Töten von Staates wegen ist eine saubere Sache geworden. Zumindest, wenn der Vollstreckende Israel heisst. Aber bald wird die Technologie auch anderen Staaten zugänglich sein. Sie besteht in der gezielten Liquidierung feindlicher Kommandeure ohne Einsatz von Killerkommandos.
Punktgenaue Exekutionen mittels Raketen und Drohnen überraschen die Zielperson aus dem Nichts und lassen ihr nicht den Hauch einer Chance, ihrem Tod zu entgehen. Dass dabei ein paar weitere Menschen, die sich in unmittelbarer Nähe befanden, den Tod erleiden, ist zu bedauern, aber nicht ganz vermeidbar. Es wird deshalb notwendig sein, die Hinrichtungschirurgie so weit zu verfeinern, dass auf der weissen Weste des Auftraggebers keine blutigen Nebenwirkungen zurückbleiben.
Die israelische Tötungsmaschinerie – mit technologischer Unterstützung der USA – hat auf diese Weise schon viele feindliche Leader vernichtet. Ob es sich um Hamas-Repräsentanten, Hizbollah-Chefs oder, wie im jüngsten Konflikt, um die höchsten iranischen Geistlichen handelte: Wenn Israel ihren Tod beschloss, begann auch bereits der Countdown ihrer Liquidation.
Doch ihren Henker sahen sie nicht. Sie blickten dem Mann, der sie tötete, nicht in die Augen. Weil es diesen Mann nicht mehr gab. Weil es nur noch eine Rakete gab, eine Drohne und einen Knopfdruck.
Vor fünfzehn Jahren gab es diesen Mann noch. Der Soldat hiess Robert O’Neill und sein Zielobjekt trug den Namen Osama bin Laden.
Viele Jahre lang galt Osama bin Laden als der böseste Mensch auf der Welt. Er war der Inbegriff des fanatischen muslimischen Terroristen, der keine Gnade kennt. Tausende Unschuldige mussten sterben, weil er es befahl, und niemand vermochte Amerika mehr zu demütigen als er. Sein Hohngelächter nach den Anschlägen vom 11. September dröhnte fürchterlich in den Ohren der Supermacht. Um diese Attentate, wir wissen es, ranken sich die wildesten Theorien.
So oder so aber war nach dem 11. September 2001 das Todesurteil Bin Ladens besiegelt. Amerika jagte das Böse, und das Böse trug seinen Namen.
Zehn Jahre jagten sie ihn, dann fanden sie seinen Aufenthaltsort. Ein freistehendes kleines Haus mitten in Pakistan. Monatelang war das Anwesen observiert worden. Als mit grösster Wahrscheinlichkeit feststand, dass Osama bin Laden sich darin aufhielt, schlug die Stunde der Navy Seals, jener Spezialeinheit des US-Militärs, die für geheime Operationen vorgesehen und trainiert ist.
In einer mondlosen Nacht landeten zwei Militärhelikopter vom Typ Blackhawk auf dem Gelände. Es war der 2. Mai vor genau 15 Jahren. Die Elitesoldaten stürmten das Haus und die Treppe hinauf, erschossen den Mann, der unvermutet am oberen Ende der Treppe erschien, und bewegten sich weiter hinauf in den zweiten Stock, zuvorderst Robert O’Neill, der die erstbeste Tür aufriss – und vor einem gross gewachsenen älteren Mann stand, den der Überfall jäh aus dem Schlaf geschreckt hatte. Er wirkte verwirrt und eine Waffe hatte er nicht in der Hand. Osama bin Laden sah nicht aus wie ein gefährlicher Mensch.
Der Auftrag an die Elitekämpfer lautete: Töten oder festnehmen. Hätte der Überfallene auf der Stelle die Hände erhoben, wäre sein Leben möglicherweise verschont geblieben. Doch er machte keine Anstalten, sich zu ergeben, und vielleicht war sein Los in diesem Moment schon besiegelt.
Die Situation war zu explosiv. Jedes Zögern hätte den Erfolg der Operation in Gefahr bringen können. Und der Finger am Abzug ist schneller als ein Gedanke. Er verführt den Schützen zum Handeln.
Robert O’Neill handelte. Ein erster Schuss traf Osama bin Laden im Brustbereich. Dann zielte O’Neill auf die Stirn des Mannes. Zweimal drückte er ab. Beim zweiten Schuss sackte der dem Tod Geweihte zusammen.
Der Amerikaner stand in einem Zimmer in Pakistan und vor ihm lag der meistgesuchte islamistische Terrorist der Welt – tot. Der Navy Seal hätte stolz sein können.
Zwei Jahre später gestand er dem Journalisten, dem er die Tötungsaktion im Detail beschrieb, was ihm unmittelbar nach der Tat durch den Kopf ging. Er habe sich nämlich gefragt: «Ist dies das Beste oder das Schlechteste, was ich je getan habe?»
Was für eine Frage in einem Moment, der keine Fragen mehr stellt, keine Zweifel mehr braucht. Wer sich so etwas fragt, weiss im Grunde die Antwort. Die Antwort des Mannes erstaunt uns. Denn gab es für ihn und seine Spezialeinheit ein höheres, heldenhafteres Ziel als die Tötung des muslimischen Drachenkopfes?
Den Flug an den Ort des Geschehens erlebte der Elitesoldat wie im Fieber. Als die Landung unmittelbar bevorstand, schoss ihm das Adrenalin durch die Adern.
Eine letzte Bekreuzigung. Höchste Konzentration.
Und dann der Triumph. Die Erlösung vom Bösen. Die gute Tat für Amerika! Das alles verblasste, als der Gejagte hingerichtet am Boden lag. In den Ohren O’Neills dröhnte die Stimme seines Gewissens. Kein Todesstoss aus dem Nichts hatte Osama exekutiert, keine digital gesteuerte Drohne, kein chirurgisch präziser Schnitt. Er selbst hatte den Islamistenführer getötet. Er selbst, Robert O’Neill hatte einem anderen Menschen das Lebenslicht ausgelöscht.
Doch er musste ihm in die Augen sehen.
In den nächsten 2-3 Wochen erscheint keine Kolumne von Nicolas Lindt