Geistig fit bis ins hohe Alter
Was wir von Hildegard von Bingen lernen können
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Es geht nicht um die künstliche Verlängerung des Lebens um jeden Preis, sondern um eine bewusste, sinnerfüllte Lebensführung. Foto: Manfred Böhm

Die Jahrhundert-Frau des Mittelalters

In Diskussionen über das Altern steht heute oft die Frage im Vordergrund, wie sich das biologische Alter senken und das menschliche Leben verlängern lässt. Doch eine rein quantitative Betrachtung greift zu kurz: Es darf nicht um das blosse Anhäufen von Lebensjahren gehen, sondern um das gesunde, vitale Altern bei voller geistiger Frische. Das Ziel muss eine hohe Lebensqualität im Alter sein.

Ein faszinierendes, historisches Vorbild für dieses Konzept ist Hildegard von Bingen (1098–1179). Trotz wiederkehrender, schwerer Krankheiten erreichte die Äbtissin im 12. Jahrhundert das für damalige Verhältnisse spektakuläre Alter von 81 Jahren. Bis zu ihrem Tod blieb sie geistig brillant, politisch aktiv und literarisch produktiv. Ihr aussergewöhnliches Leben ist der empirische Beleg dafür, dass gesundes Altern untrennbar mit geistiger Agilität und psychischer Resilienz verbunden ist.

Was die Äbtissin intuitiv richtig machte, zeigt den universellen Wert einer ganzheitlichen Lebensweise: Ein strukturierter Alltag, lebenslange Geistesarbeit und eine bewusste seelische Verankerung bilden das stärkste Fundament gegen das Vergessen.

Der Lebensrhythmus: Hildegards Auslegung der Regula Benedicti

Als Gründerin und Äbtissin der Klöster Rupertsberg und Eibingen basierte Hildegards gesamter Alltag auf der Regula Benedicti, der Ordensregel des heiligen Benedikt. Diese Lebensordnung gibt einen festen, unveränderlichen Zeitrahmen vor, der den Tag präzise gliedert. Das klösterliche Leben ruht auf der bewährten Dreieinigkeit aus Ora, labora, lege – Gebet, körperliche Arbeit und geistige Lesung.

Das Labora stand dabei für handfeste Handarbeit und kontinuierliche körperliche Tätigkeit. Diese regelmässige physische Bewegung im klösterlichen Alltag – ob im Garten, in der Weberei oder beim Abschreiben von Skripten – sorgte für eine stetige Durchblutung und den direkten Abbau von Stresshormonen im Körper. Diese beständigen, wiederkehrenden Rhythmen fungieren als ein hocheffektiver Puffer gegen Reizüberflutung und Orientierungslosigkeit. Der rhythmische Wechsel im Kloster verhindert Monotonie, fordert den Körper, ohne ihn zu überlasten, und schont aus Sicht der modernen Neurowissenschaften die neuronalen Ressourcen des Gehirns. Eine feste Tagesstruktur reduziert chronischen Alltagsstress spürbar, senkt den Cortisolspiegel nachhaltig und schützt das Nervensystem so vor vorzeitigen, stressbedingten Alterungsprozessen.

Kognitive Fitness durch Hildegards lebenslange Geistesarbeit

Hildegard von Bingen war eine Universalgelehrte im reinsten Sinne. Sie forschte in der Naturheilkunde, komponierte komplexe Sakralmusik, führte eine europaweite Korrespondenz mit Päpsten sowie Kaisern und verfasste theologische Megawerke wie das Scivias (Wisse die Wege).

Dieses immense Pensum war nur durch die tägliche Praxis der Lectio, des tiefgründigen Lesens und Reflektierens, möglich. Die intensive intellektuelle Auseinandersetzung mit Texten, Schriften und Musik bis ins hohe Alter hinein ist das historische Äquivalent zu modernem kognitiven Training. Durch dieses lebenslange Lernen forderte Hildegard ihr Gehirn stetig neu heraus. Diese andauernde Aktivität regt die Neuroplastizität an – also die Fähigkeit des Gehirns, sich durch die Bildung neuer Synapsen lebenslang umzustrukturieren. Hildegard baute sich so eine enorme «kognitive Reserve» auf, die sie vor dem geistigen Verfall im Alter schützte.

Discretio und klösterliche Kost: Die Kunst des rechten Masses

Über allen praktischen Lebensbereichen stand für Hildegard das benediktinische Prinzip der Discretio – die Gabe der Unterscheidung und das konsequente Einhalten des rechten Masses. Sie verstand darunter eine goldene Mitte, die jedes gesundheitsschädliche Extrem meidet. Aus heutiger Sicht beschreibt dieses Prinzip der Discretio die Urform einer gesunden Lebensbalance, bei der Wachen und Schlafen, Aktivität und Ruhephasen in einem ausgewogenen Verhältnis stehen.

