Gefühlserbschaft Gewalt

Wie Gewalt und Angst in Familien durch Tabuisierung weitergegeben werden und wie man sich daraus befreien kann. Eine sehr persönliche Erzählung.

Mein Vater, ein überzeugter Nazi, hat sich öffentlich getötet. Er trank eine Flasche Zyankali aus. Das war 1969 auf dem Kirchentag in Stuttgart vor etwa 2000 Menschen, bei einer Lesung von Günter Grass. Zuvor hatte er sich vor dem Saalmikrofon zu erklären versucht: Seine Generation sei verraten worden, sie habe sich für Deutschland geopfert und würde nun als Täter gebrandmarkt. Oder so ähnlich, denn mein Vater konnte nicht flüssig reden. Seine letzten Worten waren: «Ich grüsse meine Kameraden von der SS!»


Ich war damals 13, meine drei Brüder etwas älter, wir waren völlig verstört. Dass unser Vater depressiv gewesen war, dass er niemals gelacht und fast nie mit uns geredet hatte, war uns bekannt. Von seiner Vergangenheit aber hatten wir kaum etwas gewusst, denn die hatte er konsequent beschwiegen. «Lerne zu schweigen, ohne zu platzen», verkündete ein braunes Schild auf dem Klo seiner Herkunftsfamilie. Doch das fand ich erst später.


Im Jahre 2005 entdeckte ich – wie in einem klischeehaften Roman – auf dem Dachboden unseres Elternhauses im schwäbischen Tübingen seinen Nachlass. Ich fand unzählige Briefe, Aufzeichnungen und Kritzeleien, auch den Torso seiner antisemitischen Doktorarbeit. Sie war handwerklich so schlecht, dass nicht mal sein Doktorvater sie annehmen wollte. Dabei war dieser Professor Hans F. K. Günther selbst einer der übelsten Rassentheoretiker Hitlers gewesen, «Rasse-Günther» nannte ihn der Volksmund.


Es fanden sich massenhaft Belege, dass mein Vater keine Mitgliedschaft ausgelassen hatte, von der Hitlerjugend über braune Christenkreise bis zu NSDAP, SA und SS. Ich rekonstruierte seinen Lebenslauf und fand heraus, dass er als Wehrmachtssoldat in Belgien, Afrika und Oberitalien gekämpft und geschossen hatte. Zum Glück hatte er kein Karrieretalent, höher als zum Unteroffizier brachte er es nicht, Massenmorde hätte er nicht befehligen können. Auch die spätere Entnazifizierung erfasste ihn nicht. Er konnte unbeschadet eine Familie gründen und als Apotheker arbeiten. Aber da er über seine Vergangenheit nicht reden wollte, verlernte er überhaupt das Reden, er wurde immer depressiver und erstickte am Ende buchstäblich an seinem Schweigen: Zyankali lähmt die Atemwege.


Die schockierendste Erkenntnis für mich war, dass er offenbar eine Weile lang geplant hatte, seine Familie einschliesslich meiner Person in seinen Tod mitzureissen. Warum? Darauf gibt es keine wirkliche Antwort. Vielleicht, weil er uns wie so viele andere Menschen als minderwertiges Leben ansah. Meine Mutter hat diesen geplanten Gewaltakt tabuisiert und uns Kindern verschwiegen – in guter Absicht, denn sie wollte uns schützen.


In Wirklichkeit verschlimmerte das alles. Denn Familiengeheimnisse teilen sich auf geheimnisvollem nonverbalem Wege eben doch mit. Sie werden zu intergenerationellen Gefühlserbschaften, in denen Aggressionen und Ängste unverstanden weiterwabern. Viele Jahrzehnte lang hatte ich Albträume, dass mein Vater wiederkehrt und mich vergiften will. In meinem Inneren wuchs er zu einem verhassten furchterregenden Dämon heran – obwohl er ein Schwächling gewesen war.


Also begann ich den Fund vom Dachboden zu ordnen und Fehlendes zu recherchieren. In meinem 2006 erschienenen Buch «Das falsche Leben» erzähle ich die Biografie meines Vaters, verwoben mit der Geschichte Deutschlands. Ich begriff langsam, dass auch er ein Opfer gewesen war, bevor er zum Täter wurde. Er war in gewalttätigen Zeiten aufgewachsen, in einer traurigen, beziehungslosen Familie, in der jedes Mitglied in kalter Einsamkeit versank.


Ich fing auch an, die Symbolik seines vermeintlichen Opfertodes zu verstehen. Im nationalsozialistischen Bild des Kriegshelden, der sein Blut fürs Vaterland opfert und damit die Nation reinigt und sich selbst heiligt, hatte eine geballte Ladung christlicher Ikonografie ihren Platz gefunden. Ich schrieb und schrieb, und je mehr ich mir alles vom Leib und von der Seele schrieb, desto mehr schwand mein Hass.


