Den Algorithmus hacken
Soziale Netzwerke wollen nicht nur Ihre Zeit vor dem Bildschirm: Sie sind auf eine ganz bestimmte Art von Aufmerksamkeit aus. Mit drei praktischen Übungen können Sie lernen, die Kontrolle zurückzugewinnen.
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Soziale Netzwerke sind aussergewöhnliche Werkzeuge. Sie ermöglichen es uns, Ideen zu vermitteln, Projekte bekannt zu machen und Brücken zu Menschen zu schlagen, die direkt neben uns oder am anderen Ende der Welt leben. Diese fast magische Fähigkeit, jede Botschaft zu verstärken, macht sie jedoch zu einem idealen Schaufenster für Marken. Die Zahlen lassen keinen Zweifel: Die weltweiten Werbeausgaben in sozialen Netzwerken belaufen sich bereits auf rund 300 000 Millionen Dollar und machen damit etwa 26 % der gesamten Medienausgaben aus.

Angesichts eines solchen Umsatzvolumens sollten wir uns nichts vormachen: Jedes soziale Netzwerk ist in erster Linie ein Werbeunternehmen. Damit das Geschäft funktioniert, muss das «Publikum» so lange wie möglich auf der Plattform verweilen. Hier lassen sich die Zeit und die Klicks der NutzerInnen direkt in Geld umrechnen – einen Wert, den die Plattformen gewinnbringend nutzen, indem sie den WerbekundInnen Gebühren berechnen und ihnen im Gegenzug maximale Sichtbarkeit für ihre Produkte garantieren.

Daher kommt den Algorithmen eine enorme Bedeutung zu. Diese ausgeklügelten mathematischen Systeme orchestrieren die Reize auf dem Bildschirm so, dass wir stundenlang surfen können, ohne völlig erschöpft zu sein, und dabei genau jenes Mass an Spannung und Anregung aufrechterhalten, das das Gehirn als interessant interpretiert. Viel wurde bereits über die neurobiologischen Mechanismen geschrieben, die sie ausnutzen: mit Erwartung verbundene Dopaminspitzen, unvorhersehbare Belohnungen und ständige Neuheiten.

Tatsächlich wiederholt sich die Geschichte: Radio, Fernsehen und nun die Streaming-Plattformen haben schon immer um Ihre Zeit konkurriert. Der Unterschied im digitalen Umfeld besteht darin, dass ihnen passive ZuschauerInnen nicht mehr genügen. Sie streben nach einer unmittelbaren und aktiven Reaktion auf den Reiz: etwas kaufen, einen Newsletter abonnieren oder eine E-Mail-Adresse hinterlassen, um den kommerziellen Reiz weiter zu nähren.

Doch lassen Sie uns dieser Darstellung eine unverzichtbare Nuance hinzufügen: Die Unternehmen sind nicht nur an Ihrer Zeit interessiert; sie sind an Ihrer Aufmerksamkeit interessiert. Und zwar ganz konkret an einer ganz bestimmten Art von Aufmerksamkeit.

Diese Nuance zu verstehen, ist der Schlüssel dazu, die Algorithmen der Neurowerbung zu überlisten.

Die Falle der «mechanischen Aufmerksamkeit»

Die Algorithmen räumen Inhalten mit hohem Potenzial, viral zu gehen, Vorrang ein, die fast immer mit Alarm, moralischen Konflikten oder instinktiven Emotionen verbunden sind. Diese Bedrohungssignale lösen vorübergehend Noradrenalin aus, das uns in einen Zustand erhöhter Wachsamkeit versetzt. Das Ergebnis? Der Fokus unserer Aufmerksamkeit wird vom Bildschirm gekapert, lange bevor unsere analytischen und bewussten Filter greifen können.

Einfach ausgedrückt, können wir dies als mechanische Aufmerksamkeit bezeichnen. Es handelt sich um einen mentalen Zustand, in dem die bewusste Steuerung unserer Handlungen abgeschwächt ist und wir auf jeden Reiz im Autopilot-Modus reagieren.

Die Neurowissenschaften erklären diesen Prozess anschaulich anhand zweier Hauptkreisläufe:

  • Der Top-down-Kreislauf (von oben nach unten): Er wird vom dorsalen Aufmerksamkeitsnetzwerk gesteuert und ist für die willentliche, reflektierte und bewusste Kontrolle zuständig.
  • Der Bottom-up-Kreislauf (von unten nach oben): Er wird vom ventralen Netzwerk gesteuert und reagiert automatisch, unmittelbar und kaum bewusst auf das, was um uns herum geschieht.

