Akute Wassernot in Israel
Warum die Meerwasserentsalzungsanlagen ausfallen und was das mit dem Völkermord in Gaza zu tun hat
Das blaue Mittelmeer vor Tel Aviv in der Vergangenheit – heute grün vor Algen (Foto: © H. Merkelbach)
Das blaue Mittelmeer vor Tel Aviv in der Vergangenheit – heute grün vor Algen (Foto: © H. Merkelbach)

 

Seit dem 31. August 2026 sind fünf der sechs israelischen Meerwasserentsalzungsanlagen aufgrund einer aussergewöhnlichen Algenblüte ganz oder teilweise ausser Betrieb; diese erstreckt sich über eine Länge von 100 km (Nord-Süd), eine Breite von 7 km und eine Tiefe von 20 m (Satellitenaufnahmen). Inzwischen (28. September) hat eine Strömung Richtung offene See für etwa 10 % Minderung gesorgt; eine umgekehrte Strömung ist aber nicht auszuschliessen. Bis zum 20. September führte dies zu einer Reduzierung der Wasserproduktion um 50 % für 80 % der israelischen Trinkwasserversorgung. Einer Anhörung des Ausschusses für Staatskontrolle zufolge wird erwartet, dass die Situation bis Jahresende andauert. Ende September hatten die fünf Anlagen ihre volle Leistungsfähigkeit noch nicht wieder erreicht.

Das Algenphänomen ist natürlichen Ursprungs, doch sein Ausmass wird von Wetterbedingungen, Meeresströmungen, Sonneneinstrahlung und der Menge an organischer Substanz im Wasser beeinflusst. Die Algen sind mikroskopisch klein und können die Filtersysteme an den Meerwasser-Ansaugstellen der Entsalzungsanlagen passieren. Zwar könnten die Anlagen unter diesen Bedingungen weiterbetrieben werden, doch drohen langfristige Schäden an den Membranen, die einen kostspieligen Austausch im Wert von mehreren Millionen Schekel erforderlich machen würden.

Im deutschsprachigen Raum haben die Jüdische Allgemeine, Fokus Jerusalem, haGalil und Israel Zwischenzeilen über den Vorfall berichtet, während dies in den deutschen Mainstream-Medien bislang nicht geschehen ist. Die Washington Post,  BBC und The Guardian verweisen auf die Auswirkungen von Abwässern aus dem Gazastreifen und die ernsten Folgen für die Wasserversorgungssicherheit. Al Jazeera spricht von toxischen Auswirkungen des Ökozids in Gaza, vor denen die israelische Regierung ihre BürgerInnen nicht abschirmen kann.

In Israel und den dortigen Medien werden die Ursachen dieses weltweit aussergewöhnlichen Ereignisses und seine ungewöhnliche Dauer weitgehend verschleiert sowie seine Bedeutung und Folgen heruntergespielt.


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Dank Ihrer Spenden: Eine Wasserentsalzungsanlage liefert jetzt Trinkwasser für mehr als 1’000 Vertriebene westlich von Gaza-Stadt.

 

Auf einer Pressekonferenz am 7. September 2026 versuchte Eli Cohen, der Minister für Energie, Wasser und Infrastruktur, die Öffentlichkeit zu beruhigen: Die Wasserversorgung sei nicht gefährdet; zudem sei ihm kein Zusammenhang mit Abwässern bekannt, die aus dem Gazastreifen ins Mittelmeer fliessen. Am 18. September erfuhren LeserInnen der Zeitung Haaretz von einer Anhörung des Staatskontrollausschusses, die den Ernst der Lage verdeutlichte.

Die Ursachen dieser Algenblüte sind vielfältig: Ihr Ursprung im Nildelta ist ebenso eindeutig wie die Tatsache, dass Meeresströmungen sie nach Norden getrieben haben. Ein schwerer Sturm am Sonntag, dem 31. August, beschleunigte diesen Prozess und versorgte die Algen mit Nährstoffen und Sauerstoff.

Bei diesem Sturm handelte es sich nicht um ein gewöhnliches Naturereignis. Wenn sich das Mittelmeer im Spätsommer und Herbst stark erwärmt, liefert es reichlich Energie für schwere Stürme und sogenannte «Medicanes» (Hurrikans im Mittelmeerraum). Im August erreichte die Oberflächentemperatur des Mittelmeers im Durchschnitt 28,54 °C – der höchste seit 1940 gemessene Wert. Diese Wärme begünstigte eine raschere Vermehrung der Algen.

