Die stille Revolution
Die Erinnerung an die frühchristliche Glaubensrichtung der Katharer ist eine Inspiration für die heutige Zeit.
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Die Ruine von Montsegur, der letzten Hochburg der Katharer. Foto: Wikipedia

Die Welt hat viele Aufstände gesehen. Viele von ihnen endeten damit, dass sich die Umstände noch weiter verschlechterten. Auf die Französische Revolution folgten Terrorherrschaft, Bürgerkrieg und Kriege in Europa, auf die Russische Bürgerkrieg, Hungersnöte und Massenrepression, auf die Chinesische die Kulturrevolution mit Millionen Todesopfern und auf den arabischen Frühling Bürgerkriege und eine Verstärkung der autoritären Herrschaft.

In meiner Wahlheimat Südfrankreich ist die Erinnerung an eine andere Revolution lebendig, eine Bewegung, die sich im Mittelalter nicht dem globalen Machtstreben der römisch-katholischen Kirche gebeugt hat. Das Gedenken an die Katharer hat nicht nur die Inquisition überstanden, sondern auch die französische Revolution und einen Laizismus, der eine strenge Neutralität fordert und bei vielen Menschen Ausdruck einer tiefen religiösen Abneigung ist.

Während viele der katholischen Kirche gegenüber eine ablehnende Haltung einnehmen, kommt den Katharern ein besonderes Interesse und sogar Bewunderung zu. Die Burgen, in die sie sich zurückgezogen haben, gehören zu den wichtigsten touristischen Attraktionen. Katharer waren Christen. Doch sie erkannten nur eine Autorität an: Gott. Sie beugten sich nicht vor dem Papst, kritisierten den Reichtum und die Macht des Klerus, kannten nur ein einziges Sakrament und mussten dafür mit dem Leben bezahlen.

Tötet sie alle

Katharer gab es vor allem im Languedoc und in Norditalien. Auch in Deutschland hatten einige sich niedergelassen, vor allem um Köln herum, in Teilen Schwabens und am Rhein entlang. Sie glaubten an zwei gegensätzliche Prinzipien: einen guten, rein geistigen Gott und einen bösen oder minderwertigen Schöpfer der materiellen Welt.

Da sie die materielle Welt ablehnten, lebten sie ein einfaches, asketisches Leben. Sie verzichteten auf Reichtum, verehrten keine Kreuze oder Reliquien, ernährten sich überwiegend vegetarisch oder vegan und legten grossen Wert auf das persönliche Gebet und moralisches Handeln. Anders als in der katholischen Kirche waren Frauen den Männern nicht untergeordnet und konnten das hohe Amt der Perfecti belegen.

Von vielen ihrer Zeitgenossen wurden die Katharer geschätzt, weil sie ihre Ideale wirklich lebten. Das war der Kirche Roms ein Dorn im Auge. 1209 rief Innozenz III. den sogenannten Albigenserkreuzzug aus, der sich gegen die Katharer und ihre Unterstützer in Südfrankreich richtete.

In der Stadt Béziers weigerten sich die Menschen, die Katharer auszuliefern. Nur einen Tag dauerte die Belagerung, als es einigen Kreuzzüglern gelang, durch ein geöffnetes Stadttor einzudringen. Es folgte ein grausames Massaker an allen Bewohnern der Stadt. Männer, Frauen und Kinder wurden auf offener Strasse hingerichtet, ein grosser Teil der Stadt geplündert und durch Brände zerstört.

«Tötet sie alle. Gott wird die Seinen erkennen». Der Ausspruch des päpstlichen Legaten wurde zu einem der berühmtesten Zitate des Mittelalters. Das Blut von Katholiken und Katharern vermischte sich und soll in Strömen durch die Strassen geflossen sein. 20 000 Tote nennen die mittelalterlichen Quellen, niedergemetzelt im Auftrag Gottes.

