Ueli Keller (UK): Liebe Christa, die Welt, in der wir leben, nehme ich mitunter von Gier, Herrsch- und Vergnügungssucht sowie von Zerstörungswut geprägt wahr. Selber engagiere ich mich für und mit Projekten, die in der Welt, wie sie ist, für eine andere Welt unterwegs sind. Was ist es, das Dich in Deinem Leben umtreibt?
Christa Dregger (CD): Was mich in meinem Leben umtreibt? Frieden! Natürlich.
UK: Was bedeutet dies für Dich konkret?
CD: Als Journalistin habe ich vor über 20 Jahren eine Spur gefunden, die mich begeisterte. Damals gab ich eine Frauenzeitschrift namens «Die weibliche Stimme – für eine Politik des Herzens» heraus. Am Rande einer Friedensdemonstration gegen den Irak-Krieg lernte ich (den inzwischen verstorbenen) Johan Galtung kennen und konnte ein kurzes Interview mit ihm machen.
Der norwegische Friedensforscher hatte den Begriff „Friedensjournalismus“ geprägt. Herkömmlicher Journalismus brauche die Gewalt, denn „da passiert was, und es geht schnell“. Deshalb brauchen wir einen Journalismus, der auf anderen Paradigmen beruht. Einer, der nicht auf Schnelligkeit und Sensationen setzt, sondern der Sprache und Bilder für Versöhnung, Konfliktlösung und Neuaufbau findet. Der nicht die Bomben und Toten zählt wie der Sportreporter die Tore und die Polarisierung immer mehr anheizt – sondern der die Komplexität von Friedensbildung versteht und begleitet. Ein Wald braucht 200 Jahre zum Wachsen. Ihn abzubrennen, nur einen Tag.
Das hat mich inspiriert, und ich brachte es bei KollegInnen ins Gespräch. Wie können wir spannend über Friedensprozesse berichten? Wo gibt es Medien, die das unterstützen? Können wir davon leben?
UK: Wie kann Journalismus für den Frieden wirksam werden?
CD: Friedensjournalismus ist konfliktlösungs-orientierter Journalismus, lernte ich weiter. Konfliktlösung ist eine Wissenschaft, die man studieren kann. Denn jeder Konflikt folgt bestimmten Gesetzmässigkeiten, und am besten löst man ihn, bevor er in Gewalt ausbricht.
Eine Lösung, die nur auf Kompromissen beruht und nicht für beide Seiten einen Gewinn mit sich bringt, ist nicht nachhaltig – dann ist der Konflikt nur zugedeckt, aber nicht gelöst. Das ist hochinteressant – aber nicht für den normalen Journalismus, der sich an Verkaufszahlen und Klicks orientiert. Denn die gehen gerade bei Gewalt und Katastrophen in die Höhe.
UK: Wie zeigt sich das?
CD: Damals – 2003 – konnte man viel über die Realität des heutigen Journalismus erfahren. Der Angriff auf den Irak wurde live in alle Wohnzimmer getragen, Krieg in real time, immer aus der Sicht der Angreifer. Das amerikanische Militär hatte den „eingebetteten Journalismus“ erfunden: Der Armee wohlgesonnene MedienvertreterInnen durften in Panzern, in Kasernen, bei Angriffen dabei sein – sozusagen als Kameraden ohne Uniform. Die Zuschauerzahlen gingen durch die Decke, alle wollten dabei sein.
UK: Was sind gemäss Deiner Erfahrung die Folgen eines solchen Journalismus?
CD: Ein Krieg wird nicht nur mit Waffen entschieden – sondern vor allem durch Informationen. Diese Aussage hatte ich von einem deutschen General gehört, aber sie war natürlich auch der US-Politik klar. Vor dem Angriff hatte der amerikanische Kongress einige hundert Millionen Dollar locker gemacht – hier ein Preis, da ein Pressefonds – um die europäische Presse auf Krieg einzustimmen.
Die Mär von den Massenvernichtungswaffen im Irak wurde auch von bis dahin kritisch berichtenden Medien überraschend bereitwillig aufgegriffen. Ein solcher Journalismus trägt Mitschuld am Krieg – auch wenn die einzelnen JournalistInnen das gar nicht wollen. Wie können wir Teil des Friedens werden? Wäre es nicht fair, wenn auch die Friedensbewegung Journalisten einbetten würde?
UK: Das bedingt aus meiner Sicht einen tiefgreifenden Paradigma Wechsel!