Aus historisch-kritischer und wissenschaftlicher Sicht existiert bei Hildegard keine moderne, systematisch geschlossene «Ernährungslehre», wie sie heute oft kommerziell vermarktet wird. Ihre medizinischen Schriften basieren vielmehr auf der antiken Säftelehre und der damaligen Naturphilosophie. In ihren Klöstern hielt Hildegard die Ernährung bodenständig und allgemein. Sie folgte der klassischen Ordensregel, die eine leichte, vorwiegend pflanzliche Kost mit reichlich Obst, frischem Gemüse, Hülsenfrüchten und Getreide vorschrieb. Auf das Fleisch vierfüssiger Tiere (rotes Fleisch) wurde im Alltag verzichtet. Hildegard lehnte jedoch radikale, entkräftende Askese im Sinne der Discretio strikt ab. Diese ausgewogene, nährstoff- und ballaststoffreiche Kost entspricht den heutigen medizinischen Empfehlungen zur Gesunderhaltung des Körpers und zur allgemeinen Demenzvorsorge.

Transzendenter Bezug, Viriditas und Sinnerfüllung

Ein wesentlicher Pfeiler von Hildegards Langlebigkeit war ihre spirituelle Verankerung. Der feste Bezug zur Transzendenz und das tägliche Gebet bedeuteten weit mehr als Pflichtgefühl: Das regelmässige Beten und Meditieren wirkte nachweislich beruhigend auf das gesamte Nervensystem. Es ermöglichte die tiefe Erfahrung von Geborgenheit und Zuversicht – ein psychologischer Schutzraum, der Ängste minimierte.

Ihr tiefer Glaube gab ihr eine unerschütterliche psychische Basis, die sie durch schwere persönliche und politische Krisen trug. Eng damit verbunden ist ihr Konzept der Viriditas, der universellen «Grünkraft». Hildegard verstand darunter eine lebendige, göttliche Energie, die sowohl in der Natur als auch im menschlichen Geist wirkt und alles Lebendige erneuert. Diese Philosophie förderte eine zutiefst optimistische Lebenseinstellung. Gepaart mit dem Bewusstsein einer klaren Lebensaufgabe und der Einbettung in eine feste Klostergemeinschaft erlebte Hildegard eine tiefe Sinnerfüllung. In der modernen Altersforschung gilt diese Kombination aus Lebenssinn und sozialer Einbindung als der beste Puffer gegen Altersdepression und Einsamkeit – zwei der grössten Risikofaktoren für kognitiven Abbau.

Die benediktinische Tradition als zeitloser Kompass

Am Beispiel von Hildegard von Bingen wird deutlich, wie effektiv die jahrhundertealten Prinzipien der klösterlichen Lebensweise wirken. Doch ihr langes und produktives Wirken ist kein isoliertes Phänomen, sondern das direkte Resultat der benediktinischen Tradition, deren ganzheitlicher Lebensstil bis heute in vielen Konventen und Gemeinschaften aktiv gepflegt wird.

Es geht nicht um die künstliche Verlängerung des Lebens um jeden Preis, sondern um eine bewusste, sinnerfüllte Lebensführung. Die benediktinische Tradition – von der Hildegard von Bingen eine der herausragendsten Repräsentantinnen ist – zeigt uns, dass ein verlässlicher Tagesrhythmus, Mässigung, soziale Bindung und mentale Aktivität die besten Werkzeuge für eine hohe Lebensqualität im Alter sind. Die harmonische Einheit von Körper, Geist und Seele bleibt das wirksamste Fundament, um bis ins hohe Alter vital und geistig fit zu bleiben.


Lese-Tipp:

Wer die gesundheitlichen und psychologischen Mechanismen hinter der klösterlichen Lebensweise noch tiefer ergründen möchte, findet im Kindle-Book von Manfred Böhm («Warum Mönche länger leben: Die Weisheit der Klöster für Körper, Geist und Seele», Herder Verlag) eine fundierte und praxisnahe Ergänzung. Böhm schlägt darin eine Brücke von den jahrhundertealten Ordensregeln hin zu modernen Konzepten von Resilienz und Lebensbalance im 21. Jahrhundert.

Manfred Böhm

Manfred Böhm
Manfred Böhm

Manfred Böhm, Jahrgang 1956, Publizist und Buchautor, Dipl.-Theologe, Studium der Katholischen Theologie, Philosophie und Politikwissenschaft in Mainz und Tübingen, Ausbildung in Psychopädie (nach Dr. Derbolowsky) und Fortbildungen in Logotherapie, Publizistische Schwerpunkte: Spiritualität und Friedenstheologie.

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