Sandira Belia hatte von kleinauf eine besondere Beziehung zu den Honigbienen. Obwohl ihre Mutter Imkerin war und sie selbst inmitten der Bienen aufwuchs, war sie nie daran interessiert, Honig zu produzieren und zu verkaufen. Ihr Fokus liegt auf der tiefen Verbindung: «Meine Reise mit den Bienen war das Schaffen von Brücken zwischen Menschen und Bienen», sagt sie in einem Interview.
Gemeinsam mit zwei Kolleginnen betreibt die Französin, die heute in Portugal lebt, das «Be Wisdom Network». Sie begleitet Bienenhalter und Laien im intuitiven und respektvollen Kontakt mit Bienen.
Honigbienen sind für Sandira magische Wesen. «Die einzelnen Bienen sind nicht wirklich Individuen, sie sind Zellen eines Superorganismus, des Bienenstocks.»
Dieser Superorganismus ist überaus elastisch, weil seine Zellen nicht fest verbunden sind. «Wenn Sammelbienen mehrere Kilometer weit fliegen, wird das Volk grösser als ein Wal, bleibt aber immer kohärenter Teil des Stamms. Deshalb sage ich gerne, dass die Honigbiene eines der grössten Lebewesen auf der Erde ist.»
Obwohl Insekten normalerweise wechselwarm sind, erzeugen Honigbienen im Stock konstante Wärme: Die Larven brauchen über 34 Grad. «Gleichbleibende Wärme im Nest, das ist eine Parallele zu uns Menschen.»
Ein Bienenvolk ist ein Meister der Kommunikation, und das auf vielen Ebenen. Zur physiologischen Kommunikation gehört ständiger Körperkontakt: «Im Nest reiben sich die Honigbienen ständig, sie berühren, lecken und fühlen sich mit ihren kleinen Antennen.»
Dazu kommt der Klang: Das typische Summen des Bienenvolkes entsteht durch Vibration der Flügelmuskulatur. Dieses hat viele Varianten. Es gibt hörbare Unterschiede zwischen weiblichen und männlichen Bienen, beim Füttern der Larven, bei Überfluss oder Schwäche. Auch der Geruch ist ein wesentliches Kommunikationsmedium, die Süsse des Nektars und die Pheromone der Bienen selbst. Sandira: «Das Königinnen-Pheromon ist so stark, dass jede Biene ein bisschen davon trägt. So ist sie überall von ihren Geschwistern zu erkennen.»
Stirbt die Königin, merkt das gesamte Volk dies innerhalb von zwanzig Minuten. Sofort organisiert es die Nachzucht.
Ein beeindruckendes Beispiel kognitiver Kommunikation ist der Schwänzeltanz. Die Scout-Bienen teilen damit die genaue Lage, Quantität und Qualität einer Futterquelle mit. Der Tanz hat die Form einer liegenden Acht, die einem Torus (dh. der Form eines Rings oder Donuts) entspricht. Auf den vertikalen Waben wird die horizontale Richtung zur Sonne übersetzt. Die Bienen haben dabei eine Vereinbarung: Oben auf der Wabe bedeutet Richtung der Sonne.
Der Tanz geschieht auf speziellen Bereichen der Bienenwabe, der Ballsaal genannt wird. Die Vibrationen der Wabe übertragen Richtung, Entfernung und Qualität der Nahrungsquelle.
«Die Waben werden aus Millionen winziger Sechsecke geschaffen, eine geometrische Struktur, die sich perfekt eignet, um Informationen durch Vibration zu übertragen. Ist das nicht erstaunlich?» fragt Sandira.
Beim Schwärmen zeigt sich die kollektive Intelligenz der Bienen besonders eindrücklich. Sandira: «Die Bienen fliegen sehr dicht, aber keine zwei Bienen werden zusammenstossen. Das ist ein Zeichen unglaublicher Schwarmintelligenz und Wahrnehmung füreinander.»
Für Sandira verbindet sich die kollektive Intelligenz aller Bienenvölker zu einer «Deva». Das Wort kommt aus dem Sanskrit und bedeutet Seele. Auch in der spirituellen Gemeinschaft Findhorn wurde das Wort Deva genutzt, um das Gruppenbewusstsein von Tier- oder Pflanzenarten zu benennen und mit ihm zu kommunizieren. Dort sprach man von der Erbsen-Deva, Tomaten-Deva, Blattlaus-Deva und vielen anderen.
