Iran: Kann man im Namen der Demokratie eine Zivilisation auslöschen?
Entgegen dem, was unsere Medien uns glauben machen wollen, hat die Islamische Republik Iran kein totalitäreres Regime als wir. Der Iran hat eine viel ältere Zivilisation als das Abendland. Seine Einwohner besitzen Eigenschaften, die uns fehlen. Wir sollten ihre Stimmen hören.
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Bombardierung Teherans. Bild: Screenshot

Sprachlos erleben wir eine neue Art von Krieg, ohne ihn zu verstehen. Mehrere Phänomene kollidieren und verwirren unser Verständnis: Einerseits bleiben wir von der militärischen Überlegenheit des Westens geprägt, die unsere Länder fünf Jahrhunderten lang zu den Herren der Welt gemacht hat. Es gelingt uns nicht zuzugeben, dass Habenichtse zivilisierter sein können als wir. Die Iraner sind von unserem Komfort und unserem Luxus nicht beeindruckt. Dennoch sind sie ein Volk von Ingenieuren, die wissenschaftlich weitaus gebildeter sind als wir.

Ihre Zivilisation ist in erster Linie durch einen individuellen eisernen Willen gekennzeichnet, von dem wir keine Ahnung haben. In iranischen Museen kann man Kunstwerke sehen, für deren Fertigstellung Künstler ihr ganzen Lebens aufgewendet haben. So etwas existiert bei uns nicht, weil wir glauben, dass Kreativität und Konzentration unvereinbar sind. Die Iraner haben von der Zeit eine nur langfristige Vorstellung, und denken nicht von Tag zu Tag. Das zweite Merkmal ihrer Zivilisation ist allgemeiner: Sie richten ihr Leben nach ihrer Wahrnehmung spiritueller Realitäten aus. So waren unsere Gesellschaften am Ende des Mittelalters und in der Renaissance organisiert, aber heute nicht mehr. Wir denken, dies sei ein Fortschritt, sie tun es nicht. Diese beiden Eigenschaften führen dazu, dass sie das Bewusstsein höher schätzen, als die Trunkenheit.

Natürlich haben sie die gleichen Schwächen wie wir. Zum Beispiel gibt es im Iran genauso viele Drogenabhängige wie im Westen. Aber im Westen finden wir das banal und reagieren nicht, wenn Politiker kokainsüchtig sind. Das erscheint für Iraner unvorstellbar.

Wir sind so von uns selbst eingenommen, dass wir die iranische Kultur nicht einmal kennen. Iran ist eine große Zivilisation, seit dem ersten Jahrtausend v. Chr., lange vor dem Athen des Perikles, zu einer Zeit, als wir nur verstreute Stämme waren. Unsere Unwissenheit ist völlig normal: Während unserer Schulzeit haben wir von dieser Kultur nur im Zusammenhang mit den Perserkriegen gehört. Wir sind vage mit den Schlachten von Marathon, an den Thermopylen und bei Salamis vertraut. Nicht mehr. Wir sind zu Recht stolz auf den Sieg der Griechen, dank ihrer Einheit und List. Dabei haben wir es belassen.

Die iranische Zivilisation ist selbst tief von der chinesischen Zivilisation geprägt. Chinesische Statuen sind im Palast von Persepolis (5. Jahrhundert v. Chr.) zu sehen. Vor allem hat die iranische Zivilisation die arabische Zivilisation hervorgebracht. Die großen arabischen Mathematiker, die großen arabischen Astronomen, die großen arabischen Ärzte, die großen Dichter der arabischen Sprache waren keine Araber, sondern Perser. Manche Iraner haben übrigens ein Überlegenheitsgefühl gegenüber den Arabern beibehalten.

Im sechzehnten Jahrhundert war Iran ein sunnitisch-muslimisches Reich. Doch die Safawiden-Dynastie wollte ihm eine andere Identität geben als die ihres Rivalen, des Osmanischen Reiches. Also beschloss sie, ihre Bevölkerung zum schiitischen Islam zu bekehren. Die Herrschaft von Ismail I. war die eines Religionskriegs, um den Schiismus mit Gewalt durchzusetzen. Um ihn zu etablieren, stützte sich Ismail I. auf die schiitischen Ulemas des südlichen Libanon. Die Beziehung zwischen Hisbollah und Iran entspricht nicht dem, was wir denken: Selbst heute kommen iranische Theologiestudenten in den Libanon, um zu lernen. Als ich von der Hisbollah in einer ihrer Residenzen aufgenommen wurde, waren meine Mitbewohner meist iranische Ulemas.

