«Die Gedanken sind frei» – Text und Melodie des eingängigen Liedes reichen bis ins 18. und 19. Jahrhundert zurück. «Glauben Sie nicht alles, was Sie denken» soll der Komiker Heinz Erhardt im Nachkriegsdeutschland gesagt haben. «Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst», sang Gitte in den 1970er-Jahren. Mancher begann zu ahnen, dass die Gedanken vielleicht doch nicht so frei sind.
Heute meint dennoch jeder, zu denken, was er will. Und wenn andere nicht dasselbe denken, gibt es Ärger – oder man spricht erst gar nicht miteinander. Mit denen kann man nicht reden. Viele Gedanken dürfen nicht weitergedacht werden, etwa die Frage, ob CO₂ tatsächlich der monokausale Auslöser des Klimawandels ist, oder die Frage, wie die Welt heute aussähe, wenn es den Holocaust nicht gegeben hätte und damit ein wesentlicher Faktor für die internationale Unterstützung der Gründung Israels entfallen wäre.
Es herrscht gemeinhin die Vorstellung, Denken sei subjektiv. Jeder hat seine eigenen Gedanken – und somit auch seine eigene Wahrheit. Was heute als wahr gilt, kann sich morgen als falsch erweisen. Was für den einen richtig ist, kann für den anderen verkehrt sein. Eine allgemeine, für alle gültige Wahrheit hat es damit immer schwerer. Umso leichter hat es die Lüge in einer Gesellschaft, in der Wahrheit zu einem dehnbaren Begriff geworden ist.
Die Sehnsucht nach allgemeiner Gültigkeit jedoch bleibt. Woran sollen wir uns sonst festhalten? Auf welchen Stein sollen wir den Fuss setzen? Über irgendetwas muss man sich ja sicher sein. Es kann ja nicht alles falsch sein. Wohl jeder sucht nach Gegebenheiten, an denen er nicht rütteln lässt. Das Universum ist aus einem zufälligen Knall entstanden. Der Mensch stammt vom Affen ab. Gott ist tot. Wer etwas anderes behauptet, hat sie nicht alle beisammen.
Wahrheitsfindung
In seinem Buch Wahrheit heilt! zeichnet der freie Anthroposoph Hans Bonneval eine andere Perspektive. Er versteht Wahrheit im Wesentlichen als etwas Spirituelles. Um Zugang zur Wahrheit zu bekommen, muss der Mensch die geistige Wirklichkeit hinter den Erscheinungen erkennen. Denn für Bonneval ist der Geist die schöpferische Ursache und die Materie deren Erscheinungsform.
Da unser gewöhnliches Denken zu stark von bereits vorhandenem Wissen, Vorurteilen und materialistischen Vorstellungen geprägt ist, sollten wir lernen, möglichst unvoreingenommen an die Erscheinungen heranzutreten. Anstatt sie sofort mit fertigen Begriffen zu beurteilen, geht es darum, denkend ihr Wesen zu erfassen.
Damit ist Denken mehr als ein subjektiver, rein materieller Nervenvorgang. Es ist ein lebendiger Austausch mit dem Objekt. Bei der Wahrheitsfindung spricht gewissermassen das Betrachtete. Es ist ein Dialog, der an eine Szene aus Der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry erinnert: Durch wohlwollendes, aufmerksames Betrachten wird die Rose gezähmt.
Anstatt den Dingen unseren Stempel aufzudrücken, lassen wir quasi das Objekt sprechen: Wer bist du? Was erzählst du mir? Das setzt Offenheit und Interesse am anderen voraus. So entsteht Vertrauen zwischen Betrachter und Betrachtetem. Wenn das vorgefertigte Wissen schweigt, kann sich das Wesen des Objekts offenbaren. Es vertraut sich uns in gewisser Weise an.
So wird Denken wahrheitsfähig. Die Wahrheit, die sich auf diese Weise erschliesst, ist objektiv, so Bonneval. Denn sie geht vom Objekt aus. Während sich bei der Subjektivität oft Vorurteile, Dogmen und feste Wissenssätze bilden und das freiheitlich Schöpferische regelrecht erdrücken, werden bei der objektorientierten Betrachtungsweise schaffende, geradezu gesundheitsfördernde Kräfte frei. Die Antworten tauchen nicht aus dem Gedächtnis auf, sondern entstehen aus einem aktiven Dialog mit den Dingen.
Ich sehe dich
Diese Herangehensweise an die Welt hat nichts Eroberndes, Beherrschendes. Sie schafft eine tiefe und wahrhaftige Verbindung zwischen Betrachter und Betrachtetem. Durch gedankliche Zuwendung wird dem Objekt Respekt zuteil, Achtung, Ehre. Die Blume wird nicht abgebrochen und in ihre Einzelteile zerlegt, sondern erhält als geistig im Ganzen Wahrgenommenes Bedeutung und Sinn.
Wie sähe wohl unsere Welt aus, wenn wir so an sie herantreten würden? Könnten wir dann noch ausbeuten, erobern und töten? Würden wir einander dann noch missachten und übergehen, wenn wir wüssten, wie sehr Wahrheitsfindung auch unserer Gesundheit zuträglich ist? Würden wir sogenannte Wahrheiten von denen übernehmen, die wir als Autoritäten anerkennen, wenn wir verstünden, dass Wahrheit eine Lebenskraft ist?
Wie anders wäre unser Leben, wenn wir den Dingen nicht unsere Gedanken und Ideen aufstülpen, sondern sie selbst für sich sprechen lassen würden? Wenn das Objekt zu dem würde, was es im philosophischen Sinne eigentlich ist: das Erkannte. «Ich sehe dich.» Gibt es etwas Schöneres, was wir uns gegenseitig zum Geschenk machen können?