Die extreme Hitze und Dürre dieses Sommers – weltweit und insbesondere in Europa – haben SkeptikerInnen des menschengemachten Klimawandels veranlasst, ihre Ansichten zu überdenken.

Auf ihrem Weg zur israelischen Küste stiessen die Algen auf Nährstoffe aus den Abwässern des Gazastreifens – täglich 40 000 Kubikmeter. Dieser Aspekt wird bei der Anhörung der Regierung nicht einmal angesprochen, da er auf Israels Kriegsführung im Gazastreifen verweist: Die meisten Kläranlagen wurden zerstört oder beschädigt, vier von fünf Abwasserpumpstationen sind ausser Betrieb; Israel lässt kaum Baumaterial für den Wiederaufbau zu (unter Verweis auf Risiken durch «Dual-Use»-Güter) und beschränkt Energieimporte, sodass der Betrieb von Kläranlagen keine Priorität geniesst.

Die israelische Öffentlichkeit wird auf diesen möglichen Zusammenhang zwischen Klimawandel und Krieg nicht aufmerksam gemacht. Westasien erwärmt sich stärker als der Rest der Welt (die Erwärmung ist zwei- bis dreimal so hoch wie im weltweiten Durchschnitt); zudem ist es die Region, in der sich seit dem Zweiten Weltkrieg die meisten Kriege konzentriert haben.

WissenschaftlerInnen berechneten, dass in den ersten 15 Monaten des Gaza-Krieges mehr als 30 Millionen Tonnen CO₂ freigesetzt wurden (unter Berücksichtigung von Zerstörung, Trümmerbeseitigung und möglichem Wiederaufbau) – eine Menge, die die jährlichen Emissionen Dänemarks übersteigt. Anstatt auf diesen Zusammenhang (zwischen Klimawandel und Krieg) einzugehen, wird der israelischen Öffentlichkeit versichert, dass es sich bei dem Vorfall nicht um einen iranischen Cyberangriff handelte. Bezüglich des Versuchs, die Algenblüte aus der Luft mithilfe von Chemikalien einzudämmen, wurde erklärt, dass die verwendeten Substanzen für Menschen ungiftig seien. Während der Anhörung betonten WissenschaftlerInnen, dass eine Ölpest schlimmer und statistisch gesehen wahrscheinlicher wäre als das aktuelle Ereignis.

Regierung und Medien bemühen sich, die Öffentlichkeit zu beruhigen und die Sicherheit der Wasserversorgung zu betonen; so erhalte selbst Jordanien weiterhin die im Friedensvertrag von 1994 zugesagten Wassermengen, wenngleich Haushalte gegenüber der Landwirtschaft priorisiert, die Bewässerung öffentlicher Anlagen reduziert und die Bevölkerung zu einem sparsamen Umgang mit Wasser aufgerufen werden. Kaum berichtet wurde darüber, dass die Wasserlieferungen in den Gazastreifen zunächst vollständig eingestellt worden waren; in welchem ​​Umfang sie inzwischen wieder aufgenommen wurden, bleibt unbekannt. Eine Palästinenserin aus Bethlehem – deren Identität von Pressenza geschützt wird – äusserte sich auf die Frage, ob die besetzten palästinensischen Gebiete derzeit weniger Wasser erhielten, dahingehend, dass sie von dem Vorfall nichts gehört habe, aber ohnehin «das ganze Jahr über Wassermangel» herrsche.

Nach Angaben der Wasserbehörde wird Israels natürliche Wasserversorgung bis zum Jahr 2050 infolge des Klimawandels voraussichtlich um etwa 15 % zurückgehen – bedingt durch geringere Niederschläge, stärkere Verdunstung und häufigere Dürrejahre.

Israel inszeniert sich stolz als globale Wassermacht und verweist auf die technologischen Lösungen, die es zur Bewältigung des prognostizierten Verlusts entwickelt hat: Tröpfchenbewässerung (eine israelische Erfindung), eine Landwirtschaft, die fast vollständig auf aufbereitetes Wasser setzt, sowie die weltweit niedrigste Rate an Wasserverlusten durch undichte Leitungen und Meerwasserentsalzungsanlagen. Der Fluss Kishon wurde unter Verwendung von entsalztem Meerwasser saniert und revitalisiert (und wird mit jährlich weiteren 1,1 Millionen Kubikmetern gespeist). Ebenso wird der See Genezareth mit entsalztem Wasser aufgefüllt, um ein Umkippen zu verhindern.

