Kurz vor den israelischen Parlamentswahlen vom 27. Oktober zeichnet der ehemalige Politiker und Friedensaktivist Avraham Burg in einem Beitrag für den Observer ein düsteres Bild seines Landes. Der Text erschien am 19. Oktober in deutscher Übersetzung auf palaestina.ch.
Israel sei militärisch stark, psychologisch jedoch verängstigt und so gespalten, dass es am Rande eines kalten Bürgerkriegs stehe. Haredi-Proteste, mörderische Gewalt extremistischer Siedler im Westjordanland, Kriminalität in arabischen Städten, anhaltendes Trauma nach dem 7. Oktober, steigende Depressionen, Auswanderung und der Zusammenbruch des Vertrauens in staatliche Institutionen prägten die Lage. Die staatliche Autorität sei untergraben, die bürgerliche Solidarität zerfallen.
Burg betont die doppelte Verantwortung: Die Hamas trage die volle Schuld am Massaker vom 7. Oktober. Israel hingegen sei verantwortlich für die Massenmorde an Unschuldigen und die Zerstörung Gazas. Zwei monströse Verbrechenssysteme, die sich nicht ausglichen.Die Sicherheitsillusionen – Siedlungsbau, Besatzung, Zäune und militärische Gewalt – seien am 7. Oktober zusammengebrochen. Taktische Erfolge gebe es, strategische Lösungen jedoch nicht. Die Hamas herrsche weiter über Gaza, die Besatzung im Westjordanland verschärfe sich.
Alle ernstzunehmenden Kandidaten hielten an der Logik permanenter militärischer Kontrolle über die Palästinenser fest. Die Besatzung habe die gesamte Gesellschaft geprägt. Gewalt von aussen werde zur inneren Politik. Arabische Stimmen würden systematisch ausgeschlossen. Die Demokratie erreiche einen neuen Tiefpunkt.Die entscheidenden Fragen – ob Israel eine ewige Festung bleibe oder zu einem Friedensstaat werde – stünden nicht auf dem Stimmzettel. Sie würden die Zukunft des Landes dennoch massgeblich bestimmen.