Die Langeweile des Friedens
Eine Wanderung mit meinem Sohn – und die Anziehungskraft des Krieges. Die Kolumne aus dem Podcast «Mitten im Leben»
«Ich werde es immer bestaunen. Es langweilt mich nie.» (Bild NL)
«Ich werde es immer bestaunen. Es langweilt mich nie.» (Bild NL)

Während die Kriegstreiber in Europa gegen Russland zum Angriff blasen, mit einem «letzten Sommer in Frieden» drohen, Bodentruppen mobilisieren und das Vermögen der Völker in todbringende Waffen  umsetzen wollen - während also Europa aus zwei Weltkriegen nichts gelernt hat und einen dritten entzünden will, erinnere ich mich an ein Gespräch, das ich vor etlichen Jahren mit meinem jüngeren Sohn geführt habe.

Auf einer Wanderung zur Scheidegg – ein Aussichtspunkt oberhalb unseres Dorfes – fragte mich Alexis, ob ich an die Möglichkeit eines dritten Weltkrieges glaube. Seit einiger Zeit schon hatte er sich Gedanken zum Krieg gemacht, weil er inzwischen aus dem Schulunterricht wusste, dass Krieg nicht dasselbe ist wie der Krieg, den ihm seine Playstation zeigte. Das Thema ließ Alexis nicht los, und auch mich ließ er damit nicht los. Immer wieder musste ich ihm vom Zweiten Weltkrieg erzählen, von Hitler und Stalin, von der Judenverfolgung, vom Eroberungsfeldzug der Wehrmacht und von den Alliierten, als sie an der Küste der Normandie landeten.

Während wir in den Wald abbogen und dem Wanderweg folgten, fragte mein Sohn, wer denn schlimmer gewesen sei, die Nationalsozialisten oder die Kommunisten? Und als er auf eine Pyramide gefällter Baumstämme kletterte, erklärte ich ihm, warum die Amerikaner gemeinsame Sache mit Stalin machten, obwohl doch auch Stalin viele Millionen umbringen liess. Ich versuchte ihm begreiflich zu machen, warum der Feind meines Feindes im Kriegsfall mein Freund ist.

Wir traten auf eine Wiese hinaus, die Sonne stach durch die Wolken hervor, und ich legte meinem Sohn dar, dass Stalin zur Befreiung Europas von Hitlerdeutschland massgeblich beitrug. Ich erzählte ihm, wie die Deutschen nach der Niederlage bei Stalingrad vom Kriegsglück verlassen wurden, und Alexis hörte mir gebannt zu. Er schwieg einen Augenblick. Über der Lichtung lag eine große Ruhe. Nur ein paar Vögel zwitscherten. Wir waren ganz allein.

«Heisst Stalingrad wirklich so?» fragte mein Sohn in die Stille hinein. Er merkte gar nicht, wo wir uns gerade befanden. Der Frieden, der uns umgab, hatte für ihn keine Bedeutung. Ohne unser Gespräch hätte er sich gelangweilt. Es ist das Vorrecht der Jugend, dass sie sich langweilen darf. Ich verstand meinen Sohn. Viel mehr als unsere Wanderung interessierte ihn der Fortgang des Krieges.

«Stalingrad heisst wieder Wolgograd», beantwortete ich seine Frage. «Aber schau doch lieber, wie schön es hier ist!»

Alexis fand es auch schön. Er gönnte mir eine kurze Gefechtspause, doch schon nach der nächsten Biegung befanden wir uns wieder mitten im Kampfgebiet. Der Geschützdonner der Kriegsjahre 39-45 begleitete uns während des ganzen restlichen Aufstiegs.

Alexis fragte, ich gab ihm Antwort. Ich liebte es, ihm zu antworten, denn der Weltkrieg fesselt auch mich, und als ich ein Kind war, habe ich meinem Vater dieselben Fragen gestellt. Der Krieg, so schrecklich er ist, übt eine seltsame Anziehung aus. Die Menschen im Westen sind von ihm fasziniert. Sie sehnen sich insgeheim nach dem Krieg, weil sie wie Teenager sind. Sie wünschen sich, ohne sich dessen bewusst zu sein, den Ausnahmezustand herbei, weil der Frieden sie langweilt. Weil sie nicht wissen, was Krieg wirklich ist.

Noch bevor Deutschland kapitulierte, erreichten wir unser Ziel. Von der Scheidegg blickten wir hinab auf den See und das weite Land. Ich bestaunte das Panorama der Alpen, so wie ich es schon hunderte Male bewundert hatte. Ich werde es immer bestaunen. Es langweilt mich nie.

«Du hast mir noch keine Antwort gegeben», erinnerte mich Alexis. «Glaubst du, es gibt irgendwann einen dritten Weltkrieg?»

«Ich hoffe es nicht», entgegnete ich, «ich hoffe, die Menschen vergessen nie, dass der Friede schöner ist als der Krieg.» Mit einer ausschweifenden Geste über den Kranz der Berge, der uns umgab, zeigte ich meinem Sohn, was ich meinte.

Ich zeigte ihm die Schönheit des Friedens. 

Nicolas Lindt

Nicolas Lindt

Nicolas Lindt (*1954) war Musikjournalist, Tagesschau-Reporter und Gerichtskolumnist, bevor er in seinen Büchern wahre Geschichten zu erzählen begann. In seinem zweiten Beruf gestaltet er freie Trauungen, Taufen und Abdankungen. Der Autor lebt mit seiner Familie in Wald und in Segnas.

Bücher von Nicolas Lindt

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