Um Entschuldigung ging es mir nicht – gesellschaftliche Heilung kann in meinen Augen nur dann passieren, wenn die Täter die überlebenden Opfer öffentlich um Verzeihung bitten. Aber ich wollte einordnen und begreifen. Mein Vater war immer ein Stachel in meinem Fleisch gewesen, und ich begann, das positiv zu sehen: Er hat in mir eine leidenschaftliche Sehnsucht nach Gerechtigkeit, Frieden und einer intakten Natur erweckt. Die Welt ist nicht nur schwarzweiss, und kein Täter ist nur schwarz und böse.


Nachdem ich mein Buch bis auf den Epilog beendet hatte, verschlug mich der Zufall in ein Gästebett in Stuttgart – der Stadt seines Todes. Und in der Nacht geschah etwas Seltsames: Mein Gehirn baute sich um. Ich kann es nicht anders erklären. Ich schlief höchst unruhig und schreckte immer wieder auf – in dem Gefühl, etwas abzuhaken: Ja, ich habe dieses und jenes kapiert, ja, ich habe endlich verstanden, ja, ja, ja. Am nächsten Morgen fühlte ich mich von neuer Energie durchdrungen, Lungen und Muskeln voll mit prickelndem Sauerstoff.


Damals, als ich das Buch beendete, konnte ich noch nicht wissen, dass dieser Zustand anhielt. Nicht in dem Sinne eines andauernden Glücksgefühls – das ist letztlich keinem Menschen möglich, solange andere weiter unglücklich sind. Sondern im Sinne neu gewonnener Lebensenergie. Ich wandelte mich von einer ängstlichen melancholischen Pessimistin zu einer selbstsicheren Optimistin. Heilpraktiker würden vielleicht sagen, ich hätte meine Energieblockaden aufgelöst. Psychotherapeutinnen würden mir womöglich bescheinigen, ich hätte die schmerzhaften Aspekte meiner Herkunft zu integrieren gelernt. Egal, wie man es beschreibt – es war eine selbsterzeugte Heilung.


Und darauf bin ich durchaus stolz. Ich habe nie auf der Couch eines Psychoanalytikers gelegen oder in den Ohren einer Psychologin. Allerdings verfüge ich zugebenermassen über einen angelesenen fachlichen Hintergrund: Sozialpsychologie und Psychoanalyse hat mich – wohl aus Selbsterhaltungsgründen – schon als Jugendliche interessiert, Freuds Traumdeutung hab ich bereits als 13-Jährige gelesen, nachdem die existenzielle Wucht der Geschehnisse mich plötzlich erwachsen werden liess. Wer als Traumatisierter oder als Gewaltüberlebende keine Möglichkeit hat, sich gründlich einzulesen und einzufühlen, dem oder der möchte ich jedoch dringend abraten, meinem Beispiel zu folgen; hier ist professionelle Hilfe angesagt.


Die Schweiz darf sich glücklich schätzen, von Kriegen und Bürgerkriegen weitgehend verschont worden zu sein. Das heisst aber natürlich nicht, dass das Land frei von Gewalt wäre. Und auch hier gibt es das Phänomen der transgenerationellen Weitergabe unbewusster Gefühlserbschaften, ausgelöst von Familientabus.

Gewalt an sich ist zwar nicht wirklich ein Tabu – im Gegenteil, sie ist omnipräsent in unseren patriarchalischen Gesellschaften: in Geschichtsbüchern, religiösen Überlieferungen, TV-Krimiserien, Heldenbildern, Videospielen. Vor allem männliche Jugendliche fühlen sich davon fasziniert. In Ermangelung anderer Initiationsriten konsumieren sie gewalthaltige Medien, um aus Zirkeln vermeintlicher oder tatsächlicher Ohnmacht herauskommen und den ersehnten Machtstatus zu erreichen. Sie fantasieren sich als allmächtige Rächer der Enterbten oder werden gewalttätig, um sich als vermeintlich erwachsene Männer zu inszenieren.


Das ist als Narrativ zwar verwandt, aber nicht identisch mit den Erlebnissen von Kriegstraumata oder häuslicher und sexualisierter Gewalt, die in Familien als Tabu verkapselt werden. Die Erinnerung daran wird in undurchdringliche Kokons versponnen – dieses Muster habe ich auch in zahlreichen Briefen und Reaktionen der Lesenden meines Buches immer wieder entdeckt. Menschen bilden sich ein, sich so vor der Sprengkraft der Wahrheit schützen zu können. Auch meine Mutter hat das geglaubt – siehe oben.


Dem ist aber nicht so. Es hilft nur, das Tabu zu entspinnen. Ich kann aus Erfahrung sagen: Am Anfang erscheint die Angst schier unüberwindlich. Aber am Ende wartet ein Glücksgefühl der Befreiung.


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Ute Scheub: Das falsche Leben: Eine Vatersuche. Piper, 2007. Nur noch antiquarisch erhältlich.
06. April 2015
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