Normalerweise ist es so: Entweder wir sprechen mit einem Lebewesen oder wir töten und essen es. Wer sich auf ein «Nutztier» wirklich einlässt — eine Kuh zum Beispiel —, der merkt, dass da «jemand» ist, ein Wesen mit einer Seele, mit Schmerzempfinden und einer gewissen Intelligenz. Die Autorin erlebte dies auf eindrucksvolle Weise, als sie sich in Begleitung von Vertretern indigener Völker an einem Forschungsprojekt zum Thema Tierkommunikation beteiligte.
Im Rahmen eines Workshops von ANICOM war ich gemeinsam mit Vertretern indigener Völker aus Kanada, Indien, Europa und Südafrika, mit professionellen Tierkommunikatoren, Künstlern und ja, sogar einem Tier, einem Kater, für 6 Tage zusammen. ANICOM will die Kommunikation von Menschen mit Lebensformen, die keine menschliche Sprache sprechen, wissenschaftlich verankern. Diese Tage verbanden Welten, die sonst getrennt nebeneinander stehen: Wissenschaft und Intuition, Kunst und Forschung, Afrika und Europa — und nicht zuletzt die Welt des Menschen und die Welt der Tiere. ANICOM beziehen Tiere als gleichberechtigte Forschungspartner mit ein.
Im Rahmen dieser Forschung besuchte die Gruppe einen Produktionsbetrieb der Universität. Wir waren aufgefordert, mit den dort lebenden Kühen zu kommunizieren. Die Tierkommunikatoren wurden dabei gefilmt, ebenso die Tiere, mit denen sie «sprachen», auch mit Wärmekameras, um Synchronizitäten im Verhalten und emotionelle Veränderungen möglichst objektiv dokumentieren zu können.
Als ich hörte, wir würden einen Produktionsbetrieb besuchen, wusste ich schon, auf was ich mich einlassen würde. Ich informiere mich seit Jahren über die respektlosen, unwürdigen und brutalen Umgangsformen mit Kühen in der Milchindustrie: künstliche Besamung, Trennung der Kälber direkt nach der Geburt, ein Leben, oft auf Spaltboden in den eigenen Exkrementen, auf den immer gleichen paar Quadratmetern ohne frische Luft und Sonnenschein, erwartete Hochleistung – mit dem Menschen verglichen entspricht die Leistung einer Milchkuh einer Laufstrecke von rund 82 Kilometern pro Tag – und die schreckliche Schlachtung bereits nach fünf Jahren, wenn die Kuh diese Leistung nicht mehr erbringt.
Mit einer Kuh in so einer Situation sollte ich Kontakt aufnehmen? Wie dem gewachsen sein? Wie ehrlich sein in dieser Situation? Ich hatte keine andere Wahl, als es einfach zu machen und zu vertrauen.
Sie heisst Choupis, ich sass ihr gegenüber. Ab dem Moment, in dem ich den inneren Kontakt aufgebaut hatte, flossen meine Tränen. Ich sah im Geiste die majestätische Gestalt der Kuh, mit mächtigen Hörnern. Aber Choupis hat sie nicht mehr, sie wurde als junges Kalb enthornt. Hörner sind wichtig für die Körpersprache, für Körperkühlung und für Verdauung. Menschen enthornen die Kühe, damit sie sie enger zusammenpferchen können. Sie nehmen ihnen damit wichtige und würdevolle Ausdrucksmöglichkeiten.
Mit dem ersten Kontakt kam neben dem Schmerz eine grosse Kraft zu mir – beides gleichzeitig. Der Schmerz gilt vor allem der Tatsache, dass so viele Menschen vergessen haben, dass die Kuh ein spirituelles Wesen ist und eine innere Grösse hat. Eine Teilnehmerin, Marjorie Icebound aus Eeyou Istchee im Norden von Quebec (Kanada), dem Heimatland der Cree-Nation sagte es so: «Vergiss nie, dass du immer mit einem geistigen Wesen sprichst.»
Ich stelle mir den Schmerz des Nicht-Erkannt-Werdens bei den Kühen vor, des Nicht-Wahr-Genommen-Seins, des Drucks, permanent zu funktionieren und nie als die gesehen zu werden, die man wirklich ist. Es beschlich mich ein Vergleich: Ist es nicht auch der Schmerz des Menschen? Übertragen wir das, was wir mit uns tun, auf die Tiere?
Ich fühlte beim Kontakt mit der Kuh ihren Wunsch, einmal ein Kalb behalten zu dürfen und mit ihm zusammen zu leben, es aufwachsen zu sehen. Jeder kann sich vorstellen, dass es nicht dem Wesen einer Kuh entspricht, immer mit Gleichartigen zu sein, ohne Junge, ohne die Alten, ohne Bullen. Ihr Wesen verlangt nach mehr Einbindung in ein soziales Biotop und Vielfalt.
Als ich Choupis gegenüber sass, sah ich in ihren Augen die Kraft, ihre grosse Gestalt trotz allem noch zu kennen und von dort aus mit mir in Kontakt zu gehen. Die Kraft, die bessere Behandlung hier wertzuschätzen. Denn den Kühen in diesem Betrieb geht es ein Stück besser als den Kühen in der industriellen Milchindustrie, sie dürfen im Stall herumlaufen, haben Streu auf den Stellen, wo sie sich hinlegen, sie können immer wieder nach draussen und auf die Weide. Dennoch scheint es sie Kraft zu kosten, nicht wahnsinnig zu werden. Das Projekt ANICOM ist eine grosse Hoffnung für die Tiere: Ihre Stimme ist gefragt! Aber wird sie auch gehört werden?
