Bis zur «Endlösung»
Sieben Gemeinsamkeiten Israels mit dem Nationalsozialismus
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Werden eines Tages Palästinenser die Gedenkstätten eines israelischen Genozids besuchen? KI-generiertes Bild.

Als die beiden höchsten Katholiken im Heiligen Land, Kardinal Pierbattista Pizzaballa und der Franziskaner Francesco Ielpo, am Palmsonntag vor Ostern in der Grabeskirche von Jerusalem den Palmsonntagsgottesdienst feiern wollten, wurden sie von israelischen Sicherheitskräften am Zugang zur Kirche gehindert. Sodass sie die Messe an einem anderen Ort durchführen mussten.

Noch nie in jüngerer Zeit war den christlichen Gläubigen der Zugang zu ihrer Kirche verweigert worden. Das Verbot wurde mit «Sicherheitsgründen» als Folge des Iran-Kriegs erklärt. Gleichzeitig war auch die Al Aqsa-Moschee für die arabischen Gläubigen abgesperrt worden. 

Was sagt uns dieser vorösterliche Vorfall? Jerusalem war seit jeher ein heiliger Ort. Gläubige aus aller Welt pilgern zu den Heiligen Stätten - die Christen zur Grabeskirche, die Juden zur Klagemauer, die Muslime zur Al-Aqsa-Moschee. Wenn sich Israel nun das Recht herausnimmt, nicht nur die Moslems zurückzuweisen, sondern zum ersten Mal auch christliche Repräsentanten, dann will es damit demonstrieren: Wir bestimmen, wer die heiligen Stätten betreten darf. Nicht nur die Moslems, auch die Christen bedürfen unserer Gunst. 

Denn der Boden, auf dem die christliche Kirche steht, gehört uns.

Die Palästinenser kennen diese Mentalität. Sie kennen sie seit bald 80 Jahren. Ihnen gehört das Westjordanland, und eigentlich wäre Jerusalem ihre Hauptstadt. Aber das interessiert die Zionisten von Israel nicht. Jerusalem wird von Israel kontrolliert, ebenso wie bereits ganze Teile der Westbank israelisch besetzt sind. Immer neue jüdische Siedlungen werden errichtet. Die Palästinenser sind machtlos.

Ihnen gehört auch Gaza. Aber das interessiert die Zionisten von Israel nicht. Der tragische 7. Oktober 2023 lieferte Israel den zynischen Vorwand, den Gazastreifen zurückzuerobern.

Doch damit noch nicht genug. 

Der Südlibanon gehört den Menschen im Libanon. Und würde Israel eine andere Politik in Palästina betreiben, eine Politik der friedlichen Koexistenz, dann würde die Hisbollah keine Raketen aus dem Südlibanon auf Israels Norden abfeuern. So aber glaubt sich Israel, ebenso wie in Gaza, im Recht, sich zu verteidigen. Und «Verteidigung» im zionistischen Sprachgebrauch bedeutet Angriff auf breitester Front. 

Die IDF (Israel Defense Forces), besser bekannt als IOF (Israel Occupation Forces), bombardiert inzwischen seit Wochen nicht nur Stellungen der Milizen im Südlibanon, sondern auch immer wieder die Hauptstadt Beirut. Und während die Opfer der Hisbollah-Raketen in Nordisrael an einer Hand abgezählt werden können, haben die israelischen Luftschläge auf den Libanon bisher schon über 1 300 Tote und 3 700 Verletzte gefordert.

Doch damit nicht genug. 1 300 000 Menschen aus dem Südlibanon befinden sich auf der Flucht. Nach israelischen Drohungen, man könne für ihr Leben nicht garantieren, verliessen sie ihr Zuhause, ihr Hab und Gut, um weiter nördlich eine Zuflucht zu finden. Bis über den Fluss Zahrani hinaus sollen die Menschen weichen. Das bedeutet, dass eine rund 50 km breite Zone von der Grenze Israels in nördlicher Richtung geräumt werden soll, in die das israelische Militär ungehindert vorstossen kann. 

