Auf der Suche nach dem Wesentlichen
Weich im Wesentlichen landen – ist das überhaupt möglich? Vielleicht doch, wenn man zuvor die Fassung verloren hat oder die Sicherheit, wenn man bestehende Narrative zu hinterfragen bereit ist, bisherige Annahmen, wie die Welt oder wie die Menschen zu sein haben. Vielleicht doch, wenn man sich einlässt auf das Ungewohnte, auf das noch-nicht-Fertige, auf das noch-nicht-Geborene…
...

Überraschung*

Ein Mensch 
hat seine Fassung verloren 
und sich vergessen

Er ist gestürzt 
auf den Boden der Tatsachen 
und dabei 
im Wesentlichen 
weich gelandet
 


Aber was ist eigentlich das Wesentliche? 

Meistens verbinden wir es mit Sinnsuche (wer bin ich? wozu bin ich hier? was ist meine Aufgabe?), mit Ganzheit und Verbundenheit (also dem Gefühl, Teil seines grösseren Ganzen zu sein), mit Selbstverwirklichung (sein eigenes Potenzial leben können, sozusagen die «beste Version seiner selbst» zu sein) und mit Stimmigkeit und Kohärenz, also dem friedvollen, be-fried-igenden Gefühl von Sinnhaftigkeit, Verstehbarkeit und Machbarkeit. 

Wenn das nur so einfach wäre! Wir sind ja keine ungeschriebenen Blätter, die im positiven Sinn ihre «Fassung verlieren». Wir sind geprägt von den Familiengeschichten, von frühkindlichen Erfahrungen (ein japanisches Bonmot sagt: Die Seele eines Dreijährigen bleibt ihm 100 Jahre…), von Verletzungen und biografischen Zäsuren. Ja, wir kommen schon «beschrieben» auf die Welt, aber können uns immer wieder weiterentwickeln, aus der bisherigen «Fassung» herausdrehen. 

Interessant ist: «Du kommst auch noch auf die Welt» hat meistens eine negative Konnotation. Wem wir das sagen, schreiben wir oft Naivität, zu viel blühende Fantasie oder Leichtgläubigkeit zu, obwohl das Wort «Naivität» etymologisch positiv verankert ist: Ursprünglichkeit, Unbefangenheit und Kindlichkeit.

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Limitierungen und Grösse des Menschen…

Albert Camus wird folgendes Zitat zugeschrieben: «Die Grösse des Menschen liegt in seiner Entscheidung, stärker zu sein als das, was ihn bestimmt.»

Es macht mich nachdenklich, fasziniert mich, lässt mich neugierig werden. Und bisher angenommene Limitierungen («meine Mutter war halt so…» , «der ist unser Feind und wir sind auf der moralisch guten Seite…», «so und nicht anders ist es richtig…», «wenn die es sagen, muss es ja stimmen…») hinterfragen und nach einer neuen Sprache suchen für das, was Mensch-sein und Leben ausmacht. 

…und seine Sprache

Sprache schafft Wirklichkeit, Sprache definiert Identität und Wirklichkeit, Sprache gibt den Raum für die Weite oder Enge des zulässigen Meinungskorridors. Sprache grenzt ab oder sogar aus. Und sie zeigt, wie menschlich oder wie verroht eine Gesellschaft und der in ihr geführte Diskurs ist. 

Worte werden in ihrer Bedeutung verdreht wie beim «Neusprech» in Orwells Dystopie «1984» («Krieg ist Frieden…») oder durch stigmatisierende oder verharmlosende Zuschreibungen missbraucht. So ist «Kriegstüchtigkeit», ein wiederholt benutzter Begriff von Josef Göbbels, Hitlers Propagandaminister, im Diskurs längst salonfähig geworden, ganz zu schweigen von der inflationär gebrauchten Stigmatisierung als «Nazi» für alle mögliche Meinungen gegen den Mainstream, unabhängig davon, dass die früheren klassischen Zuschreibungen von «links» und «rechts» längst nicht mehr so klar sind. Und bisweilen ist in den Medien im Zusammenhang mit der Ukraine sogar schon von der «Friedensangst» zu hören, nicht nur von der Rüstungsindustrie geäussert... 

Aber der Mensch ist stärker als das, was ihn bestimmt, als die Sprache, die ihm gelehrt wird, als die Prägungen, mit denen er konfrontiert ist, sofern er sich dafür entscheiden kann. So meinte es wohl Camus, der grosse Existenzphilosoph.

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Chance der Krisenzeit und die Kunst des Lebens

Vielleicht ist die Krisenzeit jetzt auch die Chance für Veränderungen im Zusammenleben, für ein neues Denken. Ich bin keine Frau, kenne also den Geburtsschmerz nicht. Aber es scheint so zu sein: Auch einer Neugeburt im Denken gehen oft schmerzhafte Wehen voraus, Zeiten der Verunsicherung und der Desillusionierung. 

Ich möchte wieder gestalten, mein Leben, das was mir wichtig ist, die grosse und kleine Welt, die mich umgibt. Ich möchte wieder im Wesentlichen landen, neu geboren werden – und ab jetzt eine andere Geschichte schreiben…


Lebenskunst

Eigene Herkunft und Kultur 
als Bereicherung erleben 
ohne an ihr zu ersticken

Treu sein 
ohne die Dinge 
gleich zu machen 

Denselben Namen tragen 
aber 
eine andere Geschichte schreiben. 
 

*Gedichte aus: Wolfgang Weigand, Das mit der Liebe und anderen Dingen – Königshausen & Neumann, Würzburg 2025

Wolfgang Weigand

Wolfgang Weigand
Wolfgang Weigand

Wolfgang Weigand (*1966) in Schweinfurt (Deutschland) ist dipl. Theologe (Univ.) & dipl. Erwachsenenbildner, Kabarettist und Autor und seit 2001 selbständig in Winterthur als Seminarleiter, Theologe und Autor tätig.
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Von Wolfgang Weigand sind mehrere Bücher erschienen, zuletzt «Das mit der Liebe und anderen Dingen».

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