Die Regierung von US-Präsident Donald Trump verfolgt offenbar einen strategischen Langzeitplan zur Schaffung eines «Gross-Nordamerika». Dieser soll eine exklusive Einflusszone der Vereinigten Staaten auf dem amerikanischen Doppelkontinent etablieren – von Grönland im Norden über die Karibik und Mittelamerika bis hin zu Venezuela und Kolumbien im Süden. Kriegsminister Pete Hegseth stellte diesen Ansatz Anfang März 2026 bei der «Amerikanischen Konferenz gegen Kartelle» im Hauptquartier des US-Südkommandos in Florida vor.
In seiner Rede erklärte Hegseth, alle souveränen Staaten und Territorien nördlich des Äquators gehörten zum unmittelbaren Sicherheitsperimeter der USA. «Jeder souveräne Staat und jedes Gebiet nördlich des Äquators, von Grönland bis Ecuador und von Alaska bis Guyana, gehört nicht zum ‹Globalen Süden›. Das ist unser unmittelbarer Sicherheitsperimeter in dieser grossen Nachbarschaft, in der wir alle leben», so der Minister. Als natürliche Barrieren nannte er den Amazonas und die Anden. Südlich dieser Linie wollen die USA eine stärkere Rolle bei der Verteidigung des Südatlantiks und des Südpazifiks übernehmen und gemeinsam mit anderen westlichen Staaten kritische Infrastrukturen sowie Ressourcen sichern.
Zum geplanten «Gross-Nordamerika» zählen neben dem zu Dänemark gehörenden Grönland und Kanada auch souveräne Länder wie Mexiko, Kuba, Kolumbien und Venezuela. Vor diesem Hintergrund erscheinen der völkerrechtswidrige Militärschlag gegen Venezuela vom 3. Januar 2026, die verschärfte Totalblockade gegen Kuba seit Januar sowie die wiederholten Drohungen gegen die linksgerichteten Regierungen in Kolumbien und Mexiko nicht als spontane oder erratische Aktionen, sondern als Teile einer kohärenten Strategie.
Die aktuelle Nationale Sicherheitsstrategie der USA, die Trump im November 2025 in Kraft setzte, untermauert diesen Kurs. Im Kapitel zur westlichen Hemisphäre heisst es, die Vereinigten Staaten wollten ihre Präsenz durch neue Partnerschaften ausbauen und andere Nationen davon abhalten, mit Drittländern – insbesondere China – zusammenzuarbeiten. Ziel sei es, dass diese Staaten die USA als ihren bevorzugten Wirtschafts- und Sicherheitspartner betrachten. Die «Expansion» wird dabei nicht primär als territoriale Annexion verstanden, sondern als Herstellung einer faktischen Abhängigkeit formell souveräner Staaten von Washington.
Der Plan knüpft direkt an die Monroe-Doktrin von 1823 an. Damals erklärte Präsident James Monroe den gesamten amerikanischen Doppelkontinent zur ausschliesslichen Einflusssphäre der USA und untersagte den europäischen Kolonialmächten weitere Kolonisierung oder Einmischung. Hintergrund waren die Unabhängigkeitskämpfe der spanischen und portugiesischen Kolonien in Lateinamerika. Die USA unterstützten diese Bestrebungen politisch, wollten aber gleichzeitig verhindern, dass europäische Mächte ihren Einfluss zurückgewannen. Die Doktrin diente der Aufteilung der Interessenssphären: die westliche Hemisphäre für die USA, die östliche für Europa.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erweiterte Präsident Theodore Roosevelt die Doktrin mit dem sogenannten Roosevelt-Corollary (1904). Die USA nahmen sich darin das Recht heraus, bei «chronischem Fehlverhalten» lateinamerikanischer Regierungen selbst einzugreifen und eine Art «internationale Polizeigewalt» auszuüben. Diese erweiterte Monroe-Doktrin legitimierte im Verlauf des 20. Jahrhunderts zahlreiche US-Interventionen: den Sturz des guatemaltekischen Präsidenten Jacobo Árbenz 1954, die gescheiterte Invasion in der Schweinebucht auf Kuba 1961, den Putsch gegen Salvador Allende in Chile 1973 sowie die Unterstützung von Militärdiktaturen in Südamerika. Auch die Truman-Doktrin von 1947, die im Kalten Krieg jede sowjetische Einflussnahme in der westlichen Hemisphäre verhindern sollte, baute darauf auf.
Die neue Nationale Sicherheitsstrategie bezieht sich nun explizit auf die Monroe-Doktrin und ergänzt sie um einen «Trump-Zusatz» (Trump Corollary). Dieser zielt vor allem darauf ab, den wachsenden Einfluss Chinas – aber auch Russlands und Irans – in Lateinamerika zurückzudrängen. «Nach Jahren der Vernachlässigung werden die Vereinigten Staaten die Monroe-Doktrin wieder geltend machen und durchsetzen, um die Vorrangstellung Amerikas in der westlichen Hemisphäre wiederherzustellen», heisst es darin.
Der Artikel von Philip Zimmermann auf america21 verweist zudem auf historische Parallelen zur Technokratischen Bewegung der 1930er und 1940er Jahre. Diese skizzierte bereits ein «Technat von Amerika», das grosse Teile des Kontinents umfasste – inklusive Grönland. Eine Karte aus dem Jahr 1940 illustriert diese Vision. (s.o.)
Zusammengefasst sieht der Autor in Trumps «Gross-Nordamerika» keine zufällige oder erratische Politik, sondern die konsequente Fortsetzung einer über zweihundert Jahre alten US-Strategie. Diese zielt auf die uneingeschränkte Vorherrschaft in der westlichen Hemisphäre ab, verbunden mit der Abwehr äusserer Einflüsse (insbesondere Chinas) und der Durchsetzung eigener Sicherheits- und Wirtschaftsinteressen – notfalls auch mit militärischen Mitteln.
Zimmermann kritisiert, dass unter dem Deckmantel des Kampfes gegen Drogenkartelle und für «Sicherheit» eine neokoloniale Logik wiederbelebt wird, die souveräne Staaten faktisch zu Vasallen macht. Die Rede Hegseths und die Nationale Sicherheitsstrategie zeigen, dass Washington die Monroe-Doktrin nicht nur rhetorisch, sondern praktisch wieder in Kraft setzt – mit weitreichenden Konsequenzen für Lateinamerika und die Karibik.