Während unseres Kommunikationsexperiments schnuppert sie mit ihrer feuchten Nase an meinem nackten Fuss — das war ein Zeichen, das auf dem Film jetzt gut zu sehen ist. (Was auf den Aufzeichnungen noch herausgearbeitet wird, ich bin gespannt!)
Eines war mir klar: Ich muss auch die Kälber besuchen gehen. Ich muss ihre Lebenssituation bezeugen. Dort leben sie, auf kleinem Raum, etwa 3 Quadratmeter, jedes für sich — kein Raum für Rennen, Spielen, Kontakt. Ein Gummizapfen an einem Eimer anstatt des warmen Euters der liebenden Mutter. Das jüngste Kalb, ein kleiner Bulle, hatte noch ein Stück Nabelschnur. Er war jünger als zwei Wochen. Er lag, stand aber sofort auf, als ich kam, wollte an allem, wozu er Kontakt bekam, saugen: sein Urimpuls.
Und, woran ich mich noch sehr lange erinnern werde: Er weinte. Tränenflüsse aus beiden Augen. Tränenfluss kann bei Kühen durch massiven emotionalen Stress ausgelöst werden.
Frühere Mitarbeiter im Schlachthof bezeugen, dass Kühe vor ihrem Tod weinen. Es sei vielen deswegen fast unmöglich, den Tieren beim Bolzenschuss in die Augen zu schauen. Die ehemalige Schlachthof-Veterinärin Nicole T. berichtet, wie Rinder in ihren letzten Momenten immer wieder verzweifelt versuchen, Augenkontakt mit Menschen herzustellen. Ihre Hilfesuche bleibt jedoch vergeblich. «Einem Rind ins Gesicht zu sehen, dem vor Angst und Verzweiflung Tränen aus den Augen laufen, hinterlässt einen bleibenden Abdruck.»
Ich halte dieses junge Bullengesicht mit beiden Händen, schaue ihm in die Augen, ein fast unaushaltbarer Moment für mein Herz.
Ich erinnere mich an einen Besuch bei einer Hare-Krishna-Gemeinschaft in der Nähe von Madrid. Sie retten Kühe und Bullen vor Vernachlässigung, Ausbeutung, Missbrauch. Ihnen sind diese Tiere heilig, sie sind für sie die Vertreter von Mutter Erde. Eine Kuh repräsentiert für sie die schöpferische und nährende Kraft der Natur, die alles Leben erhält. Durch ihre Milch und die Sanftmut steht sie für Wohlstand, Frieden und innere Sicherheit. Ihre gelassene Art erinnert daran, im Moment zu sein und Vertrauen in das Leben zu haben.
Entsprechend werden dort die Tiere behandelt. Ihre Gaben wie Butter, Ghee und Milch spielen eine wichtige Rolle im spirituellen Ritual der Gemeinschaft. Die Tiere sind tagsüber im Freien, nachts kommen sie zurück in ihre Schlafboxen, auf den mit Stroh bedeckten Boden. In den Wänden der Ställe sind kleine Nischen mit Statuen von Krishna und heiligen Kühen. Die Stimmung ist ruhig, es werden Mantren gespielt. Eine Frau gab mir ein Glas Milch, frisch gemolken, ich trank es mit Hochgenuss, süss und warm wie die Kuh selbst. Ich konnte zur Kuh hingehen und mich bedanken.
Wie auch in anderen Hare-Krishna Gemeinschaften wird gesagt: «Eine Kuh gibt Dir alles, wenn Du freundlich zu ihr bist.» In dieser Umgebung wurde mir klar: Ja, ich lebe zurzeit vegan, aber ich bin nicht immer vegan. Wenn ich die Gaben der Kühe in dieser Art geschenkt bekomme, geniesse ich ein Brot mit Frischkäse! Ich weigere mich aber, diese qualvolle Industrie mit meinen Gewohnheiten zu unterstützen. Das ist mein täglicher Aktivismus. Denn das Leben ist in einem unsichtbaren Netzwerk verbunden. Was wir Tieren antun, kommt auf uns zurück. Vielleicht als Angst, vielleicht Abstumpfung.
Der Trennungsschmerz der Tiere hat ein Echo in unserer Innenwelt. Die permanente Ausbeutung aller weiblichen Organe macht es für uns Frauen unendlich schwerer, unseren authentischen Stolz zu finden. Der frühe und grausame Tod der männlichen Wesen gräbt vielleicht eine tiefsitzende Angst in die Seele der Männer. Heilung kann hier auch heissen, Tiere wieder als das anzuerkennen, was sie sind: fühlende, liebende Wesen mit einem Recht auf Selbstbestimmung. Sie gehören zur grossen Gemeinschaft der Schöpfung, so wie wir Menschen auch.
Barbara Kovats, Jahrgang 1957, studierte Prähistorie und Archäologie. Angezogen von der radikalen Herangehensweise an Fragen der Gemeinschaft und der Liebe, schloss sie sich 1986 dem Projekt „Bauhütte an. Anfang der 1990er Jahre kam sie zum ZEGG bei Berlin, wo sie an der Koordination der „ZEGG-Universität“ mitwirkte und ein internationales Netzwerk von Friedensinitiativen und Experten aus verschiedenen Bereichen aufbaute. 1998 zog sie nach Tamera in Portugal. Dort unterstützt sie Menschen und Gruppen mit ihrem sozialen Wissen beim Aufbau von Gemeinschaft. Sie gehört auch zum Frauenrat von Tamera, der sich mit sozialen Fragen innerhalb der Gemeinschaft beschäftigt.