Den Geflüchteten wird jede Hoffnung genommen, sie könnten jemals wieder in ihr Zuhause zurückkehren. Alle Dörfer nahe der Grenze zu Israel werden unbewohnbar gemacht. Aber auch weiter nördlich herrscht Todesgefahr.

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Dass die IOF bis zum Fluss Zahrani hinauf freie Hand haben will, hat mit einem anderen Fluss zu tun, der nur 30 km von Israels Grenze entfernt ist und quer durch das Land bis zum Meer verläuft: der Litani. 

Er ist die wichtigste Wasserressource des Libanon. Aber das interessiert die Zionisten von Israel nicht. Aus ihrer Sicht gehört der Fluss im Grunde zu Israel. Aus ihrer Sicht ist das ganze Gebiet von Israels nördlicher Grenze bis zum Litani israelisches Territorium. Flüsse bilden eine natürliche Grenze, und schon der Staatsgründer Israels, David Ben-Gurion, bezeichnete den Litani als die einzige verteidigungsfähige Grenze im Norden. Die Zionisten haben deshalb nie aufgegeben, auf den Litani zu spekulieren. Inzwischen hat nun auch ein Regierungsmitglied, Finanzminister Bezalel Smotrich, öffentlich ausgesprochen, der Fluss solle Israels neue Nordgrenze werden. 

Das ist der Grund, warum der südliche Libanon mit Luftangriffen und Bodentruppen zerstört wird: Um die ganze Region ohne Widerstand annektieren zu können. Eigentlich unterliegt das Gebiet der Kontrolle der UNO. Blauhelmsoldaten sind dort stationiert. Aber das interessiert die Zionisten von Israel nicht. Während der Verteidigungsminister eine Kontrolle des gesamten Südlibanon bis zum Litani verfügte, planen zionistische Gruppen bereits eine israelische Wiederansiedlung des geräumten Gebiets. 

Unterdessen hat die Okkupationsarmee am Litani mehrere Brücken, die den Südlibanon mit dem Norden verbinden, unpassierbar gemacht. Das alles geschieht im Schatten des Krieges mit dem Iran. Von der israelischen Strategie der «verbrannten Erde» im Libanon erfährt die Welt wenig. Für die Zionisten von Israel verläuft, wie schon bei Gaza, alles nach Plan.
Was aber ist der Plan?

Es ist derselbe Plan wie seit der Gründung des Staates Israel. Nur war die Zeit damals noch nicht reif. Die nach Israel strömenden Juden mussten sich zunächst noch mit 55 % des Gebietes von Palästina zufriedengeben. Wenige Jahre später kontrollierten sie bereits 78 %. Die übrig gebliebenen 22 % umfassen seither das Westjordanland und Gaza. Da Israel den Gazastreifen für immer besetzt halten will und auch die Westbank Siedlung für Siedlung erobert wird, schmelzen die 22 % immer mehr Richtung Null. Dann werden die Zionisten von Israel über ganz Palästina herrschen.

Doch der Plan geht darüber hinaus. Mit dem Südlibanon greifen sie auf ein Gebiet ausserhalb Palästinas. Und bereits 1967 haben sie sich auch die Golanhöhen gekapert. Die Golanhöhen gehören eigentlich Syrien.

Aber das interessiert die Zionisten von Israel nicht. Massgebend ist für sie nur, was die Bibel sagt. In den Büchern Mose steht, dass der jüdische Gott den Israeliten ein Land versprach, das nicht nur das heutige Palästina, sondern auch angrenzende Territorien der Staaten Libanon, Syrien, Irak und Jordanien miteinschliesst. Hätten die Zionisten die militärische Macht, würden sie morgen schon, nach ihrem Raubzug im Libanon, auch Syrien, Irak und Jordanien angreifen.

Unter Missachtung staatlicher Grenzen.

Aber das interessiert die Zionisten von Israel nicht. Ihr Traum und ihr historisches Ziel ist «Grossisrael». Das Gelobte Land. Und weil sie glauben, ihr Ziel sei von ihrem jüdischen Gott gesegnet, sind sie davon überzeugt, dass ihnen alles erlaubt ist. Sie glauben, das heilige Recht zu haben, über Leichen zu gehen. Über Berge von arabischen Leichen.