Und was bewirken soziale Medien? Sie stimulieren ununterbrochen die Schaltkreise des ventralen Netzwerks, während sie gleichzeitig die Schaltkreise des dorsalen Netzwerks fragmentieren und hemmen – jene, die es uns ermöglichen, einen tiefgründigen und zielgerichteten Gedankengang aufrechtzuerhalten.

Dies erreichen sie, indem sie uns mit ständigen Mikrostimuli bombardieren: rasante Schnittwechsel in Videos, intensive Farbkontraste, Pop-up-Benachrichtigungen und nur wenige Sekunden dauernde Szenen. Diese Sinnesflut lenkt den kognitiven Fokus ununterbrochen auf immer neue Reize. Mit der Zeit verliert das dorsale Netzwerk – das dafür verantwortlich ist, dass wir beim Lesen eines komplexen Buches, beim Lösen eines Problems oder beim abstrakten Denken konzentriert bleiben – an Wirksamkeit, wenn es darum geht, Ablenkungen einzudämmen. Das Gehirn wird anfällig für jede Ablenkung aus der Peripherie.

Ist es Ihnen nicht schon einmal passiert, dass jemand, mit dem Sie sich gerade in Ruhe unterhalten, durch den geringsten Reiz in seiner Umgebung plötzlich aus dem Gespräch gerissen wird? Ist uns das nicht selbst schon unzählige Male passiert?

Der Schlüssel: unsere Intentionalität

Die gute Nachricht ist, dass wir über die notwendigen Ressourcen verfügen, um diese Dynamik umzukehren und unser Aufmerksamkeitsverhalten zu verändern. Der Ausgangspunkt ist ebenso einfach wie eindeutig: Wir müssen es wollen.

Das menschliche Bewusstsein verfügt über eine aussergewöhnliche evolutionäre Fähigkeit, die es von jeder anderen Spezies unterscheidet: Es besitzt Intentionalität. Diese menschliche Intentionalität erschöpft sich nicht im unmittelbaren Sinnesreiz; sie verfügt über einen äusserst weiten zeitlichen Horizont. Sie kann langfristig planen, die Zukunft gestalten und sogar einen Plan und einen Zweck verfolgen, der dem eigenen Leben Sinn und Richtung verleiht.

Dank dieses evolutionären Wunders können wir auch bewusst eine Veränderung unserer eigenen Aufmerksamkeitsmechanismen anstreben. Es handelt sich um eine Veränderung, die niemals aus Trägheit oder auf mechanische Weise erfolgen wird, da jede echte Transformation zusätzliche willentliche Energie erfordert. Doch wir sind nicht dazu verdammt, wie Automaten zu funktionieren, die auf jede Benachrichtigung reagieren. Es ist möglich, diesen Kreislauf zu durchbrechen und wieder einen klaren Blick auf das zu gewinnen, was in der Welt geschieht und was in unserem Inneren vor sich geht. Diese bewusste Fähigkeit ist dem Menschen eigen – wollen wir sie ungenutzt lassen?

Um diese Veränderung zu erreichen, genügt es, eine Reihe einfacher Übungen durchzuführen und sie beharrlich zu wiederholen, bis die Aufmerksamkeitskreisläufe neu konfiguriert sind. Es empfiehlt sich, diese Übungen in Momenten ausreichender Energie und vor allem in einem Zustand tiefer körperlicher und geistiger Entspannung durchzuführen. Wenn bewusste Aufmerksamkeit mit Steifheit oder Anspannung verbunden ist, wird sie scheitern; das Ziel ist es, eine aufmerksame, sanfte und angenehme Wachsamkeit zu entwickeln.

Sind diese beiden Voraussetzungen – Energie und Entspannung – gegeben, können wir uns an die Arbeit machen.

Drei Übungen, um die Aufmerksamkeit neu zu schulen

Die 10-Minuten-Übung für bewusste Aufmerksamkeit

  • Grundprinzip: Wählen Sie eine alltägliche Tätigkeit aus und führen Sie diese 10 Minuten lang ununterbrochen aus. Achten Sie dabei darauf, sich weder von äusseren Geräuschen noch von gedanklichen Ablenkungen, die Sie von der Tätigkeit wegführen wollen, mitreissen zu lassen.
  • So wenden Sie dies am Bildschirm an: Wählen Sie eine konkrete digitale Aufgabe (das gründliche Lesen eines Dokuments oder das Verfassen eines Textes) und stellen Sie einen Timer auf 10 Minuten ein. Konzentrieren Sie sich während dieser Zeit ganz auf die Aufgabe. Wenn der automatische Drang aufkommt, ein soziales Netzwerk oder einen weiteren Tab zu öffnen oder auf das Handy zu schauen, erkennen Sie diesen Impuls als das, was er ist: eine mechanische Ablenkung. Kämpfen Sie nicht dagegen an; beobachten Sie ihn mit Abstand und kehren Sie ruhig zur Hauptaufgabe zurück. Sie können daraus auch ein Spiel mit Ihren FreundInnen machen und schauen, wer die 10 Minuten durchhält oder am längsten konzentriert bleibt, bevor er oder sie sich ablenken lässt. Es ist wichtig, dies mit Freude und Leichtigkeit zu tun – und wenn es Spass macht, umso besser. Beobachten Sie, ob sich Ihre Aufmerksamkeitsspanne durch tägliche Wiederholung verlängert. Diese Übung stärkt schrittweise die geistige Kraft und die Konzentration.

