Die Architektonik der Angst
Geopolitische Paranoia und der Weg zur gemeinsamen Sicherheit - inspiriert durch Viktor E. Frankl
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Frankl beschrieb ein psychologisches Paradoxon, das die gegenwärtige Konfrontation präzise auf den Punkt bringt: das Phänomen der verfolgten Verfolger. Foto: Wikipedia

Die Pathologie der Gegenwart

Wenn wir heute auf die geopolitische Landkarte blicken, sehen wir eine Welt am Rande des Abgrunds. Die Kriegsgefahr zwischen dem Westen, angeführt von den USA und institutionalisiert durch die NATO, und der Russischen Föderation ist so greifbar wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Um diese Krise zu begreifen, greift das dominante, moralisierende Narrativ von Gut gegen Böse zu kurz. Es erklärt nicht die Dynamik der Eskalation, sondern befeuert sie. Eine tiefere, systemische Analyse ist notwendig. 

Hier erweist sich das Werk des Wiener Psychiaters und Logotherapeuten Viktor E. Frankl (1905–1997) als prophetisch. Insbesondere seine Gedanken aus seinem Vortrag «Das Problem des Friedens», den er 1968 an der Universität in Wien hielt, bieten das psychologische Instrumentarium für eine Geopolitik, die in der eigenen Angstlogik gefangen ist.

Frankl beschrieb ein psychologisches Paradoxon, das die gegenwärtige Konfrontation präzise auf den Punkt bringt: das Phänomen der verfolgten Verfolger (Viktor E. Frankl: Das Problem des Friedens. Vortrag an der Universität Wien, Akten des XIV. Internationalen Kongresses für Philosophie, Band II, Herder, Wien 1968, S. 121). Es bezeichnet einen Zustand, in dem ein Akteur aus einer tiefen, existenziellen Angst vor Verfolgung oder Vernichtung heraus selbst zum Aggressor wird. Sein Handeln, das er selbst als rein defensiv oder als legitimen Präventivschlag versteht, wirkt auf die Aussenwelt als brutale Aggression. Dadurch entsteht eine kollektive Paranoia, ein selbstreferentielles System wechselseitigen Misstrauens, in dem jede Sicherheitsmassnahme der einen Seite die existenzielle Bedrohung der anderen Seite zwingend nach sich zieht.

Der Teufelskreis aus US Containment und russischer Einkreisungsangst

Die aktuelle Konfrontation ist das Paradebeispiel eines solchen franklschen Teufelskreises, verknüpft mit den harten Realitäten der Geopolitik. Auf der westlichen Seite operiert das historische und reaktivierte Projekt der USA: die Strategie des Containment, also der Eindämmung (George F. Kennan: The Sources of Soviet Conduct. In: Foreign Affairs, Vol. 25, No. 4, 1947, S. 566–582). Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und verstärkt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verfolgt Washington das Ziel, den eurasischen Raum geopolitisch zu kontrollieren und Rivalen einzuhegen. Die kontinuierliche Osterweiterung der NATO, die Stationierung von Raketenabwehrsystemen und die logistische Erschliessung Osteuropas sind aus Sicht der US-Strategie rationale, defensive Schritte zur Sicherung der eigenen Hegemonie und zum Schutz von Verbündeten.

Doch Psychologie und Geopolitik lehren, dass die Wirkung einer Handlung selten ihrer proklamierten Absicht entspricht. Was der Westen als Sicherheitsarchitektur deklariert, kommt auf der Gegenseite als reale, physische Einkreisung an. Für die strategische Kultur Russlands, die von den Traumata historischer Invasionen geprägt ist, stellt das Vorrücken des mächtigsten Militärbündnisses der Welt bis an die eigene Kernlandgrenze eine vitale Bedrohung dar.