Sie glauben, sie dürfen dasselbe tun, was ihnen angetan wurde. Es interessiert sie nicht, dass sie die neuen Herrenmenschen geworden sind. Die «Arier» des Nahen Ostens.  

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In ihrer Vorstellung wäre Grossisrael allein Menschen jüdischer Abstammung vorbehalten. So wie das «Grossdeutsche Reich» der Nationalsozialisten allein für Menschen deutscher Abstammung vorgesehen war. Das ist die erste Parallele zu Nazideutschland.

Damit das ersehnte Grossisrael jemals Wirklichkeit werden kann, muss das Land von allen nicht-jüdischen Elementen gesäubert werden. Im südlichen Libanon genügt die Vertreibung der Menschen. Sie finden Zuflucht im Nordlibanon. Doch das palästinensische Volk kann nirgends hin fortgejagt werden – und es wehrt sich für seine Heimat.

Hier mussten andere Mittel ergriffen werden.

Das von der Hamas regierte Gaza war den Zionisten schon lange ein Dorn im Auge, und sie wussten die Bevölkerung Israels hinter sich. Aber es fehlte der Funke, der den Hass auf die ungefügigen Palästinenser in Flammen setzte.  

Nach der Terroraktion der Hamas am 7. Oktober 2023 – deren wahres Ausmass nach wie vor nicht geklärt ist – ertönte der Schlachtruf der Zionisten, Gaza müsse dem Erdboden gleichgemacht werden. In ganz Israel stiess der Ruf nach totaler Zerstörung auf breiteste  Zustimmung – obwohl er im Grunde bedeutete, dass dabei auch die Menschen von Gaza getötet würden.

Der Einmarsch der israelischen Truppen führte schon am ersten Tag zu den ersten zivilen Opfern. Wenige Tage später war die Zahl der 1 200 israelischen Opfer vom 7. Oktober bereits übertroffen. Darauf folgte – wie wir alle wissen – eine Spirale des Todes, die schon sehr bald eine schreckliche Systematik erkennen liess: Jeder israelische Luftangriff nahm den Tod Unschuldiger ohne Rücksicht in Kauf.

Über 72 000 Palästinenser sind seither in Gaza getötet und über 170 000 verletzt worden. Organisationen der UNO ebenso wie Amnesty International oder Ärzte ohne Grenzen gelangten deshalb zum bitteren Schluss: Was Israel in Gaza, ist ein Völkermord. Ein «Genozid». Derselbe Ausdruck wird für die Judenvernichtung im Zweiten Weltkrieg verwendet. Die zweite Parallele zu Nazideutschland.

Natürlich haben die Nationalsozialisten eine unermesslich viel grössere Zahl von Menschen getötet. Doch das Prinzip bleibt in beiden Fällen dasselbe. Genozid bedeutet, ein Volk systematisch zu dezimieren. Durch Vertreibung, Aushungern und Ermordung. Das ist in Gaza geschehen und geschieht immer noch.

Im gleichen Zeitraum sind auch im palästinensischen Westjordanland über 1000 Menschen vom israelischen Militär getötet worden. Viele weitere Tausende wurden verletzt. Und jede Annektierung von palästinensischem Land ist begleitet von neuen Erschiessungen.

Doch während die Armee im Westjordanland Schritt für Schritt vorgehen muss, hat sie den Gazastreifen flächendeckend zerstört und besetzt. Das offenkundige Ziel war die 100%ige Säuberung. Aussagen israelischer Politiker und Regierungsmitglieder bestätigen diese Absicht. Sie gaben der Hoffnung Ausdruck, die noch verbliebenen 2 Millionen Bewohner des Küstenstreifens für immer aus Gaza verbannen zu können. Mit Siedlern aus Israel soll das Gebiet danach wiederaufgebaut und besiedelt werden.

Die massiven weltweiten Proteste haben die Vollendung des Plans bisher vereitelt. Kein Staat war bereit, die menschliche Hypothek eines ganzen Volkes zu übernehmen. Israelische Sondierungsgespräche mit Uganda, Südsudan und Somaliland blieben ergebnislos.

