Wenn der Körper nicht mehr kann
Warum Vertrauen keine spirituelle Idee, sondern eine Überlebensstrategie ist
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Ein überlastetes Nervensystem schaltet nicht aus Schwäche herunter, sondern aus Schutz. Foto: Shutterstock

Viele Menschen, die unter chronischer Erschöpfung oder anhaltenden Schmerzen leiden, kennen diesen Zustand: Der Körper macht nicht mehr mit. Nicht plötzlich, sondern schleichend. Oft nach Jahren des Funktionierens, Durchhaltens, Sich-Zusammenreissens.

Medizinisch lassen sich häufig Diagnosen finden. Und doch bleibt für viele Betroffene ein Gefühl zurück, das sich kaum in Laborwerte übersetzen lässt:

Ich kann nicht mehr – und weiss nicht, wie es weitergehen soll.

Wenn Erschöpfung nicht durch Pausen verschwindet

Chronische Erschöpfung ist kein vorübergehendes Müdesein. Sie verschwindet nicht durch Urlaub, Schlaf oder gute Vorsätze. Viele Betroffene berichten, dass selbst kleine Alltagsanforderungen plötzlich zu viel werden. Entscheidungen fallen schwer. Der Körper reagiert sensibel, manchmal unberechenbar.

Was dabei oft übersehen wird: Erschöpfung ist nicht nur ein energetischer Mangel – sie ist häufig ein Signal des Nervensystems, dass Sicherheit verloren gegangen ist.

Der Körper als Schutzinstanz

Ein überlastetes Nervensystem schaltet nicht aus Schwäche herunter, sondern aus Schutz.
Wenn Reize, Anforderungen oder innere Spannungen über längere Zeit zu gross waren, reduziert der Körper seine Kapazitäten. Nicht gegen den Menschen, sondern für ihn. Diese Perspektive verändert den Umgang mit Erschöpfung grundlegend. Statt den Körper zu drängen, wieder zu funktionieren, entsteht Raum für eine andere Frage:

Was braucht mein System, um sich wieder sicher zu fühlen?

Vertrauen – Nicht als Technik, sondern als innere Haltung

In Krisenzeiten suchen viele Menschen nach Methoden, die schnelle Lösungen versprechen. Doch gerade bei chronischen Zuständen greifen solche Ansätze oft zu kurz. Vertrauen meint hier nicht Optimismus oder positives Denken. Es ist vielmehr eine innere Entscheidung, den Kampf gegen den eigenen Zustand zu beenden.

Ein Satz, der Betroffenen in solchen Phasen Orientierung geben kann, lautet:
«Ich entscheide mich für Vertrauen.»

Nicht, weil alles gut ist.
Sondern weil ständiger innerer Widerstand zusätzliche Energie kostet – Energie, die dem Körper dann fehlt.

Dankbarkeit ohne Verdrängung

Ein zweiter Satz, der in der Begleitung von Menschen mit Erschöpfung hilfreich sein kann, lautet:
«Ich danke für die beste Lösung.»

Auch dieser Satz ist kein magisches Versprechen. Er öffnet vielmehr einen inneren Raum, in dem nicht sofort entschieden werden muss, wie diese Lösung aussieht. Für viele Betroffene ist das entlastend: Nicht alles verstehen zu müssen. Nicht sofort handeln zu müssen. Sondern dem Prozess zu erlauben, sich Schritt für Schritt zu zeigen.

Heilung als Prozess der Rückverbindung

In der Begleitung chronisch erschöpfter Menschen zeigt sich immer wieder: Nachhaltige Stabilisierung entsteht nicht durch Beschleunigung, sondern durch Verlangsamung. Wenn der Körper wieder als Verbündeter wahrgenommen wird, kann sich etwas lösen.
Nicht plötzlich. Aber spürbar.

Vertrauen ist in diesem Zusammenhang kein spirituelles Ideal. Es ist eine realistische, körpernahe Strategie, um dem Nervensystem die Sicherheit zurückzugeben, die es braucht, um wieder Kraft aufzubauen.


Dorothea Bautz-John leistet Begleitung bei chronischer Erschöpfung und Schmerzen

 

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