Immer sind es die anderen: Sie sind es, die sich irren und die nicht verstehen. Sie sind zu blöd, tun Unrecht, trampeln auf unseren Nerven herum. Welche Namen sie auch tragen: Die anderen sind schuld daran, dass die Welt so ist, wie sie ist. Sie tragen die Verantwortung dafür, dass die Dinge schieflaufen. Wir selbst sehen uns in aller Regel als Opfer der Ereignisse. Wir erdulden sie nur, ertragen das Leben, das sich nur allzu oft gegen uns zu richten scheint.
Wenn sich daran nichts ändert, sind wieder die anderen schuld. Egal, wo wir sie verorten und wie wir sie bezeichnen – als «die Idioten von nebenan», «die Bösen auf der anderen Seite» oder «die Eliten da oben» – wir geben ihnen die Macht über unser Leben. Sie machen alles falsch oder nicht genug. Kein Tag vergeht, an dem sie nicht unangenehme Gefühle in uns erwecken und uns regelrecht dazu zwingen, uns so zu verhalten, wie wir es eigentlich nicht wollen.
Jenseits des Gedankengefängnisses
Wenn sie einer Gefahr begegnen, haben Tiere drei Möglichkeiten: angreifen, fliehen, totstellen. Menschen können mehr. Sie haben mehr als ihre Instinkte zur Verfügung. Sie haben, wenn sie sich darüber bewusst sind, einen freien Willen. Einen Menschen kann man versuchen, zu etwas zu zwingen. Doch er muss nicht mitmachen, auch wenn alle es tun, selbst dann nicht, wenn man ihm droht, ihm seine Freiheit und sein Leben zu nehmen.
Menschen können Entscheidungen treffen. Zum Beispiel die, nicht gegen die Ereignisse anzukämpfen, sondern sich triggern zu lassen, ohne auf Angriff zu stellen. Sie können es zulassen, dass bestimmte Begegnungen bestimmte Gefühle in ihnen hervorrufen. Die sind nicht immer angenehm. Doch sie gehen schnell vorbei, wenn wir sie lassen. Emotionen, das beweisen neurowissenschaftliche Studien, dauern ein paar Minuten. Was darüber hinaus wirkt, sind vor allem die Geschichten, die wir uns selbst erzählen.
Anstatt nun die abzuweisen und abzuwerten, die uns triggern, können wir uns um uns kümmern und unsere Gefühle ergründen. Wir können forschen und auf Körperreise gehen. Wo zwickt, drückt oder brennt es? Wie genau äussert sich das Gefühl? Woran erinnert es mich? Wer das tut, der ist gut beschäftigt. Er muss nicht an dem herumbasteln, was andere alles verkehrt machen, sondern sorgt für das eigene Nest. Das ist nicht nur gut für seine Gesundheit, sondern für alle Beteiligten.
Gegenwind
Ein solches Verhalten wäre ein entscheidender Beitrag zum Frieden in der Welt. Er hat nichts mit Egoismus zu tun. Das versuchen uns jene einzureden, die kein wirkliches Interesse an Veränderung haben. Mancher schmückt sich mit Gandhis Spruch «Sei du selbst die Veränderung, die du in der Welt sehen willst». Das klingt gut. Doch in die Tat umgesetzt wird es nicht.
Es gibt Gegenwind auf dem Weg der Veränderung. Wer etwa im Zusammenhang mit Krisen von Eigenverantwortung spricht, werde den Opfern nicht gerecht. Verantwortung wird mit Schuld verwechselt. Dadurch wird dafür gesorgt, dass sich nichts ändert und die Schwachen schwächer und die Starken stärker werden.
Wer sich dafür einsetzt, zunächst im Geiste die Dinge zu verändern, damit sie sich in der materiellen Welt manifestieren können, dem wird spirituelles Bypassing vorgeworfen. Nicht ernst genommen wird der, der dazu ermutigt, dass jeder einzelne sich ändert, damit sich in der Welt etwas verbessern kann. «Da machen die anderen nicht mit.»
Friedensfördernd sind diese Verhaltensweisen nicht. Es ist, als ob viele Menschen ihre Feindbilder regelrecht pflegen. Wer sich über andere beklagt, muss sich nicht um sein eigenes Leben kümmern. Es ist bequem, andere verantwortlich und schuldig zu machen. So lenkt man sich von den eventuell eigenen Schwächen und dunklen Seiten ab und hat immer etwas zu tun.
Stand by me
Ich kenne nur ganz wenige Menschen, die konsequent versuchen, auf ein Feindbilddenken zu verzichten. Wenn ich sage, in meinem Leben gäbe es keine Feinde, nur Herausforderungen, mich weiterzuentwickeln, schlägt mir nicht nur Unverständnis entgegen, sondern auch Ablehnung. Kaum jemand ist dazu bereit, das zu sich zu nehmen, was die Ereignisse in ihm auslösen. Die meisten Menschen, die ich kenne, arbeiten sich am Aussen ab – und scheitern daran. Viele verlieren die Hoffnung, bemitleiden sich selbst, verbittern, werden zynisch oder krank. Gut geht es ihnen nicht.
Auf der anderen Seite sehe ich Menschen, denen es gut geht, auch wenn es draussen stürmt und kracht. Sie sehen, was schiefläuft, doch sie verstehen sich selbst nicht als Opfer des Geschehens. Sie nehmen ihre Gefühle zu sich, auch wenn es eine Weile unangenehm ist. Sie lassen sich auch auf unbequeme Situationen ein und schauen bei sich, was sie daran ändern können.
Eigentlich ist es ganz einfach: Wenn einen etwas ärgert, ängstigt, frustriert oder nervt, gibt man seine kostbare Energie nicht dorthin, wo man ohnehin nichts ausrichten kann, sondern bleibt bei sich. Die Erfahrung, wie wichtig und notwendig das ist, hat jeder gemacht, der sich einmal ernsthaft auf eine Therapie eingelassen hat.
Hier bei mir spielt die Musik. Jedes Ereignis fordert mich aufs Neue heraus, mein Instrument zu stimmen. Andere können die Saiten meiner Gefühle anschlagen. Doch es ist mein Instrument. Selbstermächtigung bedeutet, darauf spielen zu lernen. Das hat nichts mit Macht über andere zu tun, sondern mit der Entscheidung, sich das eigene Leben nicht aus der Hand nehmen zu lassen und es dafür zu nutzen, harmonische und friedliche Töne in die Welt zu schicken.