Alle diese drei Staaten liegen im südlichen Afrika und damit nicht weit entfernt von Madagaskar. Hier finden wir eine dritte Parallele zu Nazideutschland: Kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs verfolgte das NS-Regime den ernsthaften Plan, vier Millionen Juden nach Madagaskar zu deportieren. Das wahnsinnige Vorhaben scheiterte an der weiteren Kriegsentwicklung. Trotzdem möchten Israels Zionisten dasselbe tun, wie es die Nazis damals mit den Juden Europas beabsichtigt hatten. Sie möchten ein ganzes Volk in die Wüste schicken. Wer in Gaza bleiben will, muss damit rechnen, an Mangelernährung zu sterben oder getötet zu werden.

Die internationale Verurteilung und erste Bedenken aus Washington haben Israel stattdessen genötigt, einen Waffenstillstand zu schlucken und die noch lebenden Bewohner von Gaza leben zu lassen. Was aber geschah tatsächlich? Die Armee trieb die Menschen in den Südteil von Gaza, wo zwei Millionen Vertriebene nun auf engstem Gebiet zusammengepfercht vegetieren.

Hier finden wir eine vierte Parallele zu Nazideutschland:  Auch die osteuropäischen Juden wurden seinerzeit von den Nazis in Gettos zusammengetrieben. Und so wie die ss kontrollierte, was in die abgeschotteten Judenviertel hinein und hinaus durfte, bestimmt allein Israel, wie viele Lebensmittel und Medikamente ins Getto von Gaza gebracht werden dürfen und wer es verlassen darf.

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Eigentlich verbietet sich jeder Vergleich der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie mit der Säuberungspolitik der Zionisten von Israel. Die Dimensionen liegen zu weit auseinander. Aber unabhängig davon, ob Zehntausende oder Hunderttausende sterben – die Parallelen sind da. Die Mentalität ist dieselbe. Und sie ist am deutlichsten spürbar in der Haltung der Herrenmenschen gegenüber den Opfern.

Wie wir alle im Geschichtsunterricht gelernt haben, waren die Juden für die Nationalsozialisten keine ebenbürtigen Menschen. Juden wurden bezeichnet als «Untermenschen», «Bazillen», «Ratten», «Ungeziefer» und «Parasiten». Nicht alle Nazis redeten so primitiv, aber alle hatten dieselbe verächtliche Haltung: Menschen jüdischer Abstammung sind eine minderwertige Rasse.

Wie aber reden Juden von Palästinensern?

Schon vor dem 7. Oktober 2023 hätte man die folgenden Ansichten finden können. Aber sie wurden noch nicht so offen geäussert. Nach der Terroraktion der Hamas jedoch hielten sich die Hardliner nicht mehr zurück. Sie sagten laut, was sie dachten:

Der Gazastreifen soll zu einem «Ort werden, an dem kein menschliches Wesen mehr existieren kann».
Generalmajor a.D Giora Eiland am 12. Oktober 2023

«Die gesamte Infrastruktur des Gazastreifens muss bis auf die Grundmauern zerstört werden und der Strom muss sofort abgestellt werden. Der Krieg richtet sich nicht gegen die Hamas, sondern gegen den Staat Gaza.» 
May Golan, Ministerin für soziale Gleichberechtigung am 7. Oktober 2023

«Wir machen alles (in Gaza) platt, so wie es heute in Auschwitz ist.» 
David Azoulay, Stadtrat der nordisraelischen Stadt Metula im Dezember 2023

«Jetzt haben wir alle ein gemeinsames Ziel – die Auslöschung des Gazastreifens vom Antlitz der Erde.» 
Nissim Vaturi, stellvertretender Sprecher des israelischen Parlaments am 7. Oktober 2023

«Die Kinder und Frauen müssen getrennt und die Erwachsenen in Gaza eliminiert werden. Wir sind zu rücksichtsvoll.»
Nissim Vaturi im Februar 2025, in dem er die Palästinenser auch als «Untermenschen» bezeichnete und sagte, dass das Westjordanland das nächste Gaza sein werde.