Bis zum Letzten

Besonders bekannt ist auch die Belagerung der Bergfestung Montségur. Die Burg wurde zum Symbol für das Ende der Katharer. Es war der letzte grosse Widerstand gegen die katholische Kirche und die französische Krone. Insbesondere den Perfecti, der geistigen Führung der Katharer, diente die hoch auf einem Felsen gelegene Burg als Zuflucht. Fast zehn Monate lang wurde sie belagert, als der Widerstand zusammenbrach.

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Den Katharern wurde die Möglichkeit gegeben, ihrem Glauben abzuschwören und zum katholischen Glauben überzuwechseln. Wohl keiner von ihnen nahm sie an. Von den zweihundert Belagerten gingen zweihundert in die Feuer, die am Fusse des Berges loderten. Es war eine der grössten dokumentierten Massenhinrichtungen wegen religiöser Überzeugungen im mittelalterlichen Europa.

Nicht schreiend und wehklagend stürzten sich die letzten Katharer in die Flammen. Keine Panik brach aus. Nachdem sie sich das Consolamentum verabreicht hatten, das einzige Sakrament ihres Glaubens, gingen sie gelassen, betend und singend in den Tod, vorbei an den ungläubigen Inquisitoren, um bis heute in der Erinnerung vieler Menschen weiterzuleben.

Den Funken entfachen

Um Montségur herum ranken sich zahlreiche Legenden. Historisch erwiesen ist, dass kurz vor der Kapitulation einigen Katharer die Flucht gelang. Sie sollen einen geheimnisvollen Schatz bei sich gehabt haben. Von Gold über geheime Evangelien bis hin zum Heiligen Gral reichen die Erzählungen. Und von einer Prophezeiung ist die Rede. Nach 800 Jahren soll das Wissen der Katharer zurück sein. Das wäre genau heute.

Fest steht, dass die Katharer einen direkten Bezug zum Urchristentum hatten, und zum gnostischen Wissen: eine tiefe Einsicht in die wahre Natur Gottes, des Menschen und der Welt. Auch in den gnostischen Lehren ist der wahre Gott rein geistiger Natur und die materielle Welt unvollkommen. Im Menschen glimmt ein göttlicher Funke oder geistiger Kern, der durch wahre Erkenntnis – Gnosis – entfacht werden kann.

Dieses Wissen ist nicht in den Flammen verbrannt. Es ist keine Heilslehre, wonach es Mittler zwischen Menschlichem und Göttlichem braucht, prunkvolle Gebäude oder strenge Hierarchien. Urchristliches Wissen ist kosmisches Wissen. Auf der Reise der menschlichen Seele gibt es keinen Retter, nur die Erkenntnis der grossen Zusammenhänge und des göttlichen Feuers, das in jedem Menschen brennt.

Dieses Feuer braucht es jetzt, in dieser Zeit des Zusammenbruchs. Uns wird nicht abverlangt, wie die Katharer singend in den Tod zu gehen. Die Revolution, um die es geht, ist eine innere. Es ist eine Revolution des Bewusstseins, die nicht Gewalt mit Gewalt vergilt, sondern dem globalen Machtstreben mit einer stillen Geste antwortet und zur Seite tritt: Ich mache hier nicht mit. Ich erinnere mich an den Funken, der in mir glimmt, und lasse ihn sich entfachen.

Kerstin Chavent

Kerstin Chavent

Kerstin Chavent lebt in Südfrankreich. Sie schreibt Artikel, Essays und autobiographische Erzählungen. Auf Deutsch erschienen sind bisher unter anderem Die Enthüllung,  In guter Gesellschaft, Die Waffen niederlegen, Das Licht fließt dahin, wo es dunkel ist, Krankheit heilt und Was wachsen will muss Schalen abwerfen. Ihre Schwerpunkte sind der Umgang mit Krisensituationen und Krankheit und die Sensibilisierung für das schöpferische Potential im Menschen. 

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