Als vorübergehende Massnahme zur Sicherung der Wasserversorgung kündigte der Minister für Energie, Wasser und Infrastruktur an, dass erneut Wasser aus dem See Genezareth entnommen und neue Grundwasserbrunnen gebohrt würden. Im Rahmen einer öffentlichen Anhörung sah sich die Wasserbehörde dem Vorwurf ausgesetzt, die natürlichen (mittlerweile verunreinigten) Wasserressourcen nicht angemessen bewirtschaftet zu haben.

Die Küsten- und Gebirgsaquifere leiden unter Übernutzung, dem Eindringen von Meerwasser sowie Kontaminationen durch Nitrate, Kraftstoffe und Chemikalien. Zudem werden die meisten Gebirgsaquifere von Israel kontrolliert, wodurch den Palästinensern der Zugang verwehrt wird und sie gezwungen sind, ihr eigenes Wasser als Handelsware zu erwerben – eine Situation, die wiederum zu weiterer verstärkter Übernutzung und Gewalt führt.

Am 24. September wurde gemeldet, dass die Grundwasserstände in Israel kritisch niedrig seien: Sie lagen nur noch etwa 1,9 Meter über der «roten Linie», verglichen mit rund 5,3 Metern im Jahr 2024. Zwischen 2024 und 2025 sanken die Grundwasserstände so schnell wie seit mindestens 25 Jahren nicht mehr – mit einem Rückgang von fast 2,5 Metern innerhalb eines einzigen Jahres.

Für den See Genezareth gelten drei kritische Wasserstände: Bei -208,8 m (unter dem Meeresspiegel) besteht Überschwemmungsgefahr, sodass Wasser abgelassen werden muss; bei -213 m treten technische Probleme beim Pumpbetrieb sowie ökologische Belastungen auf; und bei -214 m droht dem See der ökologische Zusammenbruch. Im August wurden in der Umgebung des Sees Genezareth Temperaturen von 45 °C gemessen. Man konnte zusehen, wie der Wasserspiegel von Tag zu Tag sank. Laut einem Bericht der Jerusalem Post vom 10. September 2026 wurden dem See innerhalb von zehn Tagen – während die Entsalzungsanlagen ausser Betrieb waren – 3,3 Millionen Kubikmeter Wasser entnommen; dies führte zu einem Absinken des Wasserspiegels um 10 cm, von -213,4 m auf -213,5 m. Am 28.9. liegt der Wasserstand bei der Marke -213,53 m.

Der Produktionsausfall der Entsalzungsanlagen wurde vollständig durch die Entnahme von Wasser aus Grundwasserleitern und dem See Genezareth ausgeglichen – beides Ressourcen, die kurz vor dem Zusammenbruch standen. Der geplante Bau weiterer Entsalzungsanlagen (ab 2020) verzögerte sich aufgrund von Covid und Kriege.

The Guardian beruft sich auf ExpertInnen: «Nach fast drei Jahren Krieg fallen die Umweltfolgen der Zerstörung im Gazastreifen nun auf Israel zurück.»

Während der Anhörung wurde bekannt gegeben, dass die Betreiber der Entsalzungsanlagen bereits neue Membranen bestellt hatten. Nachdem WissenschaftlerInnen gewarnt hatten, dass eine Ölverschmutzung die Wassersicherheit noch stärker gefährden könnte, beeilte sich die Jerusalem Post, über eine weitere technische Lösung zu berichten: ein Aerogel, das Ölverschmutzungen bindet und zugleich ölabbauende Bakterien beim Abbau der Schadstoffe unterstützt.

Eine genauere Betrachtung der Zusammenhänge zwischen Krieg (und Kriegspolitik) und Klimawandel (unter besonderer Berücksichtigung mangelhafter oder gar falscher technischer Lösungen) würde den Fokus auf Wasser als Menschenrecht lenken. Ziel wäre eine gerechte, das Leben und den Planeten bewahrende Lösung, die auf einer gerechten, nicht gewinnorientierten Verteilung von Land und Wasser für alle Menschen beruht.


Der Artikel wurde von der Autorin Helga Merkelbach aus dem Englischen übersetzt und aktualisiert.

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Israelische Entnahme palästinensischen Wassers in den besetzten palästinensischen Gebieten (Foto: © H. Merkelbach)

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Palästinensisches Wasser in den besetzten palästinensischen Gebieten – als Handelsware von Israel bezogen (Foto: © H. Merkelbach)

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