«Der Gazastreifen sollte eingeebnet werden, und für sie alle gibt es nur eine Strafe, nämlich den Tod.»
Yitzhak Kroizer, Mitglied der rechtsextremen Partei Otzma Yehudit

«Gaza wird nicht mehr so sein wie vorher. Wir werden alles eliminieren.» 
Der damalige Verteidigungsminister Yoav Gallant im Oktober 2023

«Löscht den Gazastreifen vollständig aus, lasst keinen einzigen Menschen dort.»
Der Sänger Eyal Golan am 15. Oktober 2023 im populären TV-Sender Channel 14
 
«Wir werden kommen. Wir kommen nach Gaza. Wir kommen in den Libanon. Wir werden in den Iran kommen. Wir werden an jeden Ort kommen (…) Wir werden den Feind vernichten. Wir werden den Nahen Osten in eine Situation zurückversetzen, in der die Araber Angst vor den Juden haben. (…) Wir werden kommen, um euch zu vernichten. Zu v-e-r-n-i-c-h-t-e-n. Auszulöschen.» 
Shai Golden, der Moderator der Morgensendung von Channel 14 am 17. Oktober 2023.

«Wir hätten in den ersten ein oder zwei Tagen 100 000 Menschen im Gazastreifen töten sollen (…). Nur wenige sind dort möglicherweise menschlich. Über 90% sind Terroristen.» 
Danny Neuman politischer Kommentator im Channel 14 am 6. Mai 2024.

«Die Zerstörung von Gaza gibt mir ein gutes Gefühl. (…) Die Zerstörungsmaschinerie muss weiterlaufen, damit klar ist, dass sie nirgendwohin zurückkehren können.» 
Yinon Magal im Channel 14 am 3. August 2024

Keine Zweifel an seiner Gesinnung liess Elad Barashi, ein TV-Produzent von Channel 14 am 27. Februar 2025. In einem Beitrag auf X schrieb er:
 
«Gaza verdient den Tod. Die 2,6 Millionen Terroristen in Gaza verdienen den Tod! ... Männer, Frauen und Kinder – auf jede erdenkliche Art und Weise. Wir müssen einfach einen Holocaust an ihnen durchführen – ja, lesen Sie das noch einmal - H-O-L-O-C-A-U-S-T! Für mich sind das Gaskammern. Zugwaggons. Und andere grausame Formen des Todes für diese Nazis. Ohne Furcht, ohne Zögern – einfach abschlachten, ausrotten, zerschlagen, zerschmettern.» (…)

«Wer ist der Mutige, der beschliessen wird, einen totalen Holocaust über Gaza zu bringen, sodass dort Ströme von Blut fliessen, sodass sich die verwesenden Leichen der Bewohner Gazas zu Haufen auftürmen und anschliessend verbrannt werden? (…) Gaza verdient den Tod. Möge es einen Holocaust in Gaza geben.»

Nach empörten Stellungnahmen von Menschenrechtsorganisationen löschte Barashi den Beitrag vorübergehend – um sich etwas später mit den Worten zu melden: «Ich entschuldige mich nicht. Ich wünsche den Terroristen […] noch immer dasselbe.»

Obwohl der TV-Sender als ein Sprachrohr der Regierung Israels gilt, gab es aus Regierungskreisen kein Wort der Distanzierung oder Kritik. Der TV-Produzent, der zum Holocaust an den Palästinensern aufrief, wurde auch nicht entlassen, und es wurde auch keine Anklage wegen Volksverhetzung gegen Barashi erhoben.

Alle diese exemplarischen Aussagen, die im Beitrag Barashis ihren grausamen Höhepunkt finden, verdeutlichen, dass es hier nicht um einzelne, irregeleitete Stimmen geht, sondern um die Spitze eines ideologischen Eisbergs in der israelischen Öffentlichkeit. In einem Wort: Die Palästinenser sind die «jüdischen Untermenschen» von Israel. Das ist die fünfte Gemeinsamkeit mit dem Nationalsozialismus.

Und so wie die NS-Behörden ab 1933 Tausende und Abertausende Unschuldige ohne Gerichtsurteil in den Gefängnissen schmachten liessen, geschieht dasselbe heute in Israel. Fast 10 000 Palästinenser befinden sich derzeit in israelischen Haftanstalten. Nur rund 14 % sind gerichtlich verurteilt. Alle anderen sitzen in Untersuchungshaft oder sind «administrativ» Verhaftete ohne Aussicht auf Freilassung. Unter den Insassen befinden sich 80 Frauen und 350 Minderjährige.