Der Unterschied zwischen Sunniten und Schiiten wird durch einen Thronfolgestreit erklärt, aber es sind zwei verschiedene Welten. Jede Region des Islam hat ihre eigene Kultur. Der afrikanische Islam ähnelt nicht dem Chinas. Iranische Moscheen sind ein Stück in den Boden eingelassen, mit wenigen offenen Fenstern. Im Inneren, im Halbdunkel, sind die Wände mit Spiegelsplittern bedeckt. Jeder ist dort eingeladen, zu meditieren, über sich selbst nachzudenken.

Auch verstehen wir die Verbindungen zwischen den arabischen Schiiten und dem Iran nicht. Alle wurden durch die Botschaft von Imam Ruhollah Khomeini verwandelt. Manche folgten seinem institutionellen "Nachfolger" nicht, als er das Velayat-e faqih, also die Rolle der Weisen in der Regierung der Menschen, neu definierte. Entgegen der landläufigen Meinung sind Männer wie Scheich Mohammad Hussein Fadlallah, der spirituelle Vater der Hisbollah, Ayatollah Ali Khamenei in seinem Machtstreben nie gefolgt.

Der revolutionäre Iran hat nicht nur Schiiten, sondern auch andere Muslime und Nicht-Muslime weltweit fasziniert. Seine Botschaft behauptete, dass es möglich sei, Menschen eines Tages vom Kolonialismus zu befreien und gegenwärtig ein rechtes Leben in einem Meer der Ungerechtigkeit zu leben, indem man sein eigenes Leben für dieses Ideal opfert. Der Iran bildete Schiiten aus, die Khomeinis Beispiel folgen wollten. Unter den Präsidentschaften von Hashemi Rafsanjani und Mohammad Khatami glaubte man im Iran, sich mit Hilfe seiner ausländischen Unterstützer verteidigen zu können. Dies war die Ära der Stellvertreter, der „Proxys“, wie die Angelsachsen sagen. Doch diese Zeit endete mit Präsident Mahmoud Ahmadinejad und vor allem mit General Qassem Soleimani. Seit den letzten fünfzehn Jahren hat Iran keine Stellvertreter bzw. „Proxys“ mehr, egal was die westliche Propaganda dazu sagt. Jede Gruppe ist unabhängig geworden, auch wenn sie vom Iran bewaffnet wurde.

Heute kämpft die libanesische Hisbollah zum Beispiel nicht aus Solidarität mit dem Iran gegen Israel, sondern weil Israel einen Teil des Libanon besetzt und damit gegen das Waffenstillstandsabkommen vom 26. November 2024 verstößt.

Wir tolerieren die Ermordung iranischer Führer als notwendiges Übel. Wir betrachten dieses Land als totalitär und sind überzeugt, dass es Frauen unterdrückt. Es ist eine Art, einen Teil dessen zu interpretieren, was wir sehen, und nicht das Gesamtbild der Dinge.

Der Iran wird tatsächlich von einer Generation regiert, die seine Jugend nicht versteht. Wir interpretieren dieses generationenübergreifende Problem als Diskriminierung von Frauen und glauben, dass das Regime ihnen verantwortungsvolle Positionen verbietet. Aber der Iran hat unter dem vom Irak verhängten Krieg gelitten. Dadurch hat er einen großen Teil seiner Männer verloren. Wie in Europa nach dem Ersten Weltkrieg hatte der Iran keine andere Wahl, als überwiegend von Frauen verwaltet zu werden. Diese sind heute auf allen Ebenen der Gesellschaft präsent. Natürlich sind sie nicht für Gottesdienst oder die Streitkräfte verantwortlich, und in unserem Land gibt es diesbezüglich nur Ausnahmen.

Ebenso sind wir schockiert über die Pflicht, einen Schleier zu tragen, und ignorieren die Tatsache, dass dies mit der Bartpflicht der Männer einhergeht. Wir wissen nicht, dass viele Politiker – insbesondere Mahmoud Ahmadinejad – versucht haben, die öffentliche Meinung zu ändern, und glauben fälschlicherweise, der Tschador präge dieses Regime. Wir sehen nicht, dass die schwarzen Frauenuniformen, die sie wie christliche Nonnen aussehen lassen, keineswegs ein Zeichen der Unterwerfung sind – im Gegenteil –, sondern ein Zeichen der Konformität. Iranische Verwaltungsgebäude wimmeln von Frauen in Schwarz, genauso wie unsere voller Männer in Anzügen und Krawatten sind.

