besteht. Wie kann man das Vertrauen der Menschen zurückgewinnen? Und gibt es diese Chance überhaupt noch? Roses Antwort: Ja, wenn sich Politik verändert. Dafür muss die politische Mitte „All in“ gehen, denn es geht um die Demokratie, wie wir sie schätzen.
Über den Autor:
Fedor Rose ist ein deutscher SPD-Politiker und hauptberuflich Staatssekretär. Er ist bis zum 18. Mai 2026 noch Chef der Staatskanzlei Rheinland-Pfalz und danach soll er die Staatssekretärsposition im Ministerium der Finanzen übernehmen, das die SPD-Ressorts in der neuen Landesregierung koordinieren wird. Er ist Policy Fellow am Berliner Think Tank «Das Progressive Zentrum». Er publiziert regelmässig in der überregionalen Presse und lehrt an der Universität Mainz.
Aus der Einleitung:
»All in«: Dieser Begriff aus der Welt des Pokerspiels bezeichnet die strategische Entscheidung eines Spielers, seinen gesamten verbleibenden Einsatz auf einen einzigen Spielzug zu setzen. Sie wird entweder getroffen, weil das eigene Blatt stark genug ist, um mit hoher Wahrscheinlichkeit zu gewinnen oder weil der verbleibende Spielraum so gering ist, dass weiteres Abwarten den sicheren Verlust bedeutet. Übertragen auf den politischen »Mainstream«, wie die etablierten politischen Kräfte in Deutschland in diesem Essay in Anlehnung an den Publizisten Anton Jäger bezeichnet werden sollen, beschreibt »All in« die strategische Option des Moments. Entweder verfügt er noch über ausreichend Substanz, institutionellen Rückhalt und gesellschaftliche Anschlussfähigkeit, um mit einer entschlossenen Offensive das erodierende Vertrauen zurückzugewinnen, oder er steht schon mit dem Rücken zur Wand und hat keine andere Wahl mehr als seine schwindende Autorität ein letztes Mal einzusetzen.
In beiden Fällen ist das Bild vom »All-in«-gehen als strategische Zuspitzung der politischen Auseinandersetzung zu verstehen, die sowohl den Gegnern als auch den eigenen Anhängern signalisiert, dass die Phase des taktischen Geplänkels ein Ende gefunden hat. Wenn es »der« politischen Mitte nicht gelingt, aus ihrem Trott auszubrechen, wird sie weiter verlieren. Der alte Mainstream, über den ich hier schreibe, umfasst SPD, CDU, Grüne und FDP, wobei für Letztere die weitere Entwicklung noch nicht absehbar ist: ob sie einen Weg als Kraft des politischen Liberalismus einschlägt oder sich rechter und libertärer positioniert. (...)
Natürlich fällt es schwer, »die Mitte« – und damit aktuell auch noch »den Mainstream« – sinnvoll zu charakterisieren. Der Soziologe Claus Leggewie, dessen Analyse mir zielführend scheint, versteht darunter einen politischen und gesellschaftlichen Integrationsraum, der unterschiedliche Interessen, Milieus und Wertorientierungen innerhalb des demokratischen Spektrums zusammenbindet. Wenn die Mitte gemeinsam agiert – auch bei politischen Divergenzen – stiftet sie soziale Ordnung und politische Orientierung. Sie muss als ein dynamisches Zentrum begriffen werden, das auf Ausgleich und prinzipielle Koalitionsfähigkeit aller demokratischen Kräfte zielt.
Ihre Funktion besteht darin, gesellschaftliche Gegensätze politisch zu verarbeiten, ohne sie zu eskalieren oder zu unterdrücken. Historisch war die Mitte immer dann stark, wenn Beteiligung, Responsivität und Repräsentation ineinandergreifen. Der Soziologe Frédéric Martel versteht in seinem Buch Mainstream unter diesem Begriff eine dominante, auf ein breites Publikum zielende kulturelle und mediale Produktion, die darauf ausgerichtet ist, möglichst viele Menschen zu erreichen und gesellschaftliche Deutungsmuster zu prägen.
