Good
Vielleicht ging es Ihnen auch so: Vorige Woche schaute ich mir immer wieder diese Videos an. Ein rotes Auto, eine strahlende junge Frau mit Wollmütze und rotem Schal am Steuer, ein vermummter Uniformträger, der sie durch die Windschutzscheibe erschiesst. Mit drei Schüssen. Die Folge: Aufstände im ganzen Land. Braucht es auch bei uns so ein krasses Ereignis, damit wir aufwachen?
Proteste
Proteste nach dem Mord an Renee Good. Foto: Netzfund

Es ist gar nicht ungewöhnlich, dass die Polizei in den USA Autofahrer erschiesst. 2025 töteten laut Statistik des Police Violence Report Polizisten in den USA 1128 Menschen, die meisten davon wurden erschossen. 111 davon waren Autofahrer bei einer Polizeikontrolle. In nur acht Fällen wurde ein Polizist dafür verurteilt.

Doch dieser Fall ist besonders. Warum? Weil er so vielfach gefilmt wurde. Und weil man genau auf so etwas wartete. Denn der Mord geschah im Zusammenhang mit dem gewaltsamen Vorgehen der ICE-Immigrationsbehörde. Sie hat unter Trump im Jahr 2025 70 000 Menschen aufgegriffen und weggesperrt – ein Zuwachs von 75%. Überfallartig macht diese vermummte Staatstruppe Jagd auf verdächtig aussehende, also meist dunkelhäutige Menschen – oft gegen den Protest der Bundesregierungen. 

Wenige Strassen entfernt wurde zudem vor etwas über 10 Jahren der Afroamerikaner George Floyd von Polizisten umgebracht. Dies löste damals landesweite Proteste aus: Black Lives Matter. Ist der Mord an Renee Good der Funken, der einen neuen Aufstand anfachen könnte? 

...Wenige Sekunden vor ihrem Tod rief Renee Good dem vermummten ICE-Beamten fröhlich zu: «Alles gut, ich bin nicht sauer auf dich.» Und ihre Partnerin Becca Good, die gerade ausserhalb des Wagens war, rief ihm zu: «Hol dir was zu Essen, Grosser.» Die beiden hatten die Aktion der Immigrationsbehörde gestört, Anwohner mit Trillerpfeifen gewarnt. Denn Aufmerksamkeit stört die Überraschung der Überfälle und gibt den dunkelhäutigen Nachbarn die Chance, der bewaffneten und vermummten Staatstruppe zu entkommen.

Renee Good wurde dann aufgefordert, ihr Auto zu verlassen, weigerte sich, setzte ihren Wagen zurück – dann wurde sie erschossen. All das sehen wir auf den vielen Videos. 

Was hat sie dazu gebracht, dem bewaffneten und wütenden Beamten ins Gesicht zu lachen? Fühlte sie sich sicher? Fühlte sie sich ihrem vermummten Gegenüber überlegen – als Mutter, als Frau? Glaubte sie als aktive Christin so sehr an das Gute im Menschen, dass sie die Gefahr nicht kommen sah? Hat sie noch gemerkt, was geschah - dass der Beamte sie einfach erschiesst? Wie ist es, wenn ein Leben so brutal, gemein und heftig abgebrochen wird? Für ihre Familie, ihre Partnerin, ihre Kinder? Die Fragen verfolgen mich bis in den Traum.

Ich wüsste gerne auch, wie es Jonathan Ross wohl jetzt geht – so der Name des Todesschützen. Mit was für einer Gehirnwäsche bringt man jemanden dazu, einen anderen kaltblütig und vor aller Augen zu erschiessen? Und wie verarbeitet er es hinterher? Wird er von seinen Kollegen dafür gerügt, gemieden – oder gefeiert?

Sicher versucht er alles, um die Tat vor sich zu rechtfertigen, immer und immer wieder. Diese Frau war ein Ärgernis, das muss doch jeder sehen, der sein Video anschaut. Sie störte eine wichtige Amtshandlung. Das ICE ist dazu da, Amerika wieder den Amerikanern zurückzugeben – Menschen wie ihm! Vielleicht ist er ja in der kurzen Ausbildung so gedrillt worden: Da draussen, ausserhalb der Kaserne, gibt es zwei Arten von Feinden – die einen sind harmlos, sie haben Angst und ducken sich weg. Und die anderen sind «professionelle Agenten» und «Inlandterroristen». Da muss man durchgreifen. Man erkennt sie an ihrer Angstfreiheit.

Diese Frau hatte keine Angst vor ihm. Sie nahm ihn nicht ernst, provozierte ihn mit ihrem Lachen, ihrer überheblichen Freundlichkeit. Vielleicht war er rasend vor Wut darüber. Vielleicht fühlte er sich den beiden dreisten Frauen unterlegen und ihm blieben die Worte im Hals stecken. «F*cking bitch», hört man noch auf einem Video. Nicht gerade eloquent. So griff er zu seinem Mittel, sie zum Schweigen und zum Stillstand zu bringen. 

