Die Entwicklung des Bargelds in der Schweiz: Von den Kantonen zur SNB
Seit 1907 gibt es in der Schweiz ein einheitliches Geld
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(Illustration: Forum Geldpolitik)

Bargeld gehört in der Schweiz zum Alltag. Der Franken gilt als stabil, zuverlässig und überall akzeptiert. Kaum jemand fragt sich, warum das so ist. Genau darin liegt jedoch ein Problem: Was selbstverständlich erscheint, wird selten hinterfragt. Dabei ist Bargeld kein Naturgesetz, sondern das Ergebnis historischer Erfahrungen und politischer Entscheidungen.

Noch vor gut 150 Jahren war Geld in der Schweiz alles andere als stabil. Kantone, Städte und private Banken gaben eigene Banknoten aus. Ob eine Note etwas wert war, hing vom Herausgeber ab. Händler und Bürger mussten ständig prüfen, ob sie diese Banknote überhaupt annehmen konnten. Abschläge, Zahlungsausfälle und Bankzusammenbrüche waren Alltag. Geld schuf kein Vertrauen – es verlangte Vertrauen.

Diese Unsicherheit war kein Zufall. Die Schweiz war politisch zersplittert, und das Geldsystem spiegelte diese Ordnung wider. Erst mit der Entwicklung des Bundesstaates und der späteren Gründung der Schweizerischen Nationalbank wurde Bargeld bewusst als staatlich garantiertes Gut organisiert.

Wer verstehen will, warum Bargeld in der Schweiz bis heute eine besondere Rolle spielt, muss diese Geschichte kennen. Denn sie zeigt, dass Stabilität gelernt wurde – und nicht selbstverständlich ist.

Geldvielfalt und Unsicherheit im 19. Jahrhundert

Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein gab es in der Schweiz kein einheitliches Bargeld. Kantone, Städte und private Banken gaben eigene Banknoten aus. Diese Noten waren keine staatlichen Zahlungsmittel, sondern private Zahlungsversprechen. Ob sie akzeptiert wurden, hing davon ab, wie vertrauenswürdig der Herausgeber galt. 

Für die Bevölkerung bedeutete das Unsicherheit im Alltag. Händler, Handwerker und Reisende mussten ständig prüfen, welches Geld sie annehmen konnten. Abschläge auf Banknoten waren üblich, ebenso regionale Unterschiede bei der Akzeptanz. Kam es zu wirtschaftlichen Schwierigkeiten oder Bankzusammenbrüchen, verloren Banknoten rasch an Wert oder wurden ganz wertlos. Bargeld erfüllte seine zentrale Aufgabe – Sicherheit und Vertrauen zu schaffen – nur unzureichend.

Der Bundesstaat als erster Wendepunkt

Mit der Bundesverfassung von 1848 begann eine grundlegende Neuordnung. Der Bund erhielt die Kompetenz über das Geldwesen, und der Schweizer Franken wurde als einheitliche Währung eingeführt. Ziel war es, Handel zu erleichtern, Preisvergleiche zu ermöglichen und die wirtschaftliche Entwicklung zu fördern. 

Doch die Reform blieb unvollständig. Zwar existierte nun eine gemeinsame Währung, die Ausgabe von Banknoten lag jedoch weiterhin bei privaten Banken. Der Franken war rechtlich einheitlich, praktisch aber weiterhin fragmentiert. Die bekannten Probleme blieben bestehen: unterschiedliche Notenqualität, Vertrauensverluste und Instabilität in Krisenzeiten. Die Erfahrung zeigte, dass eine einheitliche Währung allein nicht ausreicht, wenn das Bargeld selbst nicht einheitlich organisiert ist.

1907: Bargeld wird staatliche Verantwortung

Der entscheidende Schritt folgte 1907 mit der Gründung der Schweizerischen Nationalbank. Die Ausgabe von Banknoten wurde zentralisiert, private Banknoten verschwanden aus dem Umlauf. Bargeld wurde zu einem staatlich garantierten Zahlungsmittel. Eine Banknote war nun keine Forderung gegenüber einer einzelnen Bank mehr, sondern ein Anspruch auf die nationale Währung. 

Damit wurde Bargeld zu einem öffentlichen Gut. Seine Stabilität hing nicht länger von der wirtschaftlichen Lage einzelner Banken ab, sondern von klaren gesetzlichen Regeln und staatlicher Verantwortung. Diese Trennung erhöhte das Vertrauen und machte das Geldsystem widerstandsfähiger gegen Krisen.

Exkurs: Vollgeld und die historische Logik

Die Vollgeld-Initiative knüpfte an diese historische Entwicklung an. Sie stellte die Frage, ob nicht auch das Buchgeld auf Bankkonten ähnlich organisiert werden sollte wie Bargeld. Historisch betrachtet ist Bargeld bereits Vollgeld: Es wird ausschliesslich von der Nationalbank geschaffen und ist unabhängig von Geschäftsbanken. 

Die Initiative wollte dieses Prinzip auf das gesamte Geldsystem ausdehnen. Auch wenn sie abgelehnt wurde, macht die Debatte deutlich, dass die Frage nach Verantwortung, Stabilität und Kontrolle im Geldsystem bis heute relevant ist.

Ausblick

Die Entwicklung des Bargelds in der Schweiz zeigt deutlich: Stabilität ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis historischer Erfahrungen, politischer Entscheidungen und klarer institutioneller Verantwortung. Erst als der Staat die Verantwortung für das Bargeld übernahm, entstand ein Geldsystem, das Vertrauen nicht voraussetzt, sondern schafft. Bargeld wurde zu einem öffentlichen Gut, unabhängig von der Stabilität einzelner Banken.

Diese Erkenntnis ist auch heute relevant. Bargeld ist das einzige Geld, das ausserhalb der Bankbilanzen existiert und direkt staatlich garantiert ist. Wer über seine Einschränkung oder Abschaffung spricht, verändert nicht nur den Zahlungsverkehr, sondern greift in die Grundstruktur des Geldsystems ein. Historische Debatten wie jene um die Vollgeld-Initiative zeigen, dass die Frage nach Verantwortung im Geldwesen weiterhin offen diskutiert wird.

Die Geschichte des Schweizer Bargelds erinnert daran, dass Geld immer gestaltbar ist. Stabilität, Vertrauen und Freiheit entstehen nicht automatisch. Sie müssen bewusst gesichert werden – durch Wissen, öffentliche Diskussion und Aufmerksamkeit für die Lehren der Vergangenheit.

Am 8. März 2026 kommt die Volksinitiative «Ja zu einer unabhängigen, freien Schweizer Währung mit Münzen oder Banknoten (Bargeld ist Freiheit)» zur Abstimmung.
Ein Ja zur Initiative wäre ein starkes Zeichen der Bevölkerung an den Bundesrat.
Denn schlussendlich geht es doch darum, wem wir mehr vertrauen. Der Schweizerischen Nationalbank SNB die das Bargeld schafft oder den gewinnorientierten Geschäftsbanken, von der kleinen Raiffeisenbank bis zur viel zu grossen UBS die das gesamte Buchgeld durch Kreditvergabe schaffen.


Ewald Kornmann ist Präsident des Vereins Monetäre Modernisierung (MoMo)

Ein ausführlicherer Artikel zum Thema findet sich hier: Ewald Kormann: Die Entwicklung des Bargelds in der Schweiz: Von den Kantonen zur SNB. 30.1.2026

 

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