Hier schnappt die Falle des verfolgten Verfolgers zu. Aus der akuten Paranoia vor dieser Einkreisung heraus greift Moskau zu militärischen Mitteln, um verbliebene Pufferzonen gewaltsam zu sichern und rote Linien zu ziehen. Diese russischen Gegenaktionen werden vom Westen wiederum als ultimativer Beweis für einen ungesättigten, imperialen Expansionsdrang gewertet. Die Konsequenz: Das westliche Containment wird im Sinne einer selbtherbeigeführten Prophezeiung scheinbar nachträglich gerechtfertigt und weiter intensiviert. Beide Blöcke jagen sich gegenseitig in eine Rüstungs- und Eskalationsspirale, weil beide sich als das eigentliche Opfer des jeweils anderen definieren.

Die prophetische Warnung des Architekten der Eindämmung

Wie tief dieser Teufelskreis in einer Fehlinterpretation von Sicherheit wurzelt, zeigt die intellektuelle Biografie des Mannes, der das Containment einst begründete. George F. Kennan wehrte sich schon früh gegen die fundamentale Militarisierung seines Konzepts durch die US-Administrationen. Für Kennan war die Eindämmung primär eine politische und wirtschaftliche Aufgabe, kein militärisches Einkreisungsprojekt (George F. Kennan: Memoiren eines Diplomaten. Belser, Stuttgart 1968, S. 364).

Nach dem Ende des Kalten Krieges meldete sich der gealterte Diplomat mit einer eindringlichen Warnung zu Wort. Er brandmarkte die beginnende Expansion des westlichen Militärbündnisses nach Osten als historischen Fehlschlag. Die Entscheidung, die NATO zu erweitern, sei der verhängnisvollste Fehler der amerikanischen Politik in der gesamten Ära nach dem Kalten Krieg (George F. Kennan: A Fateful Error. In: The New York Times, 05.02.1997, S. A23).

Kennan sah voraus, dass unkluge Erweiterungsschritte die nationalistischen, immanent antiwestlichen und militaristischen Tendenzen in der russischen Meinung entflammen, die Entwicklung der russischen Demokratie beschädigen und die Atmosphäre des Kalten Krieges in die internationalen Beziehungen zurückbringen würden (George F. Kennan: A Fateful Error. In: The New York Times, 05.02.1997, S. A23). Dass ausgerechnet der Vordenker des Containment das westliche Vorgehen als tragischen Fehler einstufte, weil niemand zu diesem Zeitpunkt irgendwen bedrohte (George F. Kennan: Interview mit Thomas L. Friedman. In: The New York Times, 02.05.1998, S. 11), unterstreicht die psychologische Tragweite der paranoiden Blocklogik. Die Warnung blieb ungehört, und die selbsterfüllende Prophezeiung nahm ihren Lauf.

Das eingeklemmte Europa im globalen Nullsummenspiel

In diesem gigantischen Systemkonflikt nehmen die europäischen Staaten eine tragische und hochgradig paradoxe Zangenposition ein. Europa ist nicht der Initiator dieser globalen Strategie, wohl aber ihr primärer potenzieller Austragungsort.

Einerseits fungiert Europa über die transatlantische Klammer als operativer Arm und Infrastruktur des amerikanischen Containment. Durch die Stationierung von US-Truppen, nuklearen Abschreckungsmitteln und Kommandozentralen werden europäische Hauptstädte und Territorien automatisch zu den primären Zielen russischer Verteidigungs- und Angriffsplanungen. Europa exekutiert eine Politik, deren strategische Leitlinien in Washington entworfen werden.

Andererseits trägt Europa das unmittelbare und volle Risiko der russischen Reaktionen, sei es durch die wirtschaftliche Disruption, die Zerstörung von Handelswegen oder die physische Bedrohung im Falle einer kinetischen Eskalation. Europa hat sich in eine logische Sackgasse manövriert: Es teilt die Angst vor Russland, ist aber gleichzeitig Gefangener einer US-Sicherheitsphilosophie, die auf Konfrontation statt auf eine dauerhafte, inklusive europäische Friedensordnung setzt.

Im Sinne Frankls hat Europa seine kollektive Autonomie eingebüsst. Es hat den Raum zwischen Reiz und Reaktion verloren. Zwischen Reiz und Reaktion liegt unendlich viel Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion (Viktor E. Frankl: Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn. Piper, München 1979, S. 24). Auf jeden Impuls aus Moskau oder Washington reagiert der europäische Kontinent im vorgegebenen, fast reflexhaften Takt der transatlantischen Blocklogik, unfähig, eine eigene, vermittelnde Existenzberechtigung zu formulieren.

