In vielen Darstellungen ist der Kreuzungspunkt durch den Körper des blutenden, sterbenden Christus verdeckt. An Händen und Füssen festgenagelt, hängt er an seinem Marterpfahl und macht das einstige Symbol des Lebens zu einem Abbild des Todes. Warum nimmt ihn niemand dort ab? Warum holt ihn niemand runter? Warum steht ein Sterbender im Zentrum eines Glaubens, dessen höchste Botschaft die Liebe ist?
Im christlichen Glauben wurde Christus nicht schon immer am Kreuz dargestellt. In der christlich-orthodoxen Kirche steht der auferstandene Christus im Mittelpunkt und die Kreuze sind zumeist leer. Es ist vor allem die katholische Kirche, die den Tod kultiviert. Seit sich im Jahre 1054 die römisch-katholische Kirche von den orthodoxen Kirchen getrennt hat, wird im Westen zunehmend der leidende und tote Christus dargestellt.
Seit mit der Renaissance Rom zum dauerhaften Sitz der Päpste wurde, eroberte das Symbol des Todes die Welt. Inquisition im Inneren, Kreuzzüge und «Heilige Kriege» im Äusseren – so sicherte sich das Heilige Römische Reich seine Macht, gestützt von einer Geschichtsschreibung, die sich des Ruhmes des Römischen Reiches bedient. (1)
Mit dem Leid des Gepeinigten ist die Schuld derer verbunden, die es zugelassen haben, den Erlöser der Menschheit auf abscheuliche Art hinrichten zu lassen. Damit hatte die Kirche Roms einen Trumpf in der Hand, den sie seitdem unablässig ausspielt. Der Mensch wird in Schuld und Scham gefangen gehalten, den Gefühlen, die energetisch am niedrigsten schwingen und auf der Hawkins’schen Bewusstseinsskala noch unter Angst, Wut, Trauer und Apathie liegen. (2)
Der Betrug
Das Christentum machte den Menschen zum Sünder, die Wissenschaft machte ihn zum Affen. So schwanken wir zwischen Ohnmacht und Hybris und finden die Mitte nicht. Denn sie ist verdeckt von Leiden und Schuld. Der Treffpunkt der Horizontalen mit der Vertikalen ist verborgen und das Paradies auf immer verloren. Allein Gehorsam und Gnade können uns noch retten.
Damit wurde der perfekte Untertan geschaffen. Aus dem Offenbarer von Erkenntnis und dem Botschafter der Nächstenliebe wurde ein Retter, auf den man hoffen kann. Anstatt sich selbst auf den Weg der Erkenntnis zu machen, beten die Gläubigen eine äussere Kraft an, die es richten soll. So war es und so ist es geblieben. Nur die Namen derer, die uns befreien sollen, haben sich geändert.
Verhinderte Begegnung
Das Kreuz war nicht von Anfang an ein christliches Symbol. Es existierte in verschiedenen Kulturen bereits tausende Jahre vor dem Christentum und hatte je nach Zeit und Ort unterschiedliche Bedeutungen. In frühen Kulturen wurden kreuzförmige Zeichen unter anderem mit den vier Himmelsrichtungen, den vier Elementen, der Sonne oder der Ordnung des Kosmos verbunden.
Das ägyptische Anch-Kreuz, das oben eine Schleife besitzt, steht für das Leben und das Weiterleben nach dem Tod. Erst mit dem Römischen Reich wurde das ursprüngliche Lebenssymbol zu einem Zeichen von Gewalt und Tod, das mit dem Heiligen Römischen Reich in die gesamte Welt verbreitet wurde.
Symbolisch gesehen treffen sich im Kreuz die dem Männlichen zugeordnete Vertikale und die dem Weiblichen zugeordnete Horizontale. Die Horizontale steht für Erde, Körper, Natur. Sie symbolisiert Beziehung, Empfänglichkeit und das Leben in der Zeit und verbindet Menschen auf derselben Ebene: Geburt, Gemeinschaft, Liebe, Sexualität und Tod. Sie verkörpert das empfangende, nährende und verbindende Prinzip.
Die Vertikale steht für Himmel, Geist und Transzendenz, für Richtung, Bewusstsein und den Weg zwischen dem Irdischen und dem Göttlichen. Sie verkörpert das aufsteigende, unterscheidende und zielgerichtete Prinzip: den Impuls, über das unmittelbar Gegebene hinauszugehen. Wo sich beide Achsen treffen, begegnen sich die Gegensätze: Himmel und Erde, Geist und Materie, Transzendenz und Verkörperung, das Männliche und das Weibliche.
Das Zusammentreffen ist keine Unterwerfung des einen unter das andere, sondern eine Verbindung zweier Dimensionen, mit denen der Mensch in Beziehung steht. Die Vertikale kann als die Achse des Bewusstseins verstanden werden: Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was übersteigt mein individuelles Leben? Die Horizontale ist die Achse des Daseins: Wie lebe ich mit anderen? Wie liebe ich?
Wie begegne ich Leid, Körperlichkeit und Vergänglichkeit?
Im Kreuz verbinden sich die verschiedenen Fragestellungen miteinander. Ohne Horizontale droht Spiritualität, sich von der konkreten menschlichen Wirklichkeit abzuwenden, und ohne Vertikale bleibt das Leben auf das unmittelbar Sichtbare und Zweckmässige begrenzt. Die Vertikale braucht die Horizontale, um in der Welt wirksam zu werden. Die Horizontale braucht die Vertikale, um über sich selbst hinausweisen zu können. Kein Prinzip steht dabei über dem anderen. Es geht darum, wie beide in der Mitte zusammenfinden.
Eine solche Sichtweise fokalisiert etwas anderes als Leid, Tod und Schuld. Hier geht es um Menschen, die Verantwortung für ihren eigenen Lebensweg übernehmen. Wie wenige das heute zu tun bereit sind, ist an den Machtstrukturen erkennbar, die die Gesellschaft zulässt. Wir haben es selbst so entschieden. Wer auf einen Retter hofft, der kann keine Verantwortung übernehmen.
Um von den eigenen Schwächen abzulenken, wird er einen Schuldigen suchen, auf den er projizieren kann, was er in sich nicht sehen kann oder will. Er wird sich damit herausreden, in einer Demokratie zu leben, und versteckt sich hinter den Regeln und Gesetzen, die man ihm auferlegt. Was könnten ein unverbesserlicher Sünder, ein verbesserter Affe und eine defekte Maschine auch anderes tun, als sich zu beugen und, um die Niedrigkeit zu ertragen, sich künstlich aufzuwerten?
Wenn in der Mitte der weiter Tod steht, wird sich darin nichts ändern. Erst dann, wenn der lebendige Christus vom Kreuz genommen und die Mitte wieder frei wird, können wir ein Bewusstsein dafür entwickeln, wie der Name Jesus Christus gelesen werden kann: JCH = ich. Das Ich steigt von Kreuz, Hände und Füsse von den Nägeln befreit und bereit, sich eigenverantwortlich den grossen Fragen des Lebens zu stellen.
Quellen
(1) https://zeitpunkt.ch/index.php/geschichten-praegen-geschichte
(2) David R. Hawkins: Die Ebenen des Bewusstseins: Der Weg zur inneren Kraft, Yes Publishing 2026