Wir kennen das hohe intellektuelle Niveau der Iraner nicht. Zum Beispiel war Ali Larijani weit davon entfernt, nur die Unterdrückung seines Volkes im Sinn zu haben, wie unsere Medien es darstellen, ein Philosoph, ein Spezialist von Immanuel Kant. Er war daran interessiert, die Kriterien zu bestimmen, die uns dazu bringen, einem Vorschlag gemäß unserer Logik oder Intuition zu folgen. Wir wären sehr geehrt, europäische Führungspersönlichkeiten dieser Qualität zu haben.

Abschließend ein Wort zur Gewalt im Iran. In allen Epochen war diese Kultur eine blutige. Alle Menschenrechtsorganisationen haben in den 1960er Jahren bestätigt, dass der Iran unter dem Schah das repressivste Regime der Welt war. Aber die Iraner haben sich stets gegen kollektive Züchtigung gewehrt. Auch die Islamische Republik hat die Todesstrafe umfangreich genutzt, aber nie Strafen gegen Familien oder Gruppen von Einzelpersonen praktiziert.

Im Widerspruch mit einem hartnäckigen Vorurteil hängt der Iran keine Homosexuellen auf. Andererseits erhängt er ohne Zögern Kriminelle, die Kinder vergewaltigen. Die Popkultur setzt natürlich weiterhin Schwule mit Pädophilen gleich, wie es vor etwa dreißig Jahren in Europa der Fall war. Ich kann die verächtliche Sichtweise einiger Iraner gegenüber denen unter ihnen bezeugen, die homosexuell sind, aber auch, dass es nicht weniger von ihnen gibt als in unserem Land und dass sie sich nicht zur Schau stellen, aber sich auch nicht verbergen. Der aktuelle Führer, Mojtaba Khamenei selbst, ist angeblich schwul. Die Dummheit liegt weder in der Islamischen Republik noch in ihrer Opposition. Als ich an der Seite von Präsident Ahmadinejad war, waren es die sogenannten Progressisten (pro-US), die eine Kampagne gegen mich wegen meiner Homosexualität führten, nicht Ahmadinejad.

Die Iraner sind wie andere Männer. Wenn sie im öffentlichen Bereich puritanisch sind, sind sie im privaten Bereich frei, was diejenigen, die sie nicht verstehen, sagen lässt, sie seien ein Volk der Heuchler. In Wirklichkeit haben sie nicht dieselbe Definition von Freiheit und Anstand wie wir.

Als Ayatollah Khomeini, auf das irakische Giftgas reagierend, erklärte, dass dem Iran moralisch verboten sei, Massenvernichtungswaffen einzusetzen, hatte er keine Schwierigkeiten, dass seine Fatwa akzeptiert wurde. Doch der Krieg dauerte noch ein weiteres Jahr, genau wegen der Ungleichheit, die Iran sich gegenüber dem Irak selbst auferlegt hatte. Es ist daher absurd, den Iranern vorzuwerfen, ein militärisches Nuklearprogramm zu verbergen. Abgesehen davon, dass das Konzept der Taqiyya (Tarnung) nichts mit Schiismus zu tun hat, zeugt [diese Behauptung] von der Ignoranz eines wesentlichen Punktes der iranischen Kultur: die individuelle Verantwortung. Iran lehnt jegliche Form von Kollektivstrafe ab.

Ich möchte betonen, dass ich zwar nie Angst vor politischer oder militärischer Macht im Iran hatte, mich aber immer vor der Justiz in Acht genommen habe. Die Richter, die ihre Auslegung der Scharia anwenden, erschienen mir oft fanatisch. Ich hatte die Chance, die ranghöchsten Beamten in diesem Bereich zu besuchen und mit ihnen zu sprechen. Ich hatte den Eindruck von Menschen, die die Prozessparteien verurteilten, ohne zu erkennen, dass auch sie Menschen waren.

Abschließend möchte ich sagen, warum ich so sehr an diesem Land hänge: Ich habe viele aufrichtige Menschen gefunden, die zu dem Besten fähig sind. Ich weiß, dass sie nicht alle so waren und dass andere nur ans Geld dachten, aber diese haben mich nicht gestört. Sie glichen so sehr den Menschen des Westens.


Übersetzung: Horst Frohlich
Korrekturlesen: Werner Leuthäusser

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