Verschiedenste Menschenrechtsorganisationen berichten übereinstimmend über erschreckende Haftbedingungen, die von überfüllten Zellen, zu wenig Nahrung, Isolation und Demütigungen bis hin zu Gewalt und Folter reichen.
Auch hier ist das zahlenmässige Ausmass in keiner Weise vergleichbar mit den Dimensionen der NS-Zeit. Aber der Terror, unter dem die Gefangenen leiden, ist derselbe wie damals, und er entspringt derselben Mentalität: So behandelt man Menschen, die man als wertlos betrachtet. Die sechste Gemeinsamkeit mit dem Nationalsozialismus.

Und die siebte Parallele zu Nazideutschland? Zweifellos die jüngst beschlossene Todesstrafe, die sich ausschliesslich gegen Palästinenser richtet. Wiederum werden sie als Menschen zweiter Klasse behandelt. Wie die Juden damals in Deutschland.

Zwar ist es möglich, dass der Oberste Gerichtshof von Israel den Parlamentsbeschluss für gesetzeswidrig erklären wird. Aber die Gesinnung, die in Israel offenbar eine Mehrheit findet, hat sich unabhängig davon erneut entlarvt.

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«Das Ja zur Todesstrafe», schreibt die Zeitung «Haaretz», «verdeutlicht, wie sehr die Kahanistische Revolution die israelische Gesellschaft bereits erobert hat.»

Was meint «Haaretz», der einzige Lichtblick in den israelischen Medien, mit der «Kahanistischen Revolution»?

Die nach seinem Gründer Meir Kahane benannte Bewegung des Kahanismus ist ein religiöser Zionismus, der die israelische Demokratie durch eine jüdische Theokratie ersetzen, alle Nicht-Juden aus ganz Palästina vertreiben und das von den Zionisten angestrebte Grossisrael verwirklichen will. Die arabischen Bürger von Israel dürften zwar als «Fremdlinge» bleiben, wären aber gegenüber den Juden weitgehend rechtlos.

Der Kahanismus, früher die Ideologie einer Minderheit, hat sich zu einer gewichtigem politischen Strömung entwickelt. Sein Einfluss auf die Öffentlichkeit, auf Regierung und Parlament ist gross, und mit ihrer rassistischen Botschaft haben die Anhänger des Kahanismus massgeblich dazu beigetragen, dass der Traum von Grossisrael vor allem seit dem 8. Oktober in Israel populärer denn je ist.

Ein nach allen Seiten hin erweiterter «Lebensraum» nur für Juden wäre dann gewissermassen die «Endlösung» der «Palästinenserfrage». Aber den Zionisten von Israel bleibt wenig Zeit für die Verwirklichung ihres Ziels. Israel war international nie verrufener, nie verhasster als heute. Auch Millionen von Juden in aller Welt schämen sich für das Land, das einmal «ihr» Land war. Sie distanzieren sich auch deshalb von Israel, weil sie für den Genozid am palästinensischen Volk nicht mitverantwortlich gemacht werden wollen, nur weil sie Juden sind.

Wer aber kann die Zionisten von Israel stoppen? Wer kann verhindern, dass zuletzt die Juden als Volk unter Anklage stehen?

Nur die Juden selbst. Wenn es ihnen gelingt, die grösste Hypothek ihres Schicksals, ihre «Auserwähltheit» zu überwinden, wird es für den Hass und den Krieg keine Nahrung mehr geben. Dann, erst dann kann im Nahen Osten der Friede einkehren.

Nicolas Lindt

Nicolas Lindt

Nicolas Lindt (*1954) war Musikjournalist, Tagesschau-Reporter und Gerichtskolumnist, bevor er in seinen Büchern wahre Geschichten zu erzählen begann. In seinem zweiten Beruf gestaltet er freie Trauungen, Taufen und Abdankungen. Der Autor lebt mit seiner Familie in Wald und in Segnas.

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Alle weiteren Informationen: www.nicolaslindt.ch


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