Der gedehnte Raum zwischen Reiz und Reaktion

Dass dieser Verlust des franklschen Zwischenraums fatal ist, zeigt ein Blick in die Geschichte. Im Oktober 1962 stand die Welt während der Kubakrise vor einer ganz ähnlichen systemischen Paranoia. Das US-Containment traf auf die sowjetische Gegenreaktion, als Moskau als Antwort auf US-Raketen in der Türkei eigene Nuklearwaffen auf Kuba stationierte. Auch damals drohte die Logik des verfolgten Verfolgers in die totale Vernichtung zu führen.

Was die Welt damals rettete, war die bewusste Entscheidung von John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow, den Raum zwischen Reiz und Reaktion künstlich zu dehnen. Trotz des enormen Drucks ihrer jeweiligen Militärapparate verweigerten sie den reflexhaften, automatischen Gegenschlag. Stattdessen schufen sie durch Geheimdiplomatie und informelle Kanäle Zeit für Reflexion. Sie blickten über die akute Bedrohung hinweg auf das transzendente Ziel: das Überleben der Menschheit. Der spätere Abzug der Raketen aus Kuba und der Türkei war kein Zeichen von Schwäche, sondern der Triumph der Selbsttranszendenz über die paranoide Blocklogik.

Heute, in einer digitalisierten und hyperbeschleunigten Welt, ist dieser Raum zwischen Reiz und Reaktion gefährlich geschrumpft. Cyberangriffe und hybride Manöver verlangen Reaktionen in Sekundenschnelle. Umso dringlicher ist die historische Lektion, diesen Raum durch besonnene Staatskunst bewusst wieder offenzuhalten.

Widerstand gegen den kollektiven Geist

Doch Geopolitik wird nicht nur von Staatsmännern gemacht; sie lebt von der psychologischen Beschaffenheit der Massen. Frankl erlebte im Laufe seines Lebens die Erschütterungen zweier Weltkriege und überlebte die unvorstellbaren Schrecken von Auschwitz sowie drei weiteren Konzentrationslagern. Aus dieser tiefen existenziellen Grenzerfahrung heraus warnte er zeitlebens vor der Pathologie des Zeitgeistes und der Dynamik des kollektiven Hasses. In Zeiten akuter Kriegsgefahr neigen Gesellschaften dazu, in ein binäres Lagerdenken zu verfallen. Das Individuum gibt seine moralische Urteilskraft an das Kollektiv ab. Der Gruppenzwang infiziert das Denken: Wer nuanciert, gilt als Verräter; wer den Feind vermenschlicht, als Komplize.

Hier setzt Frankls radikaler Appell an die individuelle Verantwortung an, den er in seinem epochalen Werk Trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychiater überlebt das Konzentrationslager festhielt. Er betonte stets, dass es auf dieser Welt nur zwei Rassen von Menschen gibt: die Rasse der anständigen Menschen und die Rasse der unanständigen Menschen. Beide Rassen sind überall zu finden; sie dringen in alle Gruppen und politischen Lager vor (Viktor E. Frankl: ...trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychiater überlebt das Konzentrationslager. Verlag für Jugend und Volk, Wien 1946, S. 112).

Der Einzelne steht heute in der Pflicht, sich dem Sog des kollektiven Geistes zu widersetzen. Friedensarbeit beginnt im Mikrokosmos des eigenen Denkens durch die Verweigerung der Entmenschlichung. Das Erkennen, dass auf der anderen Seite der Frontlinie Individuen mit Ängsten, Familien und Hoffnungen stehen, bricht die propagandistische Matrix auf. Zudem braucht es eine kritische Distanz zur eigenen Blase: Die Fähigkeit, das US-Containment und seine eskalierende Wirkung rational zu benennen, ohne dadurch die russische Aggression zu rechtfertigen, erfordert intellektuelle Unabhängigkeit. Das Gewissen ist nach Frankl das Organ des Sinns (Viktor E. Frankl: Der leidende Mensch. Anthropologische Grundlagen der Psychotherapie. Bern 1975, S. 58). Es befähigt den Menschen, das Einzigartige und Notwendige in einer Situation zu erkennen, auch wenn es dem Gebrüll der Masse widerspricht. Wenn Individuen sich weigern, den Hass zu multiplizieren, entziehen sie der geopolitischen Paranoia den Treibstoff.