Geteilte Aufmerksamkeit: die körperliche Verankerung

  • Grundprinzip: Dabei richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf den äusseren Reiz, während Sie gleichzeitig – nicht abwechselnd – Ihre Körperhaltung im Raum bewusst wahrnehmen. Diese doppelte Fokussierung schwächt das mechanische Tagträumen und mindert die Suggestivkraft äusserer Bilder deutlich.
  • So wenden Sie dies am Bildschirm an: Wenn Sie im Internet surfen oder Inhalte in sozialen Netzwerken ansehen, teilen Sie Ihre Aufmerksamkeit zwischen zwei gleichzeitigen Bezugspunkten auf: einerseits auf das, was Sie auf dem Gerät sehen und hören, andererseits auf das körperliche Empfinden Ihrer Körperhaltung oder auf den Rhythmus Ihrer Atmung. Indem Sie diesen inneren «Anker» aufrechterhalten, verhindern Sie, dass der äussere Reiz Sie vollständig in seinen Bann zieht, und bewahren sich Ihren kritischen Sinn gegenüber der Botschaft. Üben Sie dies in 10-minütigen Einheiten und wechseln Sie diese mit Ihrer gewohnten mechanischen Art des Surfens ab. Vergleichen Sie anschliessend, wie Sie sich in beiden Fällen fühlen.

Der Blick nach innen: bewusst wahrnehmen

  • Grundprinzip: In Umgebungen, die mit Reizen überflutet sind, geht es nicht darum, gegen das, was wir sehen, anzukämpfen, sondern es in dem Bewusstsein zu betrachten, dass wir aufmerksam sind. Dabei richten wir die Aufmerksamkeit auf unseren eigenen Blick oder sogar etwas dahinter, als würden wir das Geschehen von einem Punkt hinter unseren Augen aus betrachten.
  • So wenden Sie dies am Bildschirm an: Wenn Sie sich ein Video oder einen interaktiven Beitrag ansehen, nehmen Sie die Haltung ein, sich selbst in dem Raum wahrzunehmen, in dem Sie sitzen oder stehen. Spannen Sie Ihre Augen nicht an: Behalten Sie einen entspannten Blick bei, während Sie sich – als befänden Sie sich weiter hinten – bewusst machen, dass Sie das Geschehen betrachten. Sich als Subjekt der Wahrnehmung zu begreifen, deaktiviert die emotionale Identifikation und bremst zwanghaftes Verhalten, das der Algorithmus auslösen will, deutlich ab, da dadurch eine Distanz zwischen dem äusseren Objekt und dem «Ich» entsteht.

Die Kontrolle über unsere Aufmerksamkeit zurückzugewinnen, erfordert weder, uns von der Welt abzukoppeln, noch auf Technologie zu verzichten, sondern zu lernen, sie mit Achtsamkeit und Absicht zu nutzen. Der Algorithmus hat nur so lange die Oberhand, wie wir wie im Schlaf leben.

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Rehuno Salud: 
«Tiefes Lesen Kritisches Denken Echte Gespräche Kreativität Sinnvolle Projekte Erfülltes Leben Weniger Autopilot Mehr Leben»


Quellen und Literaturhinweise

* Neuronale Netzwerke der Aufmerksamkeit (Top-down vs. Bottom-up): Corbetta, M., & Shulman, G. L. (2002). Control of goal-directed and stimulus-driven attention in the brain. <, 3(3), 201–215.
* Ökonomie der Aufmerksamkeit und Dopamin auf digitalen Plattformen: Haynes, T. (Harvard University, 2018). Dopamine, Smartphones & You: A Battle for Your Time. Harvard SITN.
* Silo und die Aufmerksamkeit, Studien- und Reflexionspark Punta de Vacas, 2017, Sammlung von Vorträgen und Notizen (1969–2006).
* Silo und das Selbst-Bewusstsein, Studien- und Reflexionspark Punta de Vacas, Ausgabe 2018.


Die Übersetzung aus dem Spanischen wurde von Kornelia Henrichmann vom ehrenamtlichen Pressenza-Übersetzungsteam erstellt. Wir suchen Freiwillige!

 

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