Notwehr, hiess es nachher! Auch wenn alle Videos etwas anderes belegen, wird diese Version von Trump, Vance und der ICE-Pressesprecherin unterstützt: Er geniesse Immunität, denn er habe genau das gemacht, wozu er ausgebildet wurde.

Genau das macht mir Angst: Die eilig rekrutierten, kaum ausgebildeten, schwer bewaffneten ICE-Truppen werden, wie jede Staatstruppe eines Regimes, darauf gedrillt, Angst und Schrecken zu verbreiten – Töten inbegriffen. Denn man weiss heute, wie man effektiv Strassenproteste unterdrückt: Man kontrolliert die Medien, schleust gewaltbereite Provokateure ein, die die Situation eskalieren, und bringt Todesschützen ein. Todesangst zerstreut die Aufstände meistens - weil die meisten Menschen doch lieber weiterleben. Genau dazu werden diese Beamten ausgebildet.

Jetzt gab es zunächst landesweite Proteste. Es gab weitere Schüsse und Verletzte, immer in «Notwehr». Jakob Frey, der Bürgermeister von Minneapolis, der am Tag der Tat die Rechtfertigungen der Politiker «Bullshit» nannte, versucht inzwischen, die Demonstranten zu beruhigen und nach Hause zu schicken. Es solle lieber vor Gericht gekämpft werden. Und Präsident Trump – derselbe, der den Protestanten im Iran versprach, mit seinen Bomben zu Hilfe zu kommen – droht nun auch in Minnesota, Militär zu schicken. Hier natürlich nicht, um dem Protest zur Hilfe zu kommen, sondern um ihn zu brechen. Der Insurrection Act von 1807 Militär gibt ihm das Recht dazu – sogar ohne Kongressbeschluss. Kritiker sagen, dass die Heftigkeit der ICE-Truppen genau dazu da sei: Aufstände zu provozieren, die es rechtfertigen, überall mit Militär durchzugreifen und Macht zu konzentrieren. 

Ich habe (noch) kein Ende dieser Geschichte. Nur eine sehr vage Hoffnung: Dass auch in Europa langsam immer mehr Menschen klar wird, dass der «Feind» nicht im Osten ist und mit R anfängt. Der Feind, wenn wir denn einen brauchen, ist die Gewalt. Und die kommt vor allem aus dem Westen. Niemand hat das Völkerrecht so lange und so vehement gebrochen wie die USA. Keine Macht hat nur annähernd so viele Militärbasen weltweit. Keine bedroht die Welt so rücksichtslos mit Wirtschaftsdruck wie die USA. Das ist nicht erst seit Trump so. Nur geht er dreister, offener, sichtbarer vor. Da dies nun so offen liegt, können wir uns auch eindeutiger positionieren.

In Europa werden nicht so viele Menschen im Auto erschossen wie in den USA. Es gibt (noch) keine bewaffneten Staatstrupps, die durch die Strassen stürmen und dunkelhäutige Menschen aufgreifen, weil sie «wie Somalis» aussehen. Aber wenn ein Journalist etwas Unliebsames schreibt, kann er ohne Gerichtsbeschluss sanktioniert werden, sein Konto gesperrt, er Arbeitsverbot erhalten. Auch das ist brutale Staatsgewalt – hier bei uns – auch wenn sie sich nicht so wirksam filmen lässt. Unsere Regierungen sind in die gleichen Sauereien verwickelt wie Trump – auch wenn sie dabei schamhafter vorgehen – und unterwerfen sich allzu bereitwillig und einseitig seiner rohen direkten Drohpolitik. Gewalt scheint gerade an allen Orten zu siegen. 

Die Situation ist nun eindeutig genug, um aufzuwachen – nicht nur in den USA. Lassen wir uns nicht mehr von Spaltung, Angst oder aus anderen Gründen abhalten, füreinander einzutreten. Durchschauen wir die Systeme der Gewalt - und spielen nicht mit. Nicht durch Einschüchtern lassen, nicht durch Unterwerfung, nicht durch Gegendruck, sondern verlassen sie mit jeder Handlung und unseren Worten.

Christa Dregger-Barthels

Christa Dregger
Christa Dregger-Barthels

Christa Dregger-Barthels (auch unter dem Namen Leila Dregger bekannt). Redaktionsmitglied des Zeitpunkt, Buchautorin, Journalistin und Aktivistin. Sie lebte fast 40 Jahren in Gemeinschaften, davon 18 Jahre in Tamera/Portugal - inzwischen wieder in Deutschland. Ihre Themengebiete sind Frieden, Gemeinschaft, Mann/Frau, Geist, Ökologie.

Weitere Projekte:

Biohotel Gut Nisdorf: www.gut-nisdorf.de

Terra Nova Begegnungsraum: www.terranova-begegnungsraum.de

Gerne empfehle ich Ihnen meine Podcast-Reihe TERRA NOVA:
terra-nova-podcast-1.podigee.io.  
Darin bin ich im Gespräch mit Denkern, Philosophinnen, kreativen Geistern, Kulturschaffenden. Meine wichtigsten Fragen sind: Sind Menschheit und Erde noch heilbar? Welche Gedanken und Erfahrungen helfen dabei? 

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