Alles ist eins. Alles gehört zusammen. Nichts existiert getrennt vom anderen. Viele kennen die kosmischen Gesetze, die auf das Ägypten zur Zeit Moses zurückgehen. Wie oben, so unten, wie innen, so aussen. Die Welt ist in Gegenpole aufgeteilt: heiss – kalt, alt – jung, gestern – morgen. Das eine ist nicht besser oder schlechter als das andere. Es ist. Dem Wortlaut nach ist im All alles enthalten. Demnach gibt es ein allumfassendes Ganzes, aus dem nichts herausfällt. Sterne, Sonnen, Wolken, Landschaften, Ameisen – alles gehört zum Universum mit dazu: etymologisch «zu einem gedreht». Alles ist also in gewisser Weise «drinnen». Ein «Draussen» gibt es nicht: nichts, was in der kosmischen Ordnung nicht enthalten wäre.
Wir können Dinge aus den Augen verlieren und sie nicht mehr sehen. Wir können sie ausschliessen, wegsperren, verdrängen oder vergessen. Doch sie gehören immer noch mit dazu. Im Kosmos gibt es keine Mauer, kein Gefängnis, in dem das verschwindet, was man nicht haben will. Alles gehört zum Ganzen dazu. Auch wenn wir den einen oder anderen am liebsten zum Mond schiessen würden: Er bleibt Teil des Einen, des grossen Ganzen.
Dennoch versuchen wir, Dinge auszuschliessen, als ob es eben doch ein Draussen gäbe, einen Ort, an den wir das schicken können, was wir gemeinhin als böse bezeichnen. Doch was wir nicht sehen wollen, geht nicht weg. Nichts geht verloren, nichts wird erschaffen, alles verwandelt sich erkannte der Chemiker Antoine Lavoisier. Traumata reisen von Generation zu Generation, wenn sie nicht ans Licht kommen. Aus der systemischen Therapiearbeit ist bekannt, dass erst dann, wenn das Verdrängte, Ausgeschlossene wieder in die Gemeinschaft aufgenommen wird, Heilung erfahren werden kann.
Auf den Zahn gefühlt
In unserer Kultur hat das Trennende einen Namen: diabolos. Es ist das Verleumdende, das, was durcheinanderwirft und verwirrt. Es verführt den Menschen dazu, sich nur auf Details zu konzentrieren und den Überblick zu verlieren. In unserer Kultur hat das Trennende eine lange Geschichte. In der jüdischen Kosmologie ist Satan eine Engelkraft, die im Auftrag Gottes handelt. Er ist eine Art Anwalt, der die Menschen anklagt, wenn sie gegen Gottes Gebote verstossen.
Mit seiner Verführungskraft stellt er uns immer wieder auf die Probe, um unseren Glauben zu testen. Satan fühlt sozusagen den Menschen auf den Zahn: Na, wie verhältst du dich jetzt? Was machst du in dieser Situation? In einem solchen Verständnis der menschlichen Entwicklung gibt es Herausforderungen, die zugleich Orientierungshilfen sind. Diese Herausforderungen zu vernichten würde bedeuten, die Weiterentwicklung des Menschen zu verhindern.
Was wir das Böse nennen, gehört mit dazu. Das rechtfertigt weder Krieg noch Gewalt, Ausbeutung, Unterdrückung und Lüge. Es macht das, was wir als böse bezeichnen, nicht besser. Es gibt uns ein Verständnis dafür, dass alles zusammengehört. Und das ist von grosser Bedeutung für den Frieden in der Welt. Wer erkennt, dass alles zusammen eine Ganzheit bildet, ein Alles, ein All, der legt die Waffen nieder. Er kämpft nicht mehr gegen die Dinge an, sondern integriert in sich, was er im Aussen beobachtet.
Wer damit beginnt, den eigenen Neid anzunehmen, die eigene Eifersucht, den Geiz, die Boshaftigkeit, die Gewalt, das Unrecht, den Hochmut, der leistet einen wichtigen Beitrag zum Frieden. Denn dann müssen uns die Ereignisse nicht immer wieder vor Augen führen, was alles dazugehört und was wir in uns nicht sehen wollen.
Wer dem Leid ein Ende bereiten will, der setzt sich mit seiner eigenen Geschichte auseinander, mit seinen Verletzungen, seiner Bedürftigkeit, seinen Erwartungen. Er projiziert nicht in die Welt, was er in sich nicht sehen will, sondern wagt sich an das Kind in ihm heran, das immer noch von anderen erwartet, sie müssten seine Bedürfnisse und Wünsche erfüllen.
Etwas Neues kann beginnen, wenn wir keine halben Sachen mehr machen. Menschen bringen es in die Welt, die wissen, dass sich das Wesentliche nicht irgendwo da draussen abspielt, sondern in ihrem Inneren. Es kommt nicht auf die Informationen an, mit denen wir bombardiert werden, sondern darauf, was wir für uns daraus machen. Verstehen wir sie wie bei einer Krankheit als Symptome, die uns mitteilen, dass es a) ein Problem gibt, was b) gerade dabei ist, gelöst zu werden.