Sandira ist davon überzeugt: «Die Deva der Bienen ist die kollektive Intelligenz aller Honigbienen, die heute leben und die jemals auf der Erde gelebt haben.»
Man könne in der Interspezieskommunikation mit einem spezifischen Volk oder direkt mit der Deva aller Bienen kommunizieren. Gemeint ist eine spirituelle oder intuitive Kommunikation mit Tieren oder Pflanzen. Dabei seien klare Prinzipien wichtig: Fragen sollten offen und wertfrei sein. Liebe und Respekt seien dabei essentiell. Sandira: «Um mit den Honigbienen zu kommunizieren, müssen wir unsere Herzen offen haben und staunen – gegenüber der Magie und Grösse dieser Intelligenz.»
Dazu kommen Dankbarkeit und ein gewisser spielerischer Ansatz. Der hilft zu einem ausgewogenen Spannungszustand, weder zu viel Ehrgeiz noch zu viele Zweifel.
In Übungen leitet Sandira Teilnehmende ihrer Seminare an, sich einem Bienenvolk anzunähern, ihre Fragen zu stellen, sich zu erden und die Antwort intuitiv aufnehmen.
Mögliche Fragen könnten sein: «Welche Botschaft hast du heute für mich?», «Wie fühlt es sich an, in einem Baum zu leben?» oder «Wie steht ihr zu den Menschen?»
Sandira betont dabei die Fähigkeit zu Geduld: «Nimm dir Zeit, lass es kommen und sei dankbar für das, was bereit ist zu kommen.» Sie lädt mich ein, mir vorzustellen, für einen Moment in einem Bienennest zu sein. «Stell dir vor, du bist eine kleine Biene und in ständigem Kontakt mit euren Schwestern. Wie fühlt es sich an, zuerst mit Berührung zu kommunizieren? Fühle die Bindung, den Zusammenhalt, der im Stock entsteht!»
Bienen sind für Sandira ein wichtiger Verbündeter auch auf ihrem persönlichen Heilungsweg. Jahrelang litt sie an Fibromyalgie (chronische Erkrankung des Schmerzsystems). «Ich weiss nicht, ob ich heute noch hier wäre ohne die Bienen. Sie waren eine grosse Heilungskraft für mich», betont sie. Auf diesen Erfahrungen beruht ihr faszinierendes Buch «Die Weisheit der Bienen: Lehren aus dem Bienenvolk», das 2025 auf deutsch erschien.
Darin schreibt sie:
Auf den Windungen meines Weges begegnete ich Verbündeten aller Art, die mehr oder weniger hell oder dunkel waren. Ob durch ihre Unterstützung oder Herausforderungen, alle forderten mich auf, weiter zu gehen. Unter ihnen lernte ich die Bienen-Deva kennen. Sie stellte sich mir als gefährtin und Ratgeberin vor, der ich meine Zweifel und Fragen anvertraute. Sie bot mir ihre Heilmittel an, sowohl physische – wie Honig, Pollenbrot und Bienengift – als auch energetische.
«Der wahre Heiler ist kein Retter, der das Opfer mit einem Zauberstab aus seinem Unglück herausholt,» sagt mir die Bienen-Deva. «Damit die Heilung wirksam und dauerhaft ist, besteht die Aufgabe des Heilers darin, die Petson in ihrem Selbstheilungsprozess zu begleiten. Er öffnet diesen Raum des Vertrauens, in dem das sich verändernde Wesen selbst auf sein eigenes Heilungspotenzial zugreifen kann. Er hilft dem Körper, sich an sein wahres Wesen zu erinnern.»
So bietet die Bienen-Deva unserem eigenen inneren Heiler ihre Führung an, damit wir zu Akteuren unserer Heilung werden. Und das geht nicht, ohne die Lehren zu verstehen, die sich im Laufe des Weges offenbaren. «Die ultimative Heilung», fügt die Deva hinzu, «besteht darin, das Ausmass der eigenen inneren Kraft zu erkennen.»