Selbsttranszendenz als geopolitische Notwendigkeit

Wie lässt sich das System auf makropolitischen Ebenen durchbrechen? Viktor Frankls Antwort liegt in der Übertragung der Selbsttranszendenz auf die Geopolitik des atomaren Zeitalters. Menschsein bedeutet immer, über sich selbst hinauszuweisen, hin auf etwas, das nicht man selber ist (Viktor E. Frankl: Der Wille zum Sinn. Ausgewählte Vorträge über Logotherapie. Bern 1972, S. 83). Die Vorstellung, dass der Sicherheitsgewinn der NATO der Sicherheitsverlust Russlands sein muss, ist ein kollektiver Todespakt. Eine transzendente Wende verlangt die Anerkennung einer fundamentalen Wahrheit: Im Angesicht von Massenvernichtungswaffen, unkontrollierter militärischer KI und globalen ökologischen Kipppunkten kann Sicherheit niemals gegen den Rivalen, sondern nur noch gemeinsame Sicherheit sein (Egon Bahr: Gemeinsame Sicherheit. Gedanken zur Entschärfung der nuklearen Konfrontation in Europa. In: Europa-Archiv, Nr. 14, 1982, S. 421).

Das bedeutet konkret eine Perspektivenübernahme ohne moralische Kapitulation. Das rationale Nachvollziehen der russischen Einkreisungsangst durch den Westen und das rationale Begreifen der westlichen Bündnisverpflichtungen durch Moskau sind Voraussetzungen für Verhandlungen. Es geht nicht darum, Handlungen zu entschuldigen, sondern ihre Ursachen psychologisch und strategisch zu dekonstruieren.

Gleichzeitig ist dies die blockübergreifende Aufgabe Europas: Europa muss aus seiner Passivität heraustreten und das gemeinsame Überleben des Kontinents als übergeordneten Sinn definieren. Die historische Aufgabe Europas liegt darin, sich vom blossen Objekt des US-Containments zum Subjekt einer neuen, multipolaren Friedensdiplomatie zu entwickeln. Ein dauerhafter Frieden auf diesem Kontinent ist langfristig nicht gegen Russland denkbar, sondern nur durch eine schrittweise Einbindung legitimer Sicherheitsinteressen aller Parteien.

Frieden als existentieller Auftrag

Viktor Frankl erinnerte uns daran, dass der Mensch das Wesen ist, das die Gaskammern von Auschwitz erfunden hat, aber auch das Wesen, das mit einem Gebet auf den Lippen in sie hineingegangen ist (Viktor E. Frankl: ...trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychiater überlebt das Konzentrationslager. Verlag für Jugend und Volk, Wien 1946, S. 131). Er wusste um die Abgründe der menschlichen Natur, aber auch um ihre Fähigkeit zur Verantwortung.

Die aktuelle Kriegsgefahr ist kein blindes Schicksal, dem wir hilflos ausgeliefert sind. Sie ist das Produkt von Strukturen, die auf Angst, Containment und kollektiver Paranoia basieren. Wenn Krieg in den Köpfen durch Entfremdung und das System des verfolgten Verfolgers beginnt, dann muss der Frieden dort beginnen, wo das Individuum dem Kollektiv trotzt und wo politische Akteure den Mut aufbringen, den Raum der Freiheit zu betreten. Verantwortung zu übernehmen und das Überleben der Menschheit als unseren gemeinsamen Sinn anzuerkennen, ist kein utopischer Luxus. Es ist die einzige realistische Überlebensstrategie, die uns bleibt. Frieden ist kein statischer Zustand, sondern ein täglicher, existentieller Auftrag.

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