CD: „Jede Friedensentwicklung ist eine Gemeinschaftsentwicklung.“ Auch diese Weisheit hatte ich von Johan Galtung, und sie ist logisch: Frieden entsteht, wenn all die Kommunikations-, Kontakt- und Vertrauensverbindungen geduldig und langsam wieder aufgebaut werden, die im Krieg zerrissen wurden. Man geht aufeinander zu, hört sich zu, überwindet Wut und Angst und merkt: Man hat mehr gemeinsam, als die ganze Kriegspropaganda einem weisgemacht hat. Common Ground – zu verstehen, wie viel gemeinsamen Grund, gemeinsame Interessen wir haben – auch so ein Stichwort für die Konfliktlösung.
UK: Und wie ging es damit und mit Dir weiter?
CD: Ich gab Kurse in Friedensjournalismus für angehende JournalistInnen. Mich beeindruckten friedensjournalistische Projekte – zum Beispiel IT-Tüftler, die während des Jugoslawienkrieges serbischen und kroatischen Jugendlichen aus geteilten Städten wieder ermöglichten, miteinander zu kommunizieren. Gemeinsame Radiosender in verschiedenen Kriegsregionen Afrikas. Alles, was geteilt werden konnte, half den Menschen, die Kriegslust zu überwinden.
Ich selbst nahm an einem Friedensjournalismusprojekt in Israel-Palästina Teil. Wir interviewten ganz normale Menschen beider Seiten, stellten ihre Gedanken, ihr Leben vor und setzten der Dämonisierung der Nachbarn etwas entgegen.
Es gab eine berührende Resonanz! Angst schwand, man begann, die andere Seite besser zu verstehen. Es tut weh zu sehen, wie diese zarten Friedensbande wieder einmal brutal zerrissen wurden. Wo und wie konnte ich Friedens- und Gemeinschaftsentwicklungen besser lernen als in Gemeinschaft?
Ende 2003 zog ich nach Portugal in die Tamera-Friedensgemeinschaft und lebte 18 Jahre dort. Ich lernte tatsächlich viel über Mensch-Sein, Gemeinschaftsaufbau und Konfliktlösung – auf allen Ebenen.
Ich nahm Teil an Friedensaktionen in Krisengebieten, besuchte Friedensprojekte, Friedensdörfer und Ökodörfer in aller Welt und schrieb über sie, immer mit dem Fokus: Wie löst sich ein Konflikt wirklich?
UK: Welches sind Schwierigkeiten, die sich dabei zeigen können?
CD: Theoretisch ist es klar: Konflikte lassen sich konstruktiv bearbeiten, indem sich alle Seiten auf das gemeinsame Interesse besinnen. Auf die Zukunft ihrer Kinder zum Beispiel. Aber wenn sich Menschen in Portugal gegen das Offshore-Fracking und die Zerstörung ihrer Küsten wehren und dem Konzerninteressen gegenüberstehen – was ist dann das gemeinsame Interesse? Oder wenn Kleinbauern im kolumbianischen Regenwald von Soldaten und Paramilitär verfolgt werden? Oder Slumbewohner in Brasilien von Gangmitgliedern bedrängt? Oder wenn Saatgutproduzenten in Kenia den Menschen, die von ihren kleinen Gärten leben müssen, das Land wegnehmen?
UK: Aus meiner Sicht sind es neben personellen vor allem auch strukturelle Gegebenheiten, die dabei manifest werden.
CD: Systeme, die auf Profit, Mehrwert und Gewalt aufgebaut sind, werden immer wieder in den Krieg führen. Spätestens an dieser Stelle wurde mir klar: Friedensjournalismus muss mehr sein als positive Nachrichten. Wir brauchen einen Journalismus, der einerseits Friedensentwicklungen begleitet – alle die Bemühungen all der Menschen an all den Orten, um Alternativen aufzubauen. Auf der anderen Seite brauchen wir Journalisten, die die Zusammenhänge von Macht, Unrecht und Gewalt sichtbar machen – und Medien, die das auch veröffentlichen. Beides ist nicht mehr so einfach heutzutage, wo die grossen Medien in den Händen weniger sind und immer einseitiger die Interessen von Staat und Wirtschaft vertreten.
UK: Wie und wo bist Du nach Deiner Zeit in Tamera unterwegs?
CD: Dann kam Corona. Die Unrechts-Massnahmen brachten neben viel Leid, Spaltung und Rechtsverlust auch etwas Gutes hervor: Recht vielen Menschen wurde die Diskrepanz zwischen offizieller und erlebter Wirklichkeit sehr deutlich. Durch ihr Wissenwollen und ihre Proteste entstanden neue Bewegungen und freie Medien.
Mitten in der Pandemie kehrte ich zurück nach Deutschland und suchte ein Betätigungsfeld, wo meine Gemeinschaftserfahrung und meine journalistische Arbeit sich gegenseitig befruchten könnten. Den ZE!TPUNKT aus Solothurn kannte ich seit seinen Anfängen vor über 30 Jahren, habe immer wieder Artikel beigesteuert und dort auch ein Buch veröffentlicht («Frau-Sein allein genügt nicht»). Im August 2022 rief ich Christoph Pfluger an und fragte, ob sie eine neue Redakteurin brauchten. Ich konnte gleich anfangen. Seitdem fahre ich viermal im Jahr für eine Woche nach Solothurn; die Onlineausgabe betreue ich von zu Hause aus.
UK: Welche Veränderungen nimmst Du aktuell wahr und was bedeuten sie für Deine journalistische Tätigkeit?
CD: So viel hatte sich verändert in der politischen Landschaft. Ich musste mich journalistisch neu orientieren. Früher hatte ich mich ganz klar als links-alternativ bezeichnet – und hätte auch den ZE!TPUNKT so beschrieben. Aber seit dem lauten Schweigen der Linken zur Pandemie, seitdem Linksautonome die Positionen der Regierung verteidigen und Andersdenkende als „rechts“ diffamieren und canceln, war das keine sinnvollen Kategorie mehr.
Ich finde, der ZE!TPUNKT ist eine ganz besondere Perle auf dem Medienmarkt – und entzieht sich allen Versuchen, ihn für eine Seite zu vereinnahmen. Ich kann nicht mit allen Positionen meines Chefs mitgehen – aber das ist auch nicht verlangt. Manchmal heisst es: We agree to not agree. So werden auch Essays und Artikel mit anderen Positionen veröffentlicht – aber oft mit einer Replik, wie denn unsere eigene Position zu einem Thema ist. Und um die ringen wir im Team, können uns auch mal lauthals auseinandersetzen – aber dabei auch immer gut zuhören und sind uns nicht zu schade, unsere Positionen in Frage zu stellen. Ich finde, Vernunft und Herzkraft haben sich dabei – meistens! – durchgesetzt.
UK: Die Beiträge in der Rubrik „Was uns heute bewegt“ gehören für mich mit ihrer Tiefgründigkeit und in ihrer Vielfalt zu meiner alltäglichen Lektüre. Daneben gibt es beim ZE!TPUNKT auch themenzentriert gestaltete Hefte.
CD: Ich bin stolz auf diese handlichen, prallen, vierteljährlich erscheinenden Hefte. Wer sie aufbewahrt und ins Bücherregal stellt, wird bald ein schönes Kompendium zu den verschiedenen Themen unserer Zeit haben.
Ich gebe es gerne weiter: auch an die Gäste in unserem Biohotel Gut Nisdorf, das ich inzwischen mit meiner kleinen Gemeinschaft an der Ostsee betreibe. Viele Gäste sagen: „Was da drinsteht, das habe ich ja noch nie gehört, warum lesen wir das nicht zu Hause in unserer Zeitung?“
Ja, warum nicht? Unsere Autoren sind engagierte, teilweise umstrittene Denker und Denkerinnen auf ihrem Gebiet. Viele erhalten in den grossen Medien keinen Platz mehr. Wir haben keine grossen Geldgeber oder Konzerne im Hintergrund. Der ZE!TPUNKT wird – neben ein paar Anzeigen – vollständig durch seine LeserInnen finanziert. Überlebenskampf gehört dazu, wir sind aber auch unabhängig von Staats- und Konzerndruck.
Wir erreichen keine Millionen und auch keine kritische Masse. Wer den «Zeitpunkt» liest, macht es sich auch nicht unbedingt bequem. Aber er oder sie erarbeitet sich einen Blick, mit dem man vieles klarer sehen – und auch fühlen kann. Auf die Gefahr hin, total kitschig zu enden: Der ZE!TPUNKT hat Herz und Verstand. In einer Zeit der Verwirrung und Spaltung braucht es genau das.