Als Staatssekretär und Politiker schreibe ich über den politischen Mainstream mit dem Blick von innen. Zudem habe ich erst vor kurzem die Erfahrung einer Niederlage im demokratischen Wettbewerb gemacht. Bei der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz 2026 musste ich hautnah erleben, wie die gesellschaftlichen Entwicklungen, die ich in diesem Essay betrachte, eine lange Regierungszeit für eine Kraft des politischen Mainstreams, die SPD, beenden. Ich durfte an der Seite unseres Ministerpräsidenten Alexander Schweitzer wirken, der das Amt mit Ernsthaftigkeit, Bodenhaftung und einem klaren Verständnis für die Lebensrealität der Menschen ausgefüllt hat. Er symbolisiert die Politik, um die es hier geht. Eine Politik, die zuhört, die abwägt und die auch in die Verantwortung geht. Seine persönliche Zustimmung war hoch und dennoch stand am Ende eine Niederlage.
Diese Diskrepanz verweist auf ein tieferliegendes Problem, das über Rheinland-Pfalz hinausreicht und mich motiviert hat, das Projekt des vorliegenden Essays weiterzuverfolgen. Das Ergebnis bei den Landtagswahlen war vor allem der Ausdruck einer Entwicklung, die die Sozialdemokratie seit Jahren begleitet und die den politischen Mainstream insgesamt unter Druck setzt. Die Marke SPD trägt historische Erwartungen in sich, die heute oft nicht mehr oder nur noch sehr selten eingelöst werden.
Sie steht für soziale Sicherheit, für Aufstieg durch Leistung, für Verlässlichkeit im Wandel. In der Wahrnehmung vieler Wählerinnen und Wähler ist die Assoziation jedoch brüchig geworden und die Kernkompetenz dieser eigentlich stolzen Kraft des politischen Mainstreams schmilzt dahin. Politik erscheint zu oft als abstrakt, als technokratisch, als von den eigenen Milieus geprägt und auf diese verengt. Das Vertrauen der Menschen lebt aber von der Nähe und vom Gefühl, dass politische Entscheidungen ihre Lebenswirklichkeit tatsächlich verändern. Hinzu kommt eine strukturelle Verschiebung der Konkurrenz, mit der sich der Mainstream konfrontiert sieht.
Der ehemalige rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck fasste mit Blick auf die Gefühlslage derjenigen, die die SPD-Führung der Landesregierung auch über das 35. Jahr hinaustragen wollten und an diesem Abend so bitterlich enttäuscht worden waren, treffend zusammen: »Man braucht ein paar Stunden, um das zu überwinden. Aber das schwingt bei der Demokratie eben mit, dass man gewinnen oder verlieren kann.«
In diesem Essay geht es auch darum, dass die klassischen Volksparteien sich in einem schrumpfenden Raum bewegen, während neue Kräfte klare, zugespitzte Angebote formulieren und damit einerseits Wählerinnen und Wähler erreichen, die sich entweder vom Mainstream abgewandt haben, sowie andererseits ehemalige Nichtwähler mobilisieren können. Diese Dynamik lässt sich durch Popularität an der Spitze allein kaum kompensieren. Persönlichkeiten können Ver- trauen bündeln und Wahlen prägen. Doch strukturelle Erosionen ver- mögen sie nur begrenzt aufzuhalten. (...)
Mein Essay ist getragen von der Überzeugung, dass der politisch Mainstream eine Zukunft hat. Trotz aller Kritik und Weltuntergangsstimmung, die derzeit umgeht, steht die Zukunft nicht fest, wie auf einer Rutschbahn. Obwohl wir uns in einer zugespitzten politischen Lage befinden, steht eine große Mehrheit immer noch für die Werte der liberalen Demokratie ein. Das Gute ist, dass wir die Entwicklungen in Politik und Gesellschaft gestalten können. Doch um das als politischer Mainstream zu tun, müssen wir aktiv handeln. Gewiss ist, dass ein bloßes Fortschreiben des Status quo zu Verschärfungen bestehender Probleme führen wird. Andere Wege zu finden, darum geht es in diesem Buch. Die Analyse schmerzt mich an vielen Stellen, denn sie hinterfragt selbstkritisch, welche Weichen in den letzten Jahrzehnten falsch gestellt worden sind. Doch es hilft nichts. Dieser Realität müssen wir uns stellen – »All in«.
Fedor Rose: „All in. Wie Mainstream-Politik wieder Mehrheiten gewinnen kann“, 144 Seiten, Westend Verlag, 15.6.2026